Institut für Mittelstandsforschung, Bonn Radikale Innovationen sind in Deutschland selten

Dr. Nadine Schlömer-Laufen, Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.
Dr. Nadine Schlömer-Laufen, Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn.

Deutsche gründen erst, wenn die Idee ausgereift ist, dann aber geht es schneller als in den USA: Das Deutsche Institut für Mittelstandsforschung hat die Gründungsprozesse in den Branchen 'Alternative Energien' und 'Informationstechnologien' mit denen in USA, Italien und Großbritannien verglichen.

Dr. Nadine Schlömer-Laufen hat als IfM-Wissenschaftlerin gemeinsam mit Associate Prof. Dr. Andrea Herrmann (Universität Utrecht) das Forschungsprojekt „Von der Idee bis zum Gewinn – eine empirische Analyse der Entwicklungsprozesse von Neugründungen“ geleitet und interpretiert das Ergebnis der Studie so: »Offenkundig wagen es Gründer und Gründerinnen hierzulande erst, eine sichere Beschäftigung aufzugeben, wenn ihre Gründungsidee bereits relativ ausgereift ist. Aus diesem Grund scheinen sie bei der späteren Umsetzung ihres Gründungsvorhabens auf weniger Hemmnisse zu stoßen, wodurch letztlich der Gründungsprozess von Anfang an beschleunigt wird.«

Denn die Studie des IfM ergab, dass Gründungsprozesse in den Branchen „Alternative Energien“ und „Informationstechnologie“ in Deutschland schneller verlaufen als in den USA.

Insgesamt dauert es in den untersuchten Branchen hierzulande im Durchschnitt rund 29 Monate, bis aus einer Idee ein Unternehmen entsteht, das substanzielle Gewinne erwirtschaftet. Davon entfallen durchschnittlich ungefähr zwölf Monate auf die Vorgründungsphase, sechs Monate auf die Realisierungsphase und knapp elf Monate auf die Reifungsphase.

Die Gesamtzeit der Gründung kann jedoch stark variieren: Während einige Neugründungen in den untersuchten Branchen bereits nach wenigen Monaten die Gewinnzone erreichten, dauert es in anderen Fällen mehrere Jahre. »Prinzipiell gilt: Je innovativer ein Geschäftsmodell ist, desto länger dauert der Gründungsprozess«, so Schlömer-Laufen.

So wiesen Gründungen, die auf radikalen Innovationen beruhen, eine fast 16 Monate längere Dauer auf als imitative Gründungen. Dies sei nicht überraschend, schließlich benötigten radikale Innovationen meist mehr Zeit für die Marktetablierung, da die Produkte bzw. die Dienstleistung häufig noch unbekannt sind.

Nur jede neunte Neugründung in den alternativen Energien bzw. in der Informationstechnologie basiert auf einer radikalen Innovation. Bei rund jeder dritten Gründung geht es um eine Verbesserung eines bestehenden Produkts oder einer Dienstleistung, bei jeder zweiten um eine Imitation. Die aus einer Imitation oder einer Verbesserung erwachsenden Geschäftsmodelle etablieren sich deutlich schneller auf dem Markt als solche, die auf einer radikalen Innovation beruhen.

Ihr schneller Erfolg sei laut der Wissenschaftlerinnen ein Indiz dafür, dass der Fokus der Wirtschaftspolitik weit über die Förderung alleinig innovativer Gründungen hinausgehen sollte.

Inwieweit sich die Corona-Krise aktuell auf das Gründungsverhalten und den Gründungsprozess auswirke, lasse sich im Moment noch nicht absehen. Zusätzliche Analysen legten aber nahe, »dass Krisen eine beschleunigende Wirkung besitzen«, so die IfM-Projektleiterin.

So verkürzte sich während der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 der gesamte Gründungsprozess von Unternehmen im Durchschnitt um zehn Monate. Möglicherweise sind Gründer und Gründerinnen in Krisenzeiten bspw. aufgrund drohender Arbeitslosigkeit eher bereit, alles auf eine Karte zu setzen und die Gründung schneller voranzutreiben. »Dieser beschleunigende Effekt könnte sich bei einigen Gründungsvorhaben jetzt auch zeigen – allerdings vermutlich nur in solchen Branchen, die nicht so stark von der Pandemie betroffen sind«, so Dr. Nadine Schlömer-Laufen.

Die Studie „Von der Idee bis zum Gewinn – eine empirische Analyse der Entwicklungsprozesse von Neugründungen“ ist unter www.ifm-bonn.org abrufbar.