Geschlechter-Stereotype Investoren erwarten, dass Gründerinnen scheitern

Silke Tegtmeier, 
University of Southern Denmark

»Die Ergebnisse der – sehr gut gemachten – Studie waren erschütternd.«
Silke Tegtmeier, University of Southern Denmark: »Die Ergebnisse der – sehr gut gemachten – Studie waren erschütternd.«

Die Startup-Szene kämpft mit Stereotypen. Einer Studie zufolge fürchten Investoren bei Gründerinnen um ihr eingesetztes Kapital. Männern hingegen wird eher zugetraut, erfolgreich zu sein. Diese Stereotypen lassen sich aber einfach durchbrechen, sagt Entrepreneurship-Professorin Silke Tegtmeier.

Markt&Technik: Einer Studie der Universitäten Harvard und Columbia differenzieren Investoren in ihren Anschlussfragen an einen Investor Pitch zwischen männlichen und weiblichen Gründern: Männer bekommen andere Fragen gestellt als Frauen und am Ende auch höhere Finanzierungen. Trauen Investoren Männern also eher zu als Frauen, ein Startup erfolgreich wachsen zu lassen?

Silke Tegtmeier: Das Ergebnis ist erstaunlich und auch erschütternd. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Studie sehr gut gemacht ist, sowohl Feldforschung als auch experimentelle Ansätze enthält und die Ergebnisse daher sehr stichhaltig sind. Darauf weist auch die Veröffentlichung in der angesehenen Fachzeitschrift „Academy of Management Journal“ hin. Es liegt auch nicht an der Qualität der Geschäftsidee, es lag an der Art der Fragen, und wie die Frauen sie beantwortet haben.

Was hat die Studie herausgefunden?

Investorinnen und Investoren befragten Gründer anders, und zwar vor allem nach ihrer Erfolgs- und Wachstumsorientierung. Von den Gründerinnen wollten die Investoren vor allem wissen, wie die Frauen es vermeiden wollten zu scheitern – es stand also vor allem Risikominimierung im Vordergrund.

Haben die Frauen nicht dagegen argumentiert?

Die Antworten der Gründer – Männer wie Frauen – waren sehr aufschlussreich. Denn offenbar korrelieren die Antworten mit dem Tenor der Fragen. Der Kreislauf wirkt somit verstärkend. Konkret: Handelten die Fragen der Investorinnen und Investoren davon, wie Frauen es vermeiden wollen, mit ihrer Geschäftsidee zu scheitern, antworteten die Gründerinnen darauf. Ohne stattdessen lieber auf die Chancen einzugehen. Es gibt also die Tendenz, ähnlich zu antworten, im Sinne des Fragestellers. Männer genauso wie Frauen. Von Männern wollen Investorinnen und Investoren wissen, wie sie es schaffen wollen, zu gewinnen. Von Frauen, nicht zu verlieren. Das ist erschütternd und ich habe das Ergebnis in dieser Deutlichkeit nicht erwartet. Am Ende haben die Frauen weniger Kapital bekommen als Männer. Es ging den Investoren darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, ein „Screening in“ und „Screening out“ zu machen. Frauen gehörten dabei eher zu den Verliererinnen. Wir haben es also mit Stereotypen zu tun, das ist zumindest meine Vermutung, die auch durch Studien von uns zu Gender und Entrepreneurship bestätigt wird. Unternehmertum ist danach immer noch mit männlichen Attributen besetzt, nicht aber mit weiblichen. Das Männliche gilt im Unternehmertum als die Norm, das Weibliche als das „andere“.

Gibt es einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Investoren?

Laut der Studie gab es da keinen Unterschied, beide Geschlechter fragten gleich. Ich gehe davon aus, dass dies den Fragenden nicht bewusst ist, also unbeabsichtigt geschieht. Allerdings wurde das nicht explizit untersucht.

Was folgert man daraus?

Toll ist, dass die Studienautoren Tipps geben, wie man diese stereotype Festlegung durchbrechen kann, dazu wurden Experimente gemacht. Und zwar, in dem man den Zyklus aus Frage und Antwort durchbricht: also auf die Frage, wie man das Scheitern verhindern wolle, auf die Chancen des Vorhaben umlenkt. Die Experimente zeigen, dass damit die Chancen auf eine Finanzierung wieder steigen. Offenbar gelang es den Gründerinnen im Versuch, die stereotype Vorfestlegung, den negativen Kreislauf zu durchbrechen, weil die Antwort anders war als von den Investorinnen und Investoren erwartet.

Es handelt sich um eine amerikanische Studie, sind die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar?

Wir haben dazu keine eigenen Studien. Aber es gibt Hinweise und Beobachtungen, dass es bei uns ähnlich ist.

Was bedeuten die Ergebnisse für Gründungsförderung in Deutschland?

In Deutschland ist das allgemeine Gründungsgeschehen derzeit gedämpft. Das scheint an der sehr guten Lage am Arbeitsmarkt zu liegen, die Menschen gehen eher in die risikoärmere Festanstellung. Bedauerlich ist aber, dass aus diesem Grund auch die Politik ihre Förderungen zurück zu fahren scheint. Zumindest scheinen die Exist-Förderprogramme für Universitäten gerade auf Eis zu liegen. Ein Nachlassen wäre aber gerade mit Blick auf Digitalisierung fatal.

Ein Blick auf Ihre Forschung: Gründen Frauen anders? Wann gründen sie überhaupt?

Generell ist Unternehmertum in Deutschland männlich besetzt, gefördert übrigens durch die mediale Berichterstattung, auch dazu gibt es Studien. Bei Männern dominiert die Berichterstattung über das Business an sich, von Frauen will man vor allem wissen, wie sie das alles schaffen neben Familie usw., und es wird das äußerliche Auftreten dokumentiert.

In einer vom BMBF geförderten Studie über Unternehmerinnen mit Hochschulausbildung konnten wir belegen, dass gut ausgebildete Frauen häufig im wissensintensiven Dienstleistungs- oder sozialen Bereich gründen. Einen potenziellen Weltmarktführer zu erschaffen, ist ihnen offenbar weniger wichtig als Männern. Auch aus anderen internationalen Studien wissen wir, dass Gründerinnen andere Motive haben: Sie wollen sich selbst verwirklichen, ihr eigener Chef sein, Familie und Beruf unter einen Hut bringen, dem Job einen sozialen Impact geben. Das Wachstum an sich steht häufig nicht im Vordergrund.

Haben dann die Investoren mit ihren Stereotypen nicht sogar Recht?

Die in der amerikanischen Studie befragten Gründer und Gründerinnen liefern dazu keine Hinweise. Die Gründerinnen hatten zum Teil sogar höhere Kapitalforderungen als Männer. Die Daten hier beziehen sich außerdem auf technologiebasierte Startups, diese gibt es bei Frauen selbstverständlich auch!