Kommentar Industrie 4.0: It’s Communication. Stupid!

„Das Bild, das Medien von Industrie 4.0 zeichnen hat natürlich auch Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den digitalen Wandel in Unternehmen maßgeblich mitgehalten sollen", meint Prof. Volker Banholzer von der TH Nürnberg.
Prof. Volker Banholzer ist Leiter des Studiengangs Technikjournalismus/ Technik-PR und forscht seit mehreren Jahren zum Thema Kommunikation in der Industrie 4.0.

Die Kritik an der Industrie 4.0 wird immer lauter. Prof. Volker Banholzer von der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm aus Nürnberg setzt auf Kommunikation. Ein Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen in der Industrie.

Am Anfang stand das Wort. Industrie 4.0. Das war im Kontext des Produktionsstandorts Deutschland ein gelungener Schachzug, nahm es doch der technischen Entwicklung Digitalisierung das Disruptive, Unkalkulierbare und damit Bedrohliche. Darüber hinaus bot Industrie 4.0 der Politik einen Anknüpfungspunkt, den „Internet of Things“ oder abstrakt „Digitalisierung“ nicht hätten bieten können. Und das ursprünglich technische Thema wurde für die Wirtschaftsressorts der Medien bearbeitbar. So weit, so gut. Aber: Nach den Beteuerungen, Industrie 40 sei im Mittelstand angekommen, nach Studienergebnissen die Unternehmen in Deutschland seien Industrie 4.0 „ready“, die Diagnose: Der Begriff Industrie 4.0 sei bei den Entscheidern angekommen, aber diese Entscheider wüssten nicht, was sie mit Blick auf Industrie 4.0 entscheiden sollen.

Industrie 4.0 sei Valium (K.-H. Land) für den Standort Deutschland und die Unternehmen, so ist zu lesen. Der „naive Traum von der Smarten Fabrik“ wäre eine Illusion 4.0 (A.Syska/P.Lièvre), so an anderer Stelle. Gleichzeitig fehlt dem Konzept Industrie 4.0 gerade in der eigentlichen Zielgruppe Mittelstand die Resonanz. Und das trotz Hype, trotz Programmen und Plattformen von Verbänden, Readyness-Indices, Rankings und Initiativen? Ernüchterung. Verunsicherung. Das geht natürlich nicht und schon fordern Gastbeiträge in Fachmedien, dass diese Unsicherheit beendet werden muss. Basta. Nur wie? Reflexartig wird die Forderung nach Standards und Normen laut. Das reduziert das Risiko unternehmerischer Entscheidungen, das ist richtig. Der Preis ist allerdings Zeit. Zeit, die einem in einem globalisierten Wettbewerb nicht unendlich zur Verfügung steht, zumal bislang die Abstimmung von Normen traditionell eher langsam von Statten geht. Bereits Anfang 2015 diagnostizierten C.Burmeister/D.Lüttgens/F.T.Piller diese deutsche Lösung zutreffend als „a long and burdensome process”, die US-Beteiligten hätten pragmatischer agiert und Erfolg mit „developing de-facto standards and applying them quickly to new industrial Businessmodells“.

Begriff „Industrie 4.0“ - Segen und Fluch

Ein Blick auf den Diskurs um Industrie 4.0 deckt die Schwachstellen auf. Industrie 4.0 ist kein Produkt, das gekauft und eingesetzt werden kann. Soviel ist allen Akteuren bewusst. Allen? Industrie 4.0 als Konzept, das auf Digitalisierung aufbaut, das innovative Technologien integriert, das bestehende Technologien innovativ vernetzt, hilft Effizienzpotentiale in der Wertschöpfung zu heben. Aber: Industrie 4.0 als Digitalisierung verstanden hat enormes Veränderungspotential auf Wertschöpfungsketten, auf Geschäftsmodelle, auf Personalanforderungen, auf Fragen der Finanzierung oder des Rechts und darüber hinaus insgesamt auf die Gesellschaft. Wie erwähnt ist der Begriff Industrie 4.0 hilfreich gewesen, dem Thema Schwung zu verleihen. Allerdings begrenzt der Begriff gleichzeitig den Blickwinkel auf die Industrieproduktion. Vernetzung wird verstanden als Effizienzsteigerung in der Fertigung. Effizienz ist wichtig im Preiswettbewerb. Der Erfolg des deutschen Maschinenbaus gründet aber auf Technologie- und Lösungskompetenz.

Hilfreich ist auch der Blick über den Teich. Die Entwicklungsstadien innovativer Technologien werden seit Jahren mit dem sogenannten Gartner-Hype-Cycle beschrieben. Vom Hype und der euphorischen Berichterstattung, den Wendepunkt und der Erkenntnis der Nichterfüllung von Versprechen, der einsetzenden Kritik durch Medien und Öffentlichkeiten, durch das Tal der Tränen über den Pfad der Erleuchtung zum Plateau der Produktivität. Man mag zu diesem Analysetool stehen wie man will, bezeichnend ist aber, dass in dieser Darstellung der Industrieanalysten von Gartner nie der Begriff „Industry 4.0“ auftaucht, sondern immer nur die einzelnen Aspekte oder Technologien wie Internet of Things, Big Data, Additive Manufacturing usw.

Innovativer Imperativ der Digitalisierung

Die deutschen Diskussionen sind aktuell zu eng und lassen damit die Chancen und Herausforderungen für neue Geschäftsmodelle, für zusätzlichen Kundennutzen, für die Plattformökonomie außen vor. In den Begriff werden unterschiedlichste und auch überzogene Vorstellungen und Wünsche projiziert. So verpufft der innovative Impuls für den Wirtschaftsstandort oder besser der innovative Imperativ der Digitalisierung wird überdeckt und das „Industrie 4.0-Ready“ verschleiert das erforderliche „Go“. Das muss sich ändern. Durch Kommunikation und Pioniergeist. Nur in einer Öffnung der Diskussion, weg von der Fokussierung auf die Industrieproduktion hin zu den gesellschaftlichen Herausforderungen durch Digitalisierung können neue Perspektiven entstehen. „Wirtschaft 4.0“ taucht als Empfehlung für die Diskussion auf. Dieser Begriff war auf einer der ersten Präsentationen auf der Hannover Messe 2013 plakativ auf dem Stand der Telekom zu sehen. Danach nicht wieder. Eine Reaktivierung würde zwar den Blick über den Tellerrand der Fertigung öffnen, aber wiederum durch die Versionsnomenklatur „4.0“ einen linearen Verlauf suggerieren. Die Effekte der Digitalisierung verlaufen eben nicht linear.

Der Kern von Digitalisierung: Wissen

Was lohnt, ist der Blick auf den Wesenskern von Digitalisierung. Digitalisierung schafft die Möglichkeit von Vernetzung, das Bereitstellen von Daten und Information. Dezentral und in Echtzeit. Diese Informationen kundenorientiert auszuwerten, das bietet die Chance neuen, zusätzlichen Nutzen für die Anwender und Kunden von Technologien zu generieren und im Wettbewerb die Nase vorne zu haben. Das ist die Perspektive jenseits der reinen Effizienzsteigerung, das ist das Potential über neue Geschäftsmodelle und neue Strukturen entscheidende Wettbewerbsvorteile in bestehenden und in neuen Branchen zu schaffen. Wichtig dabei ist das Ziel, für Kunden neuen Nutzen zu generieren, also die Technologien innovativ zu vernetzen und aus Daten und Informationen Wissen zu generieren. Die Potentiale liegen jenseits von reiner Logistikoptimierung. Erste Beispiele gibt es. Ob ein Lift-Hersteller über Sensordaten seiner Aufzüge bessere Wartung ermöglicht oder Aufzugdaten mit Daten des ÖPNV verbunden werden und über eine bedarfsgerechte Bereitstellung die Energieeffizienz verbessert. Ob Daten von fahrenden oder stehenden PKWs bzw. entsprechende Daten von Mobiltelefonen Schlüsse auf Staulagen erlauben oder die Daten von Wischereinsatz an Wetterstationen weitergegeben werden. Gemeinsam ist diesen Beispielen, dass entstehende Daten so verbunden werden, dass Kunden zusätzlicher Nutzen generiert wird. Es entsteht Wissen. Und Wissen wird seit Jahren als der Rohstoff eines an Bodenrohstoffen armen Standortes gepriesen. Also sollten wir die Diskussion aus der Fertigung herausholen und die Wissensgesellschaft in den Blick nehmen. Es muss ein Gestaltungsdiskurs geführt werden, wie die Potentiale der Digitalisierung und darin auch der Industrie 4.0 innovativ genutzt werden können. Dieser Gestaltungsdiskurs ist auch die Basis, auftretende Fragen rund um Nutzungsrechte für Daten, Patentrecht und Open Source, neue Finanzierungsmodelle von Innovationen oder neue Arbeitsmodelle und Beschäftigung bewerten zu können. Zwar wird in den Runden um Industrie 4.0 stets die Rolle der Mitarbeiter betont aber wenig konkretisiert und die Bedeutung für eine auf Arbeitsethos gründende Gesellschaft wenig diskutiert. Zwar stehen Prognosen im Raum, die neue Finanzierungsmodelle für Start-ups fordern aber eine gemeinsame Finanzierung eines Projektes durch zwei Geschäftsbanken bei unsicherer Rechtelage von Open-Source-Entwicklungen sind absolutes Neuland. Die Rolle des Staates und seiner Technologie- und Wirtschaftspolitik jenseits einer Plattform Industrie 4.0 muss ausgerichtet werden, angesichts eines globalen Wettbewerbs der Standorte. Potentiale und Aufgaben genug. Also: Wichtig sind Pionierprojekte, die Dinge versuchen und die dann diskutiert werden. Nur in einem breiten Diskurs werden solche Innovationen bekannt, entstehen wiederum Impulse für neue Lösungen und entsteht die Basis für neue Märkte. Und nur so bekommen können die gesellschaftlichen Gestaltungsaufgaben wahrgenommen werden. It’s Communication. Stupid! Etwas abgewandelt: Open Communication.