Wie man den Job findet, der wirklich zu einem passt Krank vor Langeweile

Unterforderung im Job kann ebenso krank machen wie Überforderung.

Selbst in der hochqualifizierten Ingenieursbranche tritt Langeweile am Arbeitsplatz auf. Die kleine Schwester des Burn-out-Syndroms heißt »Bore-out«. Einen Jobwechsel scheuen die Betroffen oft. Ein Personalberater verrät, wie man den Traumjob finden kann.

Jens Teubert (alle Namen geändert) klagt in einem Internetforum sein Leid. Er ist kein Berufsanfänger mehr. Er entwickelt seit einigen Jahren Hardware in der F&E-Abteilung eines großen High-Tech-Players. Von der Anfangseuphorie, bei solch einem bekannten Arbeitgeber gelandet zu sein, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Teubert hat mittlerweile Routine, zu viel, sie beginnt ihn zu langweilen. Der Entwickler vermisst spannende Projekte und fühlt sich zunehmend unterfordert. Er könnte und wollte auch viel schneller arbeiten, doch ist er in ein Korsett aus standardisierten Prozessen in der Entwicklung eingeschnürt, reiht auf Platinen Chip an Chip, die Software geht ihm aus 13 verschiedenen Abteilungen zu. Als Hardware-Ingenieur darf er keine Software und keine Layouts machen, aber was bleibt da noch? Dabei sei Hardware im µC-Bereich heute sehr hoch integriert, da wäre es doch sinnvoll, als Hardware-Spezialist auch zu layouten, der EMV und der Signalintegrität wegen. Aber ach, wer hört einem schon zu, noch dazu, wenn man als Entwickler-Typ ohnehin nicht so gerne redet. Das wenige spannende, was bleibt, geht an die Senior-Entwickler. Hardware-Entwickler, ein öder Job?

Informatiker Udo Augenthaler geht es in der Softwareentwicklung nicht viel anders. Auch hier, so berichtet er, sei alles bis ins Kleinste über Prozesse geregelt, für Kreativität sei gar kein Platz. Wie ein Beamter komme er sich manchmal vor. Augenthaler möchte sich nun als Teamleiter bewerben oder als Trainer in die Schulung wechseln, in der Hoffnung auf mehr Spannung im Arbeitsleben. Oder einfach ganz was anderes machen: »Landschaftsgärtner, das wäre was, immer draußen in der Natur«, siniert er. Personalverantwortliche dürften sich mit Grausen abwenden, wüssten sie um solche Gedankenspiele ihres Humankapitals.

Teubert und Augenthaler sind freilich keine Einzelfälle. Normierung, Arbeitsteilung, Bürokratisierung, ständige Dokumentationen – all das steht im Gegensatz zu dem Daniel-Düsentrieb-Ideal, das viele hoffnungsvolle Abiturienten ein Ingenieursstudium hat beginnen lassen. In Grundlagenforschung oder Vorentwicklung kann man noch tüfteln, aber wie viele Stellen gibt es da schon?  

Höchste Zeit für einen Jobwechsel, möchte man den Betroffenen mitleidig zurufen. Doch die harren paradoxerweise oft wie gelähmt auf der ungeliebten Position aus, sagen Arbeitspsychologen, auf der Stecke bleiben Motivation und Zufriedenheit, manchmal auch die Gesundheit. Was, wenn in der neuen Firme die Projekte noch banaler sind, fragen sie sich bang. Wenn das Geld einigermaßen stimmt, halten viele lieber an der ungeliebten Routine fest.

Wer gestresst vor Langeweile ist, hat mittlerweile sogar eine Diagnose: Bore-out. Betroffene leiden mitunter unter den gleichen Symptome wie Burn-out-Geplagte: Schlaflosigkeit, Frustration, Gereiztheit, Tinnitus, Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Muskelzucken können vorkommen- Hinweise darauf, dass der Organismus überreizt ist. 

Langeweile im Job kann zur quälenden Folter werden – das berichten Betroffene, aber kaum einer traut sich zuzugeben, dass er sich langweilt. Viele sitzen die Situation aus, zementieren den Zustand sogar, indem sie Strategien finden, nicht aufzufallen, schreiben die Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder in ihrem Ratgeber »Die Boreout-Falle«.  »Aussitzen« sei leider typisch für das »Bore-out-Syndrom«. Warum? Psychologen vermuten den Grund in der sozialen Kontrolle. Krank zu sein vor zu viel Arbeit ist sozial anerkannt, im Mitleid schwingt Bewunderung mit, und  jeder kennt Beispiele aus dem eigenen Freundeskreis. Doch zugeben zu müssen, dass man nicht genug zu tun hat, klingt nach Versager. Paradoxerweise täuschen Bore-out-Betroffene deshalb häufig Geschäftigkeit vor, um nicht aufzufallen, anstatt die Situation zu verändern oder den ungeliebten Job zu kündigen.