'Googlememo'-Affäre und Genderkritik 'Selbstverständlich ist das sexistisch!'

Ist das Google-Manifest sexistisch oder nicht?

Prof. Susanne Ihsen: ‘Ob das sexistisch ist, kann ja wohl nicht die Frage sein. Selbstverständlich ist es das, und zwar für alle Geschlechter. Soll es vermutlich auch sein, weil sonst die Solidarisierungs- und Empörungswellen nicht funktionieren würden. 
Der Google-Mitarbeiter, der uns heute beschäftigt, nutzt alle Spielweisen der aktuellen Abgrenzungsdebatten gegenüber Gender und Diversity: Er stilisiert sich zunächst als diskriminiertes Opfer politischer Korrektheit, um dann heldisch seine kruden Annahmen und Weltsichten zu verbreiten, die keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Weder in Biologie, Neurologie, Medizin, noch in den Geschichtswissenschaften, der Ethnologie, der Soziologie oder in der Gender-Forschung finden seine Mutmaßungen irgendeine Berechtigung.

Alles leider nicht neu, sondern ärgerlich bekannt und schon fast üblich: Hier wird Politik betrieben und nicht etwa wissenschaftlich argumentiert. Er stellt sich gegen notwendige Veränderungen in Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft für mehr Chancengerechtigkeit und Vielfalt, gegen erfolgreiche Maßnahmen für mehr Frauen in MINT und in Führungspositionen, für mehr Männer in sozialen und pädagogischen Berufen, für eine bessere Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, für eine stärkere Sichtbarkeit von Lesben und Schwulen, inter- und transsexuellen Personen – kurz, gegen alle, die ihm für seine weitere berufliche Laufbahn und für seine gesellschaftliche Rolle als Mann gefährlich werden könnten. Und da die Wissenschaften diese Sicht nicht decken, bleibt er eben unsachlich, undifferenziert und pauschal diskriminierend.

In einem Punkt unterscheidet sich der Vorgang allerdings vom hierzulande tagein, tagaus durch das Netz vagabundierenden ‘Man-wird-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen’. James Damore verbreitet sein Pamphlet über seinen Arbeitsplatz, ausgerechnet bei der Firma, der das US-Arbeitsministerium vor kurzem einen systematischen Gender-Pay-Gap bescheinigt hatte. Während sich Google derzeit also wohl mit der eigenen Unternehmenskultur und einem möglichen Imageschaden beschäftigt, stellt sich ein Mitarbeiter in die Öffentlichkeit, bezeichnet das eigene Unternehmen als (zu) links, eingebunden in eine kommunikative ‘Echo-Kammer’, wirft ihm verfehlte Unternehmenspolitik vor. Sich in dieser Art und Weise gegen die eigene Firmenpolitik zu stellen, hat folgerichtig vor allem für ihn Konsequenzen, nämlich arbeitsrechtliche. 

Und was sagt der traditionsreiche deutsche ingenieurinnenbund e.V. zu den Reaktionen? Sprecherin Sylvia Kegel war für eine Stellungnahme zu erreichen. Und zeigte sich streitbar: 

’Es sind Sexisten und Rassisten, die ihre Unverschämtheiten, Beleidigungen, ihre Hetze und ihr Mobbing, ihre Aufrufe zu Ausgrenzung und Gewalt als ‘Meinung’ verkaufen wollen. Das ist keine Meinung – das ist Gewalt gegen andere und im Zweifelsfall auch eine Straftat.’