Interview Nächstes Spiellevel für den Werker

Wissen über Spiele vermitteln – in der Industrie 4.0 sind neue Lernformate gefragt.

Dr. Jörg Niesenhaus entwickelte in der Vergangenheit Computerspiele wie »Die Siedler« mit. Den Spieltrieb hat er bis heute nicht verloren. Seine Gaming-Ideen stecken mittlerweile auch in Maschinen. Niesenhaus und das Team von Centigrade haben sich dem Lernen an der Maschine verschrieben.

Lernen Werker zukünftig direkt an der Maschine?

Niesenhaus: Ja, ich denke schon. Wir realisieren gerade ein Projekt für einen Großanlagenbauer, der genau in diese Richtung gehen will.

Was entsteht in diesem Projekt?

Niesenhaus: Wir entwickeln ein Trainingsspiel, in dem der Werker Abläufe an und mit der Maschine verinnerlicht, Ängste beim Bedienen abbauen und sich in Standardprozesse schnell einarbeiten kann.

Ein Game für die Produktion?

Niesenhaus: Spielen ist eng mit Lernen verbunden; ich würde sogar behaupten, dass es spielerische Handlungen ohne einen Lerneffekt gar nicht gibt. Spiele schaffen eine motivierende Lernumgebung in der wir uns Schritt für Schritt wachsenden Herausforderungen stellen. Bereits früh in der Schule wird leider versucht Spiel und Lernen voneinander zu trennen – ein fataler Fehler, der sich leider bis in die Arbeitswelt durchzieht. Gamification tritt an, uns wieder Freude am Lernen zu bereiten.

Welche Elemente entnehmen sie einem klassischen Game?    

Niesenhaus: Der Werker wird belohnt, wenn er eine Aufgabe besonders gut gelöst hat, sammelt Punkte auf einem Konto und kann seine Leistung messen. Wir vergleichen die Mitarbeiter aber nicht untereinander.


Was ist das Ziel in dem Projekt?

Niesenhaus: Die Stabilität der Produktion. Gleichzeitig steigt die Flexibilität im Betrieb. Das Unternehmen kann Mitarbeiter individueller einsetzen. Gleichzeitig erkennen die Mitarbeiter oft besser die Zusammenhänge, wenn ihnen die Bedeutung von Prozessen vermittelt wird. Und ein weiterer Effekt: Die Firmen sparen sich 50 Ordner an Datenblättern.

Wie gelingt ihnen das?

Niesenhaus: Der Werker spielt sich in dem Game durch verschiedene Szenarien, die sich im Laufe seiner Tätigkeit an der Maschine einstellen werden. Auf der virtuellen Maschine fertigt er unterschiedliche Produkte, dann muss er die Einstellungen ändern oder wir konfrontieren ihn mit Fehlmeldungen und er muss darauf reagieren.

Damit entfällt die klassische Schulung?

Niesenhaus: Sie wird nicht entfallen, sie verändert sich.

Er lernt also direkt an der Maschine, am HMI-Terminal?

Niesenhaus: Nein, noch nicht, aber das ist das Ziel. Gegenwärtig arbeiten wir an einer virtuellen Maschine.

Warum ist das direkte Training mit oder an der Maschine wichtig?

Niesenhaus: In China kämpft unserer Kunde mit einer hohen Fluktuation und in deutschen Unternehmen sollen Mitarbeiter immer mal wieder neue Aufgaben bekommen, um Monotonie zu vermeiden. Doch nicht jeder Werker kennt sich gleich gut mit einer Maschine aus, deshalb braucht er ein individuelles Training mit einem Quiz beispielsweise zur Wissensstandbestimmung.

Wie funktioniert das?

Niesenhaus: Wir evaluieren mit Nutzern die Software. Wir messen den Lernzuwachs und leiten daraus neue Ideen für das Lernen an der Maschine ab.

Stichwort China: Ist die Anwendung dann auf die chinesische Sprache, die Designsprache oder die Spielphilosophie zugeschnitten?

Niesenhaus: Wir versuchen möglichst wenig Sprache zu verwenden. Aber wenn notwendig arbeiten wir mit der Landessprache. Beim Trainingsspiel selber lassen wir uns von regionalen Besonderheiten inspirieren. Klar, ein asiatisches Game zeichnet sich oft durch bunte Farben aus.

Wie lange arbeiten sie an einem Trainingsgame?

Niesenhaus: Wir präsentieren das Spiel Endes des Jahres und haben dann acht Monate daran gearbeitet.

Und die Kosten?

Niesenhaus: Der Kunde verkauft das Programm als Add-on für seine Steuerung.