Recruiting in Zeiten von Corona Kamera an!

Kristen Gräfin von Reischach, Director Consulting Europe bei Interconsult.

Corona hin, Kurzarbeit her - in der Elektronik wird immer noch eingestellt. Allerdings hat sich das Prozedere geändert. Motto: Online first, wie Personalberaterin Kristin Gräfin von Reischach erzählt.

Wenn die Personalberatung Interconsult vor Corona eine Stelle besetzen sollte, dann erfolgte die Kandidatenauswahl in der Regel in mehreren Schritten, erst telefonisch, dann persönlich, bis dem Kunden am Ende 4 bis 5 ausgesuchte Kandidaten präsentiert werden konnten. Bis zur endgültigen Vertragsverhandlung standen dann noch mehrere Auswahlgespräche vor Ort an - eine aufwändige und  - wegen der Reisekosten - auch teure Prozedur. 

Corona hat diese Form der Kandidatenauswahl nun gehörig verkürzt und verknappt, nach dem Motto: Online first. Kristin Gräfin von Reischach erzählt: “Wenn der Kunde eine Besetzung möchte, dann besprechen wir die Anforderungen konkret in einer Skype-Sitzung und machen uns anschließend auf die Suche nach passenden Experten, die wir dann ebenfalls per Skype interviewen.” 

Früher sei das ein No-Go gewesen, das persönliche Vorstellungsgespräch beim eventuell künftigen Arbeitgeber alternativlos und stets die erste Wahl. Doch das Virus und die dadurch gebotene Distanzierungspflicht zwingt alle zu Kompromissen. Und die klappten erstaunlich gut, sagt die Beraterin. Und sparen auch Geld:  ”Früher hat man die Kandidaten alle an einem Tag vor Ort beim Kunden vorgestellt. Es hat sich oft ein wenig hingezogen, bis alle Zeit hatten, außerdem wurden Reisekosten fällig. Doch Corona hat flexibel gemacht - und schneller: Die Video-Calls, bei denen alle Gesprächsteilnehmern sich zuschalten, finden nun statt, wenn es am besten passt, und sei es auch an mehreren Tagen. 

Die Ingenieure kommen mit der ungewohnten Situation - Vorstellungsgesprächen vor der Kamera - gut zurecht, hat die Gräfin beobachtet. Mit Videokonferenzen seien die meisten in ihrer täglichen Arbeit schon konfrontiert - das helfe. 
 
Ein paar Tipps hat sie dennoch für den Chat mit dem potenziellen Arbeitgeber: 
Der erste: Kamera an! “Natürlich hat man die Möglichkeit, das Gespräch ohne Kamera zu führen, doch doch das empfehlen wir nicht”, sagt sie.

Stattdessen solle man so professionell wie möglich auftreten, das betreffe den Hintergrund genauso wie das persönliche Outfit. “Alles sollte so sein, wie in einem persönlichem Business-Meeting auch”, erklärt die Expertin. Also Krawatte statt Hoodie? “Auch wenn viele Unternehmen das gerade lockerer handhaben wollen - wir empfehlen lieber die klassische Variante der Kleiderordnung, denn man weiß letztlich nie wie der künftige Arbeitgeber sich für das Online-Vorstellungsgespräch kleiden wird”. 

Für das Gespräch empfiehlt die Gräfin Ruhe - auch wenn das oft nicht leicht sei mit Homeschooling und geschlossenen Kitas. “Achten Sie auf Form und Professionalität. Sorgen Sie für Ruhe und achten sie auf einen neutralen Hintergrund, vor dem Sie sich Ihrem Gesprächspartner präsentieren“.   

Es gebe derzeit genügend Firmen, die einstellen und die froh sein über die Möglichkeit, Kandidaten per Videokonferenz kennenzulernen, so Gräfin Reischach. Die Entwicklung neuer Produkte gehe ja weiter und werde wegen Corona nicht plötzlich gestoppt, im Gegenteil. 

Schwierigkeiten bereite momentan am ehesten die Einarbeitung der neuen Mitarbeiter, da die Firmen verwaist sind, wer könne, arbeite im Homeoffice. Von Reischach: “Die vierwöchige Einarbeitung in der Zentrale - das fällt im Moment weg.” 

Und nach Corona? Was wird bleiben vom Ausnahmezustand? Gräfin Reischach ist sich sicher: “Die Argumente gegen Homeoffice müssen in der Zeit nach Corona schon sehr stichhaltig sein - das wird uns bleiben. Und auch die Reisetätigkeit wird öfter als früher auf dem Prüfstand stehen.”