Kommentar Ingenieure zweiter Klasse?

Vielen Dienstleistern haftet ein schlechtes Image an.

Ein Bekannter hat vor drei Jahren einen Karrieresprung zum Gruppenleiter gemacht, bei einem Dienstleister. Seitdem sind Arbeitstage bis 21 und 22 Uhr häufig. Komisch nur, dass die in Aussicht gestellten Boni trotzdem nie erreicht werden.  Ein anderer Kollege arbeitet bei einem anderen, namhaften Ingenieurdienstleister. „Chronisch zu viel Arbeit“, lautet seine Klage. Seine neue kleine Familie sieht er viel zu selten. Er überlegt ernsthaft, München und auch der Automobilbranche den Rücken zu kehren und Richtung Baden-Württemberg umzusiedeln, wo ein Jobangebot von einem mittelständischen Unternehmen lockt.

Keine so schlechte Idee. Der Verdienstunterschied bei Dienstleistern zu Konzernkollegen beträgt nicht selten bis zu 10.000 Euro im Jahr bei vergleichbarer Berufserfahrung. Übernahmen des Entleihers sind extrem selten.  Auch sind externe Ingenieure von den Gewinnausschüttungen der OEMs ausgeschlossen – obwohl sie vor Ort häufig die gleiche Arbeit leisten wie die festangestellten, in den gleichen Besprechungen sitzen, Urlaubsvertretungen machen – kurz: vollwertige Kollegen sind.   

Dazu kommt der Konkurrenzdruck. Es gibt rund um die boomende Automobilbranche mittlerweile viele neue Ingenieurdienstleister, die preislich miteinander um OEM-Aufträge konkurrieren. Davon wiederum hängen oft die Bonuszahlungen ab – wer die erreichen will, muss ackern – das geht nicht in 35-Stunden-Wochen, und auch nur ganz selten in 40 Stunden-Wochen. Wer beim Dienstleister aufsteigt, bekommt oft automatisch auch Verantwortung für neue Aufträge – und arbeitet nicht selten bis zu 60 Stunden. Das ist hart verdientes Brot. Zum Vergleich: Ein festangestellter Ingenieur mit Tarifvertrag ist angehalten, etwaige Überstunden sofort wieder abzubauen.

Warum ist das so? Kritiker geben den Gewerkschaften die Schuld an dieser Entwicklung. Die großen Automobilkonzerne seien so gefangen und unflexibel durch die starken Tarifpartner, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibe, als sich Know-How und Flexibilität über Ingenieurdienstleister zu kaufen.  Gewerkschaften hätten somit eine Mitschuld an der Zweiteilung des Arbeitsmarktes.

In der mittelständisch geprägten Elektronikindustrie ist diese Arbeitsmarkt-Zweiteilung  noch nicht in gleichem Maße angekommen. Hier sind unbefristete Festanstellungen die Regel, nicht die Ausnahme. Ein Lichtblick für Ingenieure, immerhin. Und auch die seit August geltende Bluecard erweist sich bis dato nicht als Jobkiller, trotz der niedrigen Gehaltsgrenzen von 44.800 Euro bzw. 34.944 Euro für Mangelberufe. Bislang ist der Run auf diese Karte nämlich ausgeblieben.

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Zum Schluss noch ein kleiner Exkurs zum Thema Ingenieurnachwuchs. Kürzlich durfte ich auf der einer Tagung mal wieder erleben, wie wenig überzeugt sich Hochschul-Professoren auch zehn Jahre nach der  Bologna-Reform von dem Bachelor- und Master-System zeigen. Mit Bewunderung und fast neidisch blickt man nach Dresden, das den Diplom-Ingenieur wieder eingeführt hat. „Wir hätten uns gegen die Abschaffung des Diploms wehren sollen“, lautete der Tenor. Offiziell freilich hört man diese Kritik nicht, nur hinter vorgehaltener Hand wird vor allem die Bachelor-Ausbildung als „Schmalspur-Lehre“ kritisiert, genauso wie die Auflösung der Unterschiede zwischen den (Fach-)Hochschulen.  Es wurmt so manchen TU-Professor, dass er nun FH-Studenten aufnehmen und betreuen soll. Vereinzelt ist sogar von Mobbing die Rede. Und der VDE rät den Bachelors ohnehin dazu, den sicheren Weg einzuschlagen und den Master gleich noch dran zu hängen.

Lichtblick ganz zum Schluss: Die Prognosen der Verbände ZVEI und VDMA weisen darauf hin, dass es Mitte nächsten Jahres wieder aufwärts gehen dürfte, und damit die Firmen auch wieder vermehrt einstellen dürften. Die (mittelständische) Elektronikindustrie ist sicherlich eine Bewerbung wert.