"Diversity" löst die die Frauenbeauftragte ab Konzerne entdecken Chancengleichheit

Großkonzerne wie Siemens oder EADS haben "Diversity" als Wettbewerbsfaktor erkannt und zur Chefsache gemacht. Das Thema geht weit über "Frauenförderung" hinaus und wird nun auch wissenschaftlich erforscht: Die TU München punktete damit bei der "Exzellenzinitiative" und gründet ein interdisziplinäres Forschungszentrum.

Die Frauenpräsenz in den DAX-Vorständen ist vernachlässigbar – doch langsam scheint sich die Männerwelt zu bewegen. Der Österreicher Peter Löscher war es, der das sperrige Wort „Diversity“ zunächst mal sehr anschaulich übersetzt hat: "zu weiß, zu deutsch und zu männlich" sei Siemens. Als erste Schritte hob er zwei Frauen in den Vorstand: Barbara Kux (verantwortet als Vorstand für Supply-Chain-Management den gesamten Siemens-Einkauf) und Brigitte Ederer (Personalvorstand). Noch dazu haben beide eine ausländische Staatsbürgerschaft: Kux ist Schweizerin, Ederer Österreicherin.

Nun zieht ein zweiter Großkonzern nach: Zur Erhöhung des Frauenanteils in der Belegschaft und auf allen Führungsebenen strebt der Luft- und Raumfahrtkonzern EADS die Einstellung von 1.000 Frauen im Jahr 2012 an. Der Konzern möchte bis 2020 den Frauenanteil bei Neueinstellungen auf 25 Prozent und die Anzahl von weiblichen Führungskräften auf 20 Prozent erhöhen.

Anlässlich der Farnborough Airshow unterzeichneten der EADS-Konzern und seine Divisionen – Airbus, Astrium (z.B. europäische Trägerrakete Ariane 5), Cassidian (baut Lenkflugkörper) und Eurocopter (Huberschrauber für militärische und zivile Zwecke) − die CEO-Charta des UK Resource Centre (UKRC) zur Förderung von Frauen in den Bereichen Naturwissenschaften, Engineering und Technologie. Das UKRC ist eine Organisation, die Unternehmen dabei unterstützt, Chancengleichheit und Diversität innerhalb ihrer Strukturen auszubauen.

Erreicht werden sollen diese Ziele durch verschiedene Initiativen, beispielsweise spezielle Führungskräfteprogramme wie GROW (Growing Opportunities  for Women). Das UKRC hat bereits mehr als 650 Arbeitgeber und Organisationen zu Themen wie Gleichheitspolitik und -praxis informiert und beraten. Insgesamt beschäftigt und betreut das UKRC mehr als eine Million Menschen in Großbritannien. Die CEO-Charta des UKRC zählt mittlerweile fast 200 Unterschriften – darunter von Vertretern neu gegründeter Unternehmen, kleiner und mittelständischer Betriebe sowie Großunternehmen und Trägerorganisationen.

Mit der CEO-Charta des UKRC können Unternehmen das Engagement ihres Top- Managements für mehr Chancengleichheit sichtbar machen. Durch die Unterzeichnung dieser Charta verpflichtet sich EADS, die Erhöhung des Frauenanteils in den Bereichen Naturwissenschaften, Engineering und Technologie zu unterstützen, die Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern und zu propagieren sowie „Best Practices“ voranzutreiben.

Bereits seit Jahren unterstützt EADS die britische Initiative zur Verbesserung der Wahrnehmung sogenannter MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Ziel ist es, mehr Studenten und insbesondere Studentinnen für diese Fächer zu begeistern und das Personalangebot in diesen Bereichen zu erhöhen. Airbus und Astrium verfügen beispielsweise über ein Netzwerk von MINT-Botschaftern und -Botschafterinnen.

Diese besuchen Schulen und ermutigen Jungen und Mädchen, einen naturwissenschaftlichen oder technischen Beruf zu erlernen. Gleichermaßen ist das Mentoring-Programm des Konzerns stark auf die divisionsübergreifende Förderung weiblicher Nachwuchskräfte ausgerichtet. Der Konzern hat zudem in allen EADS-Heimatländern Netzwerke aufgebaut, in denen 50 bis 200 Frauen gemeinsam mit dem Unternehmen Themen wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Karrierechancen und Wahrnehmung von Frauen am Arbeitsplatz behandeln.

Darüber hinaus wurde 2011 das EADS Diversity Board unter dem Vorsitz von Thierry Baril, Personalvorstand EADS & Airbus zur Förderung der Vielfalt innerhalb der Belegschaft eingerichtet mit dem Ziel, über die bereits bestehenden Diversity-Initiativen hinaus, weitere Wege zur konzernweiten Förderung der Vielfalt zu finden. Der Schwerpunkt der EADS-Diversitätsstrategie liegt unter anderem auf Geschlechter-,Generationen- und sozialer/kultureller Vielfalt.

An die TUM fließen 2012 bis 2017 mindestens 165 Millionen Euro im Rahmen der Exzellenzinitiative des Wissenschaftsrats und der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Unter anderem baut die TU München den Forschungsbereich „Gender&Diversity“ aus: Das neue, interdisziplinäre Anna Boyksen Diversity Research Center soll die Gender- und Diversity-Forschung inmitten der Technikwissenschaften fest verankern. Mit diesem Konzept hatte TUM-Chef Wolfgang A. Herrmann den richtigen Riecher, die TU München bleibt "Elite-Uni". Ausgezeichnet wurde das integrative Zukunftskonzept, das unter anderem bedeutet, dass die Universität ihr Spektrum um eigene Zentren für Diversity-Forschung und die gesellschaftliche Dimension der Technikwissenschaften erweitert. Das Anna Boyksen Diversity Research Center soll die Vielfalt der Menschen sowie die Mehrwerte erforschen, die sich daraus für die Gesellschaft ergeben. Sein Schwerpunkt liegt auf der hierzulande vernachlässigten Frage, wie die gemeinsame Teilhabe unterschiedlich geprägter Menschen die Natur-, Ingenieur- und Lebenswissenschaften befruchten kann.