Elektroingenieurinnen »Regelmäßige Bestätigung, dass sie gewollt sind«

Wie kann man mehr Frauen für Elektronik begeistern?
Wie lassen sich mehr Frauen für Elektronik begeistern?

Mit 17 Prozent Studienanfängerinnen ist die Frauenquote in der Elektrotechnik zwar so hoch wie nie. Doch vielen geht das immer noch zu langsam. Interview mit Gender-Expertin Prof. Susanne Ihsen von der TU München über die Situation in Elektrotechnik und anderen Ingenieurwissenschaften.

Frau Prof. Ihsen, der VDE bringt den auffälligen Anstieg der Studienanfängerinnen in Elektro- und Informationstechnik seit 2011 auf zuletzt 17 Prozent mit Atomausstieg und Energiewende in Zusammenhang. Klingt doch plausibel!
Es gibt leider keine messbare 1:1-Relation, nein, auch nicht die Energiewende. Aus unserer Studie „Weiblichen Nachwuchs für MINT-Berufsfelder gewinnen“ geht eindeutig hervor: Berufsentscheidungen sind ein multifaktorieller Prozess. Da fließen viele Faktoren ein, nehmen Sie nur die rasante Entwicklung bei Robotik, Exoskeletten, den Klassiker Medizintechnik oder die Ernährung der Zukunft. Wenn Ökologie da ihren Teil dazu beiträgt, ist das super! Übrigens erforschen wir gerade die Einflussfaktoren zur Studienwahl Elektronik/Informationstechnik bei Schülerinnen und Schülern und Erstsemestern. Ende des Jahres können wir mehr dazu sagen. Die Resonanz war riesig!

Ist der Brand „MINT“ zielführend oder braucht es einen Titel, der mehr Sinnhaftigkeit vermittelt? Beispielsweise „Elektronik, das Klimaretterstudium“?
Aber wir brauchen doch beides! Im Zeitalter der Digitalisierung ist überall MINT drin! Darauf aufbauend die Berufe veranschaulichen, da bin ich dabei. MINT ist eine Marke geworden für Naturwissenschaft und Technik, das ist der Einstieg. Für diejenigen, die Mathe, Physik und Chemie nur aus der Schule kennen, brauchen wir MINT, um den Bezug zum Beruf herzustellen. Das noch mal zu ändern halte ich für nicht zielführend.

Aber wäre es angesichts des Bedarfes der Industrie nicht sinnvoll, Elektronik innerhalb von MINT noch mal extra zu branden? Es ist das Schlüsselstudium schlechthin, für die Energiewende zum Beispiel.
Aber es ist doch nicht das einzige Schlüsselstudium!

Aber ein sehr wichtiges!
Ja, d‘accord. Aber das ist z.B. auch Informatik.

Aber es scheint in Informatik nicht ganz so mühevoll zu sein, Frauen für Informatik zu gewinnen, das zeigen ja die Zahlen. Braucht es nicht deshalb in der Elektronik mehr Anstrengungen, auch seitens der Unternehmen?
Auch in der Informatik ist es nicht einfach. Ich bezweifle dennoch den Nutzen von disziplininterner Konkurrenz. Wenn wir damit anfangen, wird es unübersichtlich, weil dann plötzlich alle Fächer ihren eigenen Brand wollen, nach dem Motto: „Wir sind auch wichtig!“

Also müssen es die Unternehmen und Verbände selbst richten? Was wären die größten Hebel?
Junge Leute haben die Auswahl zwischen Hunderten von Berufen und Studiengängen, kennen tun sie vielleicht ein Duzend. Da haben Sie Ihren Hebel: Ausprobieren, demonstrieren, erklären. Der andere: Man verschiebt die Diskussion lieber von den Fachblättern in die allgemein zugänglichen Medien und zeigt spannende Menschen in MINT-Berufen.

Aber können Sie verstehen, dass es vielen aus unserer Branche zu langsam geht mit den Frauen angesichts des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung?
Die Frauen, die geschlechteruntypische Berufswahlen treffen, brauchen eine regelmäßige Bestätigung, dass sie gewollt sind. Nicht nur auf Plakatwänden, sondern im Alltag. Dazu braucht es Langmut und Durchhaltevermögen auf Seiten der Unternehmen, immer wieder an der gleichen Stelle das dicke Brett bohren. Ein Nachlassen gäbe ein fatales Bild, hier muss Sicherheit herrschen. Wir brauchen Verlässlichkeit, dass die getroffene Berufswahl auch langfristig die richtige ist und nicht beim nächsten Abschwung wieder zur Disposition steht! Mein inniger Wunsch: Wenn die Angriffe auf die Gender-Studies mal aufhören könnten. Denn das verunsichert junge Frauen und Eltern.

Was sind das für Strömungen, wo kommen sie her?
Es wird so getan, als wäre unsere Vergangenheit schon seit der Steinzeit so angelegt: Die immer glückliche Kleinfamilie, das 50er-Jahre-Familienmodell, Jungs blau und Mädchen rosa mit Puppe im Arm, bereits auf dem Weg zur eigenen Kleinfamilie. Ob die Frauen, die dem nachlaufen, wissen, wie wenig Rechte sie in den 50er-Jahren hatten?

Kommen wir zu den Unternehmen selbst. Wie steht es um die Arbeitsbiotope für Frauen, wie steht es um die Bereitschaft, das Thema voranzutreiben?
Der Fachkräftemangel und die Demografie verschaffen der Sache Rückenwind! Niemand kann mehr sagen, das interessiert mich nicht. Ob es nun gefällt oder nicht. Dazu kommen Themen wie Innovation und Kreativität, die nachweislich über Diversity gepusht werden und dafür gesorgt haben, dass etablierte Strukturen auf den Prüfstand kommen. Der Weg dahin ist unterschiedlich weit, ja. Aber unumkehrbar. Die meisten Unternehmen – und das schätze ich sehr – treffen sehr pragmatische Entscheidungen, weil sie diverse Belegschaften brauchen.

Haben wir es mit einem Henne-Ei-Problem zu tun? „Wir würden ja gerne Frauen einstellen, wenn es sie denn gäbe.“
Man kann das ja ausrechnen, in der Elektrotechnik und Informationstechnik steigerte sich der Absolventinnenanteil von 2015 auf 2016 um 12 %. Gehen wir also mal davon aus, dass es sukzessive mehr Ingenieurinnen gibt als früher. Wenn ich als Unternehmen also keine Bewerbungen bekomme, könnte ich mich ja mal fragen, woran es bei mir liegt: Welche Botschaften sende ich? Welche Work-Life-Balance-Angebote biete ich? Wie hoch ist mein Gender-Pay-Gap? Bin ich glaubwürdig ein guter Arbeitgeber? Was machen die anderen anders? Hier ist Wettbewerb um die besten Konzepte ganz sicher sinnvoll und nützlich.

Ich darf Ihnen eine Leserfrage weiterreichen: Wie kann man als Unternehmen mehr Frauen für ein MINT-Studium begeistern? Soll man Frauen in der Technik hervorheben oder sie besser als selbstverständlich ansehen?
Prof. Susanne Ihsen: Meine Antwort wäre: beides. Im Tagesgeschäft sollten Männer und Frauen selbstverständlich gleichbehandelt werden, auch verbal. Technikfrauen – zumindest ist das deren Rückmeldung an uns – wollen diesen ständigen Spot „Wir begrüßen ganz besonders die Damen unter uns“ auch nicht. Als Role-Model jedoch kann man sie hervorheben, beispielsweise für Vorträge, Schulbesuche o.ä., der nonverbalen Botschaft wegen „Frauen sind bei uns normal“, also auch bei technischen Fachdiskussionen.

Wie sieht es aus mit Gender-neutraler Ansprache – auch ein Dauer-Streitpunkt?
Das halte ich für selbstverständlich! Wir sollten im 21. Jahrhundert nicht mehr über das generische Maskulinum reden.

Also immer Ingenieur/innen schreiben? Medien schreiben so nicht…
Also ich schreibe immer Ingenieur/innen. Wohl wissend, dass mich meine eigene Innung dafür sogar verhaut, denn es gibt ja mehr als zwei Geschlechter…

Das gilt ja dann auch für den Beruf Lehrer. Keine Zeitung schreibt ‘Lehrer/innen’.
Ja natürlich, gilt das auch hier. Die Zeitungen sind hier ganz merkwürdig. In den Social Media ist das doch auch kein Problem, hier schreiben die Berufsverbände ganz selbstverständlich von Lehrerinnen und Lehrern.

In der Markt&Technik verwenden wir das generische Maskulinum ‘Ingenieur’ als Berufsbegriff, ohne Hintergedanken.
Ich kenne die Argumentation. Aber ich setze dem entgegen, dass alle empirischen Untersuchungen, die wir kennen, unter »Studenten« eine Gruppe von jungen Männern versteht. Und nicht automatisch Frauen mit dazustellt. Ich war ja früher – zwischen 1999 und 2004 – beim VDI, schon damals haben wir diese Diskussion ausgiebig geführt. Es gab dann eine typische ingenieurwissenschaftliche Regelung: wenigstens in den Überschriften sollte es korrekt geschrieben sein.
Es geht dabei ja nicht um Political Correctness, sondern um Veränderung. Und um Veränderungen zu erzeugen, braucht es einen Widerhaken im Kopf, etwas, das nicht stimmt, nicht typisch ist. Deswegen kritisiere ich Begriffe wie „Studierende“ oder „Mitarbeitende“ – das ist zwar politisch korrekt, aber man vermeidet den Widerhaken. „Meine Mama baut Häuser aus Stahl“ war hingegen eine gelungene Werbemaßnahme von Thyssen-Krupp im Rahmen „Land der Ideen“. Da liest man nicht drüber hinweg, das erzeugt die Irritation, die wir benötigen, um Stereotypen zu korrigieren.

Abgesehen von der richtigen Ansprache: Wo liegen denn weitere Großbaustellen beim Thema Ingenieurinnen in unserer Branche?
Es passt schon relativ viel. Wir haben hier an der TU München 16 % Anfängerinnen in der Elektrotechnik/Informationstechnik. Bundesweit sind es etwas weniger. Vor der Jahrtausendwende waren es einstellige Prozentzahlen im unteren Bereich, es hat sich also etwas getan. Und wir sollten das nicht schlecht reden, denn die latente Nölerei verunsichert potenzielle Kandidatinnen an der Schnittstelle Schule–Hochschule nur unnötig. An der Information und der Vermittlung liegt es nicht; dank der vielen Initiativen ist es praktisch unmöglich, dass junge Frauen nicht mit MINT in Berührung kommen. Seit 2008, Starttermin des Nationalen Pakts für Frauen in MINT-Berufen, sind wir mit ziemlich viel Drive dran! Und das will ich mir nicht schlecht reden lassen!

Wer redet denn diese Erfolge schlecht?
Die Kritik „Das führt alles zu nichts“ gibt es immer wieder. Dabei sind prominente Mitstreiter, denen es nicht schnell genug geht, ebenso wie diejenigen, die medienöffentlich vertreten, Frauen und Mädchen seien zu blöd für Mathe.
Das Problem ist, dass es dabei selten um die Verbesserung von Maßnahmen geht, sondern es geht direkt oder indirekt immer um die Frage, ob sich die Anteile von Mädchen und Frauen, die sich für Elektrotechnik oder Informatik interessieren, wirklich steigern lassen. Oder ob es nicht doch eher Ausnahmen von der Regel sind, die Frauen, die sich für MINT interessieren. Diese immer wiederkehrende Debatte verunsichert junge Frauen unmittelbar in ihrer Entscheidungsphase. Wir quasseln über die doch nicht hinweg. Und auch Eltern bekommen diese Diskussionen mit und raten: „Dann mach doch lieber auf Lehramt.“ Das ist unser Dilemma. Natürlich gibt es auch noch Verbesserungspotenzial in Sachen MINT: Als stellvertretende Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit leite ich gerade eine Arbeitsgruppe im Nationalen MINT-Forum, „MINT-Frauen 4.0“, die sich mit diesen Fragen befasst.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck.