Balance im Job Leben Sie noch?

Selbst-Check zum Jahreswechsel: Stimmt Ihre Lebensqualität noch? Oder bemühen Sie sich um Schadensbegrenzung zwischen Alltags-Einerlei und Berufsstress? Führungskräfte-Coach Dr. Kai Hoffmann gibt Tipps, wie man die Balance wieder findet.

Erkennen Sie sich wieder? Bei vielen beruflich stark engagierten Führungskräften hat man den Eindruck: Pausen sind eher lästig. Die einzige Auszeit, die sie sich neben dem Urlaub routinemäßig gönnen, ist die Zeit »zwischen den Jahren«. Dann ist der Betrieb ohnehin dicht.

Erst jetzt, sozusagen zum Stillstand verdammt, stellt mancher oft zum eigenen Erstaunen fest: Es ist richtig schön, Zeit mit der Familie und mit Freunden zu verbringen, und das Zuhause nicht nur als »Boxenstopp« zwischen zwei Terminen zu missbrauchen. Dann sind meist auch die Fragen nicht mehr weit: Sollte ich nicht etwas kürzer treten? Sollte ich mir nicht mehr Zeit für das Spielen mit den Kindern nehmen? Geht durch die endlose Hetzerei nicht viel Lebensqualität verloren? Schnell sind dann zahlreiche gute Vorsätze fürs neue Jahr gefasst – und nach Dreikönig genauso schnell wieder vergessen.

»Irgendwie kommt mir das bekannt vor«, denken Sie vielleicht. »Ganz so schlimm ist es bei mir aber nicht.« Doch Hand auf’s Herz: Wie viele Ihrer guten Vorsätze haben Sie in den letzten Jahren realisiert? Das Wort »Stress« ist ein fester Bestandteil unserer Alltagssprache geworden. So mancher von uns steht ständig unter Strom. Und immer weniger Zeit bleibt dem Einzelnen, sich zurückzulehnen und sich zu fragen: Was will ich wirklich? Was ist mir wirklich wichtig? 80 Prozent der Bundesbürger haben das Gefühl, dass sich die Welt »zu schnell dreht«. Sie spüren: Selbst wenn ich mich noch so anstrenge, gelingt es mir nicht mehr, allen Anforderungen gerecht zu werden. Ständig stehen sie unter Strom und sind sie auf dem Sprung – aus Angst, etwas zu verpassen.

Getrieben von diesem Lebensempfinden gibt sich mancher dem Irrglauben hin: Ich muss nur einen Zahn zulegen, dann werde ich allen Anforderungen gerecht. Eine Zeit lang können wir uns an diesem Leben im High Speed sogar berauschen. Schließlich ernten wir, wenn wir unseren Freunden und Bekannten von unserer 60-, 70- oder gar 80-Stundenwoche erzählen, nicht nur Mitgefühl, sondern auch anerkennende Blicke.

Doch Vorsicht: Hier tickt eine Zeitbombe. Die langfristige Folge ist meist der physische oder psychische Kollaps. Und spätestens dann stellt sich uns die Sinnfrage. Und erschreckt stellen wir fest: Was war ich früher doch für ein ausgeglichener und kreativer Mensch; heute funktioniere ich nur noch. Meine Kinder werden groß, ohne dass ich wirklich daran teilhabe. Mein Lebenspartner wird mir immer fremder. Glücklich kann sich deshalb schätzen, wer rechtzeitig instinktiv spürt: Mein Leben ist nicht mehr im Lot. Ich habe die rechte Balance verloren.

Eine solche Schieflage ist kein Einzelschicksal. Nicht umsonst befassen sich die Wirtschaftsmagazine mittlerweile regelmäßig mit Themen wie Burn-out und Depression. Und immer mehr »Leistungsträger« hegen den Traum: Mit 50 steige ich aus. Doch welches Verhältnis hat jemand zu seiner Arbeit, der mit 50 Jahren aussteigen möchte – oder muss? Entweder ein desillusioniertes: Dann lautet seine Lebensmaxime »Schaffe, schaffe, Häusle baue«, damit er mit 50 endlich »leben« kann. Oder er ist ein Workaholic: Dann lautet die Lebensmaxime »Arbeit über alles«, bis ein Burn-Out oder Herzinfarkt zum Aufhören zwingt. Das »Erwachen« danach ist oft mit der ernüchternden Erkenntnis verknüpft: Frau/Mann weg, Kinder weg, Freunde weg, Lebensglück weg.

Beruflich ein Ass, privat ein »Versager«

Gesund und ausgewogen ist die Beziehung zur Arbeit in beiden Fällen nicht! Trotzdem ist sie bei vielen Managern normal. Immer wieder registriert man: Sie können zwar Unternehmen führen, doch ein erfülltes Leben führen sie nicht. Denn ihnen fehlt die rechte Balance im Leben. Sie räumen der Arbeit absolute Priorität bei ihrer Lebensgestaltung. Die Folge: Andere Lebensbereiche verkümmern. Unter einer einseitigen Überbetonung des Berufs leiden auf Dauer aber automatisch unser persönliches Wohlbefinden und unsere Gesundheit; entsprechendes gilt für unsere privaten Kontakte. Und dies wirkt sich wiederum negativ auf unsere Leistungskraft aus.