Intelligente Instandhaltung »Smart Maintenance braucht Qualifizierung«

Dr.-Ing. Thomas Heller, Abteilungsleiter Anlagen- und Servicemanagement beim Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und Mitherausgeber der Acatech-Studie „Smart Maintenance“: »Smart Maintenance hat heute mit IT und coolen Anwendungen zu tun. Dadurch gelingt es uns heute leichter, Menschen für die Instandhaltung zu begeistern.«

Durch die Digitalisierung der Produktionsprozesse wächst die Bedeutung der Instandhaltung. Dr.-Ing. Thomas Heller, Abteilungsleiter Anlagen- und Servicemanagement beim Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik über den Stellenwert von Fachkräften und deren Qualifizierung.

Markt&Technik: Herr Heller, welche Fachkräfte brauchen Unternehmen für die intelligente Instandhaltung ihres Maschinenparks?

Dr. Thomas Heller: Es müssen nicht nur viele neue, sondern auch alte Qualifizierungsanforderungen abgedeckt werden. Denn der Maschinenpark in Deutschland besteht ja nicht nur aus komplett neuen Anlagen, die die Digitalisierung quasi schon eingebaut haben, sondern auch aus vielen älteren, die nicht plötzlich alle verschrottet werden. Daher reden wir eher von Transformation und wie ein Unternehmen sie mit den Menschen, die mit den Maschinen arbeiten, bewerkstelligen kann. Es geht um ein Zusammenspiel aus Technologien, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Kompetenzen der Menschen in den Unternehmen.

Dann gehört es zu den Hauptaufgaben von Smart Maintenance, sicherzustellen, dass die Transformation zu Industrie 4.0 gelingt?

Ja, denn wir stehen hier in Westeuropa in Konkurrenz zu Anlagen, die anderswo auf der Welt komplett neu gebaut werden und diesen Transformationsprozess daher nicht benötigen. Das müssen wir mit den Menschen auf dem Arbeitsmarkt hier in Westeuropa hin bekommen. Eine große Rolle dafür spielt Wissensmanagement. Denn an einer Vielzahl von Anlagen arbeiten Mitarbeiter, die demnächst in den Ruhestand gehen und die ihr Wissen mit in den Ruhestand nehmen, oftmals ohne Übergang. Dieses spezielle Insider-Wissen muss zugänglich bleiben, auch wenn der- oder diejenige nicht mehr im Unternehmen ist. Vermeintlich alte Anlagen – alt heißt hier schon 10 Jahre und weniger – müssen fit für das Thema Digitalisierung gemacht werden, z.B. müssen Prozessdaten in ein übergeordnetes System wie eine Cloud erfasst und ausgewertet werden können. Unsere Studie zur Smart Maintenance zeigt, dass das in vielen Unternehmen noch ein ungeklärtes Problem ist, weil es das dazu benötigte Fachwissen in den Unternehmen so nicht gibt, die Automatisierungstechniker oder Mechatroniker dazu nicht ausreichend ausgebildet wurden; das gilt für die klassische Ausbildung in den Betrieben, aber auch für die Hochschulen.

Heißt das, Ihre Kunden haben eine Herausforderung beim Thema Personal?

Der Fachkräftemangel führt dazu, dass diejenigen Mitarbeiter, die einen Beitrag zur Digitalisierung des Produktionsprozesses leisten können, oftmals von großen Unternehmen mit wohlklingenden Namen schon vor der Bewerbungsphase vom Markt genommen werden. Insbesondere kleine und ländlich verortete Unternehmen sind froh, überhaupt jemanden mit einem technischen Abschluss einstellen zu können. Als Konsequenz müssen diese künftig noch mehr in die innerbetriebliche Qualifizierung investieren, sie haben keine andere Wahl. Spezifische Anforderungen an einen Automatisierungstechniker, Mechatroniker oder Ingenieur zu stellen, gibt der Arbeitsmarkt - bezahlbar – zuletzt kaum her. Gerade der Mittelstand hat dadurch Probleme, seine Aufträge abzuarbeiten und die Kundenanforderungen zu erfüllen.

Wie sähe denn ein Wunschprofil aus für eine Fachkraft im Bereich Smart Maintenance?

DAS passende Studium für Smart Maintenance gibt es nicht, in weiten Teilen nicht mal für Maintenance an sich. Damit fällt uns jetzt auf die Füße, dass Instandhaltung über viele Jahre hinweg vermeintlich unattraktiv war und in Deutschland auch keine spezifische Ausbildung angeboten wurde. Aber das Gute ist: Es ändert sich gerade! Weil Jugendliche mit den Technologien, mit denen wir umgehen, heute an vielen Stellen schon früh in Berührung kommen und diese begeistert und selbstverständlich nutzen; nehmen Sie Augmented Reality oder Virtual Reality, die aus dem Computerspielmarkt nicht mehr wegzudenken sind. Smart Maintenance hat heute viel mit Innovationen und mit coolen Anwendungen zu tun.

Es ist für unseren Bereich der Instandhaltung ein Vorteil, dass mobile Endgeräte heute eine große Rolle spielen und damit Studierenden ein Bild vermittelt, das viel attraktiver ist als noch vor ein paar Jahren. Statt mit dem Schraubenschlüssel in einer ölverschmierten Anlage herumzukriechen, kommt die Fehlermeldung heute auf das Smartphone. Dadurch gelingt es uns heute leichter als vor 10 oder 20 Jahren, Menschen für die Instandhaltung zu begeistern: Es geht darum, Innovationen und Technologien dort einzubringen, wo diese Dinge fehlen. Ein Informatiker hat nicht automatisch grundlegende Ideen von solchen Zusammenhängen. Er hat zwar das Uni-Wissen, er kann es aber nicht zwangsläufig umsetzen oder programmieren. Wir brauchen also mindestens beides: das Wissen um Technologien und das Verständnis, an welchen Stellen sie einen Mehrwert darstellen.