Arbeitsmarktchancen für Absolventen und Young Professionals Prima Zeiten für Jobwechsler

Anja Kettner, Arbeitsmarktforscherin beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung: »61 Prozent der Stellenangebote kamen 2009 für Jungingenieure gar nicht in Frage.«
Anja Kettner ist Arbeitsmarktforscherin am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. Sie hält es für wahrscheinlich, dass die Unternehmen während der Krise eine kluge Vorratshaltung betrieben haben.

Die wirtschaftlichen Aussichten wären noch viel rosiger, fänden die Unternehmen mehr junge Ingenieure, die bereitwillig für sie in die Hände spucken würden. Nach zwei Abwarte-Jahren reißen sich die Personaler wieder um junge Ingenieure und IT-Spezialisten. Theoretisch spricht das für Gehaltsaufbesserungen im zweistelligen Bereich. Praktisch gelingt das nur Jobwechslern.

Die deutsche Wirtschaft ist mit Rückenwind ins neue Jahr gestartet, die anhaltenden Erfolge beim Export lassen sogar einen XXL-Aufschwung vermuten. Wäre da nur nicht der Dauerengpass bei den Ingenieuren. Angesichts der Notstandsmeldungen sieht man die Unternehmer förmlich vor jedem Hochschulabsolventen mit wenigsten drei Semestern Mathematik niederknien: Bitte, bitte komm zu mir – ich zahl‘ auch alles, was Du willst.

Doch das tun sie eben nicht, jedenfalls nicht jedes Unternehmen, nicht für jeden Bewerber und schon gar nicht für Berufseinsteiger ohne Praxiserfahrung. „Es stimmt schon: Die Firmen suchen händeringend nach Ingenieuren“, bestätigt Udo Wirth, Chef der auf diese Berufsgruppe spezialisierten Personalberatung Wirth und Partner in München. Besonders groß sei der Bedarf an Ingenieuren in den Entwicklungsbereichen, zum Beispiel in der Leistungselektronik und in den Boomfeldern Optik, Laser, LED. „Das hat aber nur begrenzt Auswirkungen auf das Einkommen“, warnt Wirth vor allzu großer Euphorie. „Zum einen wissen die Unternehmen, dass Geld nicht alles ist, dass man gute Mitarbeiter anders motivieren muss. Zum anderen holen sie nicht jeden zu jedem Preis von der Straße. Vor zwei, drei Jahren lagen die Einstellungsgehälter für Hochschulabsolventen bei 40000 bis 45000 Euro. Und das tun sie heute auch noch, allenfalls ein bisschen darüber.“

Berichte, wonach erfahrene Ingenieure bei einem Arbeitgeberwechsel bis zu 30 Prozent mehr Gehalt verlangen und bekommen würden, verweist Wirth in das Reich der Fiktion. „Man darf nicht vergessen, dass die Margen in der jüngeren Vergangenheit stark geschrumpft sind und dass es vielen Unternehmen, zum Beispiel Automobilzulieferern, immer noch nicht gut geht.“ Außerdem hinge die Konjunktur entscheidend vom Export ab und sei von daher recht fragil. Mit Blick auf die globalen Zusammenhänge, von denen besonders die Automobilwirtschaft betroffen sei, warnt der Berater: „Wenn China seine Politik ändert, spüren wir das in Deutschland sofort.“

Auch Wolfram Tröger, Partner bei der Baumann-Personalberatung und stellvertretender Vorsitzender der BDU-Fachgruppe Personalberatung in Frankfurt, glaubt, dass die Unternehmen die konjunkturellen Risiken im Blick haben und deshalb trotz Bedarf preisbewusst einstellen. „Wir besetzen im Jahr sicherlich um die  250 Ingenieurpositionen“, sagt er, „die Jobchancen sind gut, keine Frage, sie werden in Zukunft sogar noch besser. Aber 30 Prozent Gehaltszuwachs bei einem Stellenwechsel halte ich für übertrieben.“ Was ist dann drin? „Das hängt vom Profil des Kandidaten ab: Wohin will er sich verändern, strebt er nach einer Stelle auf gleichem Level oder will er in eine neue Position hineinwachsen? Wir suchen den ganzen Tag im Ingenieurbereich. Der Bedarf ist da. Aber der Ball ist noch nicht ins Rollen gekommen.“

Den Grund für die Zurückhaltung glaubt Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (iab) in Nürnberg zu kennen. Sie hält es für wahrscheinlich, dass die Unternehmen eine kluge Vorratshaltung betrieben haben. „Im dritten Quartal 2010 ermittelten wir 34000 sofort zu besetzende Stellen in den Ingenieurberufen“, sagt sie nach einem Blick in ihre Statistik. „Entgegen dem allgemeinen Trend gab es bei Ingenieuren weniger offenen Stellen als in den Vorquartalen. Ich vermute, dass Ingenieure zu den Berufsgruppen gehören, bei denen die Unternehmen während der Wirtschaftskrise versucht haben, sie auf Biegen und Brechen zu halten. Auch wenn vielleicht nicht genügend Aufträge vorhanden waren. Jetzt im Aufschwung können sie auf diese Puffer zurückgreifen und müssen nicht so viel neu einstellen.“

 Sind die Jobchancen für Ingenieure 2011 also doch nicht so glänzend, wie sie vielfach dargestellt werden? Mit Gehaltssprüngen beim Arbeitgeberwechsel von 15, 20, 30 Prozent? „Dafür haben wir keine belastbaren Zahlen“, sagt Kettner, „in Einzelfällen mag das sein.“ Man müsse nämlich differenzieren: „Die Diskussion um einen Fachkräftemangel wird dominiert von den Großbetrieben. Diese können überdurchschnittliche Gehälter zahlen – mittelständische Unternehmen aber können sich Gehaltssprünge von 30 Prozent bei einer Neueinstellung selten leisten. Wir haben in Deutschland immer noch Betriebe, die sich noch nicht von der Krise erholt haben.“