Kommentar Ingenieure zweiter Klasse?

Corinne Schindlbeck, karriere-ing.de

Lust, am Auto der Zukunft mitzubauen? Aber nicht fest angestellt bei Audi und Co. In der Automobilindustrie hat sich ein Zwei-Klassen-Arbeitsmarkt für Ingenieure entwickelt - wie passt denn das zum "Fachkräftemangel"?

Die Automobilindustrie ist gemessen am Umsatz der mit Abstand bedeutendste Industriezweig Deutschlands, noch vor dem  Maschinenbau. In der Automobilindustrie kann man erkennen, dass es „den“ Arbeitsmarkt für Ingenieure nicht mehr gibt. Sondern es gibt zwei Arbeitsmärkte, den der Automobilhersteller und den der Zulieferer inklusive Ingenieurdienstleister. Externe Ingenieure werden bei Automobilherstellern per Werkvertrag oder Arbeitnehmerüberlassung eingekauft und ersetzen Teile der Stammbelegschaft. Dementsprechend hoch ist der Recruitierungsbedarf in der Dienstleistungsbranche.

Bei den Herstellern, das kann man schon so sagen, hatten festangestellte Ingenieure zuletzt paradiesische Zustände gehabt. Häufig nur 35-, maximal 40-Stunden-Wochen, sehr ordentliche Gehälter im Vergleich zur Dienstleister-Branche und riesige Gewinnausschüttungen. Einziger Wermutstropfen: So einfach kommt man bei den Autobauern nicht mehr unter, zumindest nicht fest angestellt. Denn  es ist bei Audi, Daimler und Co.  inzwischen Usus, sich nicht mehr langfristig zu binden. Die Festangestellten genießen somit auf Kosten der externen Ingenieure weitreichende Privilegien, einen sicheren Arbeitsplatz, Prämien und weitere Zuckerl.

Nur fachlich sehr hoch qualifizierte Ingenieure mit speziellem Entwicklungs-Know-How (etwa Leichtbau, Elektronik oder Batterietechnik) werden punktuell den Entwicklungsdienstleistern abgeworben - zu derem Leidwesen. OEMs sparen sich dadurch nicht nur Recruiting-Kosten, sie haben in der "Quasi-Probezeit" des Werkvertrages oder der Arbeitnehmerüberlassung genügend Zeit, sich die besten rauszusuchen.

Das führt insgesamt zu folgenden Szenarien, wie die Politikberaterin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Sandra Siebenhüter bei Audi in Ingolstadt beobachtet hat: „Mitarbeiter von Entwicklungsdienstleistern, die nur für die Dauer des Auftrages beim Dienstleister befristet oder in Leiharbeit mit einem 40-Stunden-Vertrag eingesetzt sind, arbeiten mit OEM-Mitarbeitern zusammen, die häufig mit einem 35-Stunden-Vertrag, übertariflicher Bezahlung und durch betriebliche Sozialleistungen (Betriebsrente, Prämienzahlungen, Bildungsurlaub) abgesichert sind. Dies führt zu einem Paradoxon: „Eingekaufte“ hochqualifizierte Wissensträger in prekären Beschäftigungsverhältnissen sichern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit des OEM bzw. die Stellen der OEM-Mitarbeiter."

Natürlich sind Ingenieurdienstleister keine „Sklaventreiber“, auch wenn sie oft als solche geschmäht werden. Sie sind vielmehr selbst im Wettbewerb mit anderen Anbietern um den günstigsten Preis bei gleicher Leistung. Das macht die Verdienste hier sehr oft deutlich niedriger, Druck und Arbeitspensum können vor allem in Boomzeiten sehr hoch sein.  Die Politik sieht derzeit keinen Handlungsbedarf. In einer Untersuchung der Otto Brenner Stiftung  zu "Werkverträgen in der Arbeitswelt" ist vielmehr zu lesen, dass Arbeitgeber dafür werben, aufgrund der zunehmenden Regulierung der Leiharbeit zukünftig verstärkt Werkverträge nutzen zu können. Anders als Leiharbeit, sind industrielle Dienstleistungen auf Werkvertragsbasis derzeit noch unreguliert. Gewerkschaften kritisieren das als "Freifahrtschein zur billigen und flexiblen Fremdvergabe".