Gehaltsreport Elektronikindustrie 2020 So viel verdient man in der Elektronikindustrie

Interconsult hat seinen jährlichen Gehaltsreport für die Elektronikindustrie veröffentlicht. Geschäftsführer Dietrich Graf von Reischach erklärt, welche Rolle der Fachkräftemangel, das Coronavirus und die geschwächte Automobilkonjunktur spielen.  

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Gehaltsreport Elektronikindustrie 2020

Neu: Gehaltsvergleich Elektronikindustrie 2020 von Interconsult. Unsere Bilderstrecke zeigt die Bereiche Aktive und Passive Bauelemente, ASICS, Elektromechanik, Distribution, Automatisierung, Mikroprozessorsysteme, Medizinelektronik und IT/MIS.

Markt&Technik: Graf Reischach, wie präsentiert sich der Arbeitsmarkt für Elektroingenieure derzeit?
Dietrich Graf von Reischach: Kurz gesagt: sehr bedeckt und abwartend. Da ist zuallererst das Coronavirus und die geschwächte Autokonjunktur, die auf die Stimmung schlagen. Aber auch die Probleme zwischen China und den USA sowie der Brexit sind nicht vom Tisch. Dazu kommen Probleme im Nahen Osten. Alles in allem eine sehr unsichere Umgebung, die sowohl die Firmen als auch die Arbeitnehmer beeinflussen. 
 

Dennoch gibt es weiterhin Fachkräftemangel?
Der Bereich IT boomt, Automatisierung und Medizinelektronik ebenfalls. Hier werden weiterhin gute Leute gesucht. Bewerber sind derzeit aber nicht sehr wechselwillig, aus den vorher genannten Gründen. Man bleibt lieber bei dem, was man hat und vermeidet das Risiko einer Probezeit. Und die Sorgen der Leute sind ja auch berechtigt.  

Gibt es in der Elektronik Entlassungen? 
Ja, in Teilbereichen wie etwa der Halbleiterindustrie oder der Distribution. Aber vorwiegend im administrativen Bereich - hier wird streng beobachtet und in Teilen auch gekürzt. Kosten sparen lautet die Devise, viele Firmen haben aktuell Probleme mit der Profitabilität. Gleichzeitig bleiben Applikation und Vertrieb sowie Entwicklung und Design-in weiterhin sehr gesucht und werden auch weiterhin besetzt. Ingenieure stellen durchaus strategische Überlegungen an hinsichtlich ihrer beruflichen Weiterentwicklung. Aber im Moment überwiegt die Angst vor Kostenreduzierungen, die ja immer zuerst die Neueinstellungen betreffen sowie die temporären Kräfte. Es ist gerade sehr viel Unsicherheit im Markt. Die spielt auch bei interessanten Job-Optionen eine Rolle.  

Hören Sie das häufig in Gesprächen?
"Rufen Sie mich mal in sechs Monaten wieder an", das höre ich oft . Die Abwartehaltung ist zu spüren. Das macht es auch für uns schwer, Positionen zu besetzen, selbst in gut laufenden Branchen wie der Automatisierung. Es ist schwer, jemanden zu bekommen. 

Wer sind die Gewinner des diesjährigen Gehaltsreports?
Die Gewinner sind im IT/MIS-Bereich, dann folgen Medizinelektronik und Netzwerktechnologie. Der Rest bewegt sich so zwischen 2,5 und 3 Prozent plus. 

Hätte aber auch weniger sein können, oder? 
Eigentlich nicht, denn die Leute, die man hat, muss man ja auch halten. Aber wir haben in der Tat im Vergleich zum letzten Jahr  - da gab es 3,5 Prozent mehr - eine kleine Reduzierung auf 3,2 Prozent plus. 

Was raten Sie Kandidaten aktuell? 
Wir raten den Menschen, die Positionen sehr genau zu hinterfragen. Etwa, um nicht ungewollt in eine technologische Nische zu geraten. Vertriebler mit hohem technischen Niveau müssen sich keine Gedanken machen - sie sind sehr stark gesucht. Früher ging der Vertriebsingenieur zusammen mit dem Applikationsingenieur zum Kunden - heute soll der Vertrieb das alleine bewerkstelligen und in der Lage sein, mit dem Kunden auf Augenhöhe zu sprechen. Von dieser Entwicklung profitieren natürlich gute Vertriebsleute mit starker applikativer Erfahrung und technischen Background, die Kundenfragen gut und verlässlich beantworten können. 

Das heißt, die Rolle des Vertriebsingenieurs hat sich gewandelt und er hat mehr Kompetenzen aufgebaut? 
Ja. Vor allem mehr Fachwissen hinsichtlich eines Produktes und seiner Probleme. 

Welche Rolle spielt das Gehalt beim Jobwechsel?
Nicht mehr die entscheidende. Ausschlaggebend für oder gegen einen Jobwechsel ist die Zukunftsfähigkeit des potenziellen Arbeitgebers am Markt und welche Freiheiten man dort hat, welche Einarbeitung  es gibt. Ob Homeoffice möglich ist - das wird praktisch in jedem Gespräch gefragt, das wir führen. Die Aufgabe steht im Vordergrund, das Gehalt ist sekundär. Ein oder zwei Tausender mehr oder weniger im Jahr spielen ja auch keine Rolle bei unserer Steuerbelastung. 

Wie großzügig sind die Arbeitgeber beim Homeoffice, das offensichtlich im Trend liegt? 
Angesichts des Fachkräftemangels müssen sie manchmal einlenken. Sie tun es aber nicht gerne, wenn die Position eher im Büro angesiedelt ist wie etwa das Produktmarketing. Aber bevor sie die Position nicht besetzen können, beißen viele eben in den sauren Apfel. Wobei man ja konstatieren muss, dass Homeoffice für Beschäftigte auch sehr viele Vorteile hat, etwa wenn sie damit lange Arbeitswege sparen. 

Sind die Ingenieure selbstbewusster geworden, was die Gehaltsverhandlung betrifft? 
Ja, absolut. Wobei ich wiederhole, dass praktisch niemand mehr wegen ein paar tausend Euro mehr im Jahr von A nach B wechselt. Weiterentwicklung und -bildung sowie gute Produkte mit Zukunft wirken mehr. Bewerber sind heute viel kritischer als früher und allgemein sehr viel besser informiert. 

Welche Rolle spielt das jährliche Gehaltsgespräch?
Das war früher Standard, wird aber immer seltener. Das Jahresgespräch ist heute weitgehend abgelöst worden durch regelmäßige Feedbackrunden und -gespräche. 

In welchem Rahmen haben dann Gehaltsgespräche ihren Platz?
Das findet mehr über das Jahr verteilt statt. Vertriebler haben es da ohnehin nicht so schwer, der Chef sieht die Entwicklung beim Kunden ja jedem Tag im Computer. 

Wechseln Kandidaten weiterhin gerne in die Stadt zu Top-Arbeitgebern?
Zunehmend aufs Land, weil die Mieten in den Städten fast nicht mehr zu bezahlen sind. Für Hidden Champions ist das eine gute Nachricht.  

Wie ist Ihr Ausblick?
Wir werden abwarten müssen, wie es weitergeht mit dem Coronavirus und den anderen Herausforderungen. Aber pessimistisch bin ich nicht. Vorsichtig abwarten, lautet die Devise.   

(Interview: Corinne Schindlbeck)