Gunther Olesch, CHRO Phoenix Contact »Ich bin von Herzen Personaler«

Mit Prof. Dr. Gunther Olesch scheidet nächstes Jahr einer der bekanntesten Personaler der Branche aus der Geschäftsführung von Phoenix Contact aus - nach 31 Jahren im Unternehmen.
Mit Prof. Dr. Gunther Olesch scheidet nächstes Jahr einer der bekanntesten Personaler der Branche aus der Geschäftsführung von Phoenix Contact aus - nach 31 Jahren im Unternehmen.

Mit Prof. Dr. Gunther Olesch scheidet 2020 einer der bekanntesten Personaler der Branche aus der Geschäftsführung von Phoenix Contact aus - nach 31 Jahren im Unternehmen. Ein Gespräch mit ihm in Blomberg über sog. »Powerpoint-Manager«, die Elektromobilität als MINT-Botschaft und seinen Nachfolger.

Herr Prof. Olesch, Sie werden nächstes Jahr 65 und scheiden dann aus der Geschäftsführung von Phoenix Contact aus. Auch Sie hatten eine Lernkurve, mussten anfangs für Ihre Positionen sogar kämpfen. Was würden Sie heute anders machen?
Nichts, denn von meinen Niederlagen lernte ich rückblickend am meisten. Ich spreche gerne in Bildern: Der wertvollste Diamant kommt nur unter stärkstem Druck zustande. Wenn alles läuft, ist das wie Segeln mit Rückenwind. Bei starkem Wellengang und Gegenwind aber muss man richtig arbeiten. Ich würde also nichts ändern.

Im Moment ist die Konjunktur leicht rezessiv, wie sieht es bei Phoenix Contact aus?
Die Delle spüren wir auch. Wir hatten hehre Ziele für dieses Jahr, die wir bisher nur zur Hälfte erreicht haben, und das Jahr ist ja schon fast rum. Aber dann muss man eben vom eigentlichen Plan abweichen, Kosten reduzieren, Investitionen schieben, A, B und C-Projekte definieren und entsprechend priorisieren. So wie jeder andere Haushalt auch. Detailliert schildere ich das auch auf unseren Belegschaftsversammlungen. Die Weltkonjunktur können wir ja nicht ändern, die ist jetzt so. Aber - um wieder mit einem Bild zu sprechen -  ein guter Segler kann auch nicht den Wind ändern, aber die Segel richtig setzen. Und das machen wir.

Das “Personalmagazin” hat sie kürzlich für Ihre Lebensleistung geehrt und zu den 40 wichtigsten Personalern gekürt. Ihre Erfolge für Phoenix Contact wecken also offensichtlich Bewunderung über unsere Branche hinaus. Was kann man sich als Mittelständler im Wettbewerb um Fachkräfte von Ihnen abschauen, mit welchen Argumenten Zweifler überzeugen, dass eine  HR-Strategie wichtig und nicht nur “Nice to have” ist?
Sicher nicht, in dem man sich als eine Art Feelgood-Manager präsentiert. Es geht beim Personalmanagement um Leistung, um die Leistung des Teams und des einzelnen Mitarbeitenden. Wir reden von einer messbaren Größe. Es gibt freilich auch Unternehmen, in denen auf Druck gesetzt wird, um Leistung zu erzeugen. Davon halte ich nichts. Nachhaltiger Erfolg kommt dann zustande, wenn man Rahmenbedingungen schafft, in denen sich Mitarbeitende bei der Arbeit wohlfühlen. Meine Arbeit ist mein Hobby. Wer das noch von sich behaupten kann, wird die nachhaltigste Leistung erreichen.

Zuvor muss man Bewerber aber erstmal davon überzeugen, zu Unternehmen wie dem ihren in die Provinz zu ziehen, während attraktive Konkurrenz in den Metropolen sitzt. Worauf kommt es dabei an?  
Prof. Dr. Gunther Olesch: Man muss alles tun, um ein attraktiver Arbeitgeber zu werden, so dass sogar ein Standortnachteil von potenziellen Bewerbern vergessen wird. Es ist unbedingt empfehlenswert, dazu bei Arbeitgeber-Wettbewerben mitzumachen, denn dadurch bekommt man eine gewisse Systematik gleich mitgeliefert. Zum Beispiel die Mitarbeiterbefragung. Die könnte ich auch selbst machen  - und haben das anfangs auch - , aber viel wichtiger ist das Benchmarking mit anderen Unternehmen, das sozusagen gleich mitgeliefert wird. Denn ob sie besser oder schlechter sind als andere Unternehmen, über- oder unterdurchschnittlich abschneiden, wissen sie ja sonst nicht.  

Sie sagen, HR-Manager brauchen den Kopf über den Wolken und die Füße auf dem Boden. Wie meinen Sie das?  
Was ich damit meine, ist die Vision, die HR-Manager brauchen. Wo soll das Unternehmen in 10, in 20 Jahren sein? Und dann die Menschen um einen herum von dieser Vision überzeugen - Einzeldiskussionen führen, Leute mitnehmen, die das anders sehen. Jeden Tag! Das ist der Unterschied zu, wie ich sie nenne, “Powerpoint-Managern”, die große Visionen skizzieren und Vorträge halten. Eine Vision in den Computer zu schreiben ist einfach. Bei solchen Managern schaue ich gerne, wie ihre Unternehmen auf kununu abschneiden: unterdurchschnittlich? Dann ist das für mich nur ein Powerpoint Manager. “Füße auf den Boden” heißt, die Vision auch umzusetzen, nicht nur aufzustellen. Das macht nämlich nur 5 Prozent der Arbeit aus, die restlichen 95 Prozent sind Umsetzung.   Die Fußarbeit ist das Entscheidende: Menschen für etwas zu gewinnen, mitzugehen, einen Kulturwandel im Positiven zu vollführen. Das geht nur, wenn die Leute überzeugt sind.

5-Stunden-Tage, unbegrenzter Urlaub - vieles wird unter New Work diskutiert. Was verstehen Sie darunter und wie wird sich die Arbeitswelt in der Industrie verändern -  und wie eher nicht?
Kreativität lässt sich nicht verordnen oder zu einem bestimmten Zeitpunkt abrufen. Sie kommt spontan, vielleicht sogar erst Sonntag nach dem Frühstück. Daher glaube ich daran, dass Arbeit und Privatleben immer mehr ineinander überlaufen. Mobiles Arbeiten macht vieles möglich, egal ob zuhause, im Zug oder nach dem Feierabendgrillen mit den Nachbarn. Dafür nimmt man dann unter der Woche mal einen Tag frei.Zu New Work gehört für mich dazu, als Unternehmen die technischen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen und entsprechende Rahmenbedingungen zu setzen. Etwa neue Räumlichkeiten, die auch geistige Mobilität ermöglichen. All das ist für mich New Work. Unerlässlich dafür ist die Überzeugung, der Spirit, dass es den Nine-to-Five-Job nicht mehr gibt, dass Arbeit statt Montag auch mal am Samstag stattfindet. Für Gewerkschaften ist das freilich ein heikles Thema. Aber wenn wir auf dem Markt der Zukunft  bestehen wollen, dann muss so etwas kommen. Von Belegschaften spüre ich da im Übrigen auch wenig Gegenwehr. Junge Menschen scheinen mir da viel aufgeschlossener.

Wie fanden Sie diesbezüglich die EUGH-Entscheidung in Sachen Zeiterfassung? Ein Zurück zur Stechuhr?
Sehr bedauerlich. So eine Denke ist heute in der digitalen Transformation nicht mehr zeitgemäß. Dieses Urteil geht nicht an der Realität, sondern an der Zukunft vorbei.

Werden Unternehmen, die organisiert und geführt werden wie noch vor 30 Jahren, in Zukunft Schwierigkeiten haben, Arbeitskräfte zu gewinnen?
Das ist sogar meine feste Überzeugung. Wenn Unternehmen die Erwartungen der jungen Generation nicht erfüllen, werden sie aussterben.   

Der VDE spricht von 100.000 Ingenieuren,  die in den kommenden Jahren fehlen werden.  Woher sollen die kommen?
Die Ausbildungsquote in Deutschland ist nach wie vor verbesserungswürdig. Auch das Duale Studium sollte verstärkt werden. Und dann - das muss ich ehrlich sagen - müssen wir die Ingenieure auch verstärkt aus dem Ausland holen, etwa aus Osteuropa, wo die Arbeitslosenquote auch bei Akademikern noch relativ hoch. Und ihnen tolle Jobs und Perspektiven bei uns anbieten und sie entwickeln, um hier gut arbeiten zu können.

Das hat vor ein paar Jahren, als die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien so hoch war, nur partiell gut funktioniert, es scheiterte oft bereits an der Sprache.
Ja, auch wir hatten damals unsere Erfahrungen gemacht. Viele der jungen Spanier, die zu uns kamen, gingen nach kurzer Zeit wieder zurück. Obwohl es dort weiterhin keine Jobs gab. Woran das lag? Das Wertesystem vieler Südeuropäer ist einfach anders als unseres, die Familie steht sehr im Vordergrund, fängt einen auf, auch finanziell, da wird zusammengelegt. Das ist bei uns anders, hierzulande wird erwartet, dass der Staat einspringt. Dafür fühlen sich die Menschen dort geborgener als hier. Wie haben wir das Problem gelöst? Wir haben einfach eine Entwicklungseinheit in Spanien eingerichtet. Damit die Leute dort in ihren Strukturen bleiben konnten. Sie haben von dort aus die Produkte für uns entwickelt.

Da in Deutschland ein Einwanderungsgesetz bislang fehlt - ist die logische Konsequenz, dass Firmen ins Ausland gehen werden, dorthin wo Fachkräfte sind?
So ist das! Ich fände es besser, wenn das Einwanderungsgesetz beschleunigt kommen würde, ich kann das der Regierung nur empfehlen. Zumal auch die Steuern und Sozialversicherungsbeiträge damit dem deutschen Staat verloren gehen. Es wäre besser, die Leute herzuholen, damit sie ihr Geld hier verdienen. Im Zuge des demographischen Wandels kommt 2030 ein großer Knick - daher müssen wir jetzt schon handeln, eigentlich schon gestern. Auch mit Blick auf unsere Rentenkassen.

Hohe Abbruchquoten in Elektrotechnik tun ihr übriges, was tun?
Ja, die Hürden scheinen mir niedriger geworden. 20 Einsteins in einer Klasse - daran glaube ich einfach nicht. 1975 war die durchschnittliche Studien-Abschlussnote in Deutschland 2,9. Heute hat sie sich auf 2,1 verbessert. Ich glaube aber nicht, dass wir plötzlich alle intelligenter geworden sind. Sondern dass Zensuren heute leichter zu haben sind. Und das verfälscht das Bild. Das erlebe ich auch als Hochschulprofessor. Häufig gibt es nur noch Eins und Zwei, selten Drei. Vier sowieso nicht. Heute intervenieren Eltern gerne bei schlechten Zensuren und es wird ihnen nachgegeben, das gab es früher selten. Das Elektrotechnik-Studium wird aber dadurch auch nicht einfacher, ohne Mathe geht es eben  nicht und das kann man auch nur begrenzt nachschulen. Unsere Gymnasien müssen wieder realistische Noten geben. Der Facharbeiter muss aufgewertet werden. Bei Phoenix Contact setzen wir aus diesem Grund auch einen Schwerpunkt beim Dualen Studium und verstärken die klassische Ausbildung, denn Facharbeiter brauchen wir unbedingt!

Stellt die Elektronikbranche ihr Licht zu sehr unter den Scheffel, setzt die falschen Anreize in der Nachwuchsförderung?
Die Sinnfrage spielt eine Rolle und wir sollten uns diesbezüglich als Branche mehr positionieren, denn das ist der Schlüssel. Mehr PR machen. Gerade auch wir Mittelständler müssen lauter werden, damit die wenigeren, die sich am Markt tummeln, einen auch hören. Das halte ich für absolut notwendig. Deswegen betone ich bei meinen Vorträgen auch immer besonders die E-Mobility, obwohl sie nur einen Teil unseres Geschäftes ausmacht. Sie ist einfach sexy für potenzielle Bewerber. Also unbedingt ja - die Elektroindustrie muss da mehr machen.

Die Branche engagiert sich ja schon seit vielen Jahren in der MINT-Förderung, dennoch steigt die Frauenquote in Elektrotechnik quälend langsam. Warum geht es so langsam voran?
Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich habe darauf keine Antwort. Ich hätte auch gedacht, dass all die MINT-Maßnahmen über die vielen Jahr stärker greifen würden. Ich hätte mehr erwartet. Wir haben vor 25 Jahren bereits bei Phoenix Contact mit dem Girls Day begonnen, haben Eltern von jungen Mädchen zu uns eingeladen und High-Tech anschaulich erklärt, machen Summer Schools etc. Was dabei auffällt: fast immer sind Mädchen davon ganz begeistert - und wählen im Anschluss doch Industriekauffrau. Bei uns in Deutschland ist offenbar immer noch ein starkes, traditionelles  Rollenbild vorhanden. Die MINT-Quote liegt bei Indern und Chinesen bei 50:50 - und nicht wie bei uns bei wenigen Prozent Frauenanteil - und das ist in anderen europäischen Ländern nicht wesentlich anders. Diesbezüglich sind wir hier das Schwellenland. Wir sollten darüber nachdenken, mit Technikförderung schon im Kindergarten zu beginnen. Je früher, umso mehr bleibt haften. Dazu brauchen wir auch mehr Männer in Kindergärten, ich weiß zum Beispiel, dass das in China und Asien ebenfalls anders ist. Aber man kann niemanden zu einem Beruf zwingen. Auch die Eltern müssten mehr machen, versuchen, Interessen in Richtung Technik zu entwickeln.

Was bedeuten Ihnen die Auszeichnungen, die Sie bekommen haben?
11 Mal bester Arbeitgeber Deutschlands geworden zu sein und jetzt zum Schluss meiner beruflichen Laufbahn als Geschäftsführer eine Ehrung für das Lebenswerk - das freut mich schon sehr. Gerade weil ich aus dem Mittelstand komme. Denn es zeigt, es hat sich gelohnt, all die Arbeit. Ich will damit auch ein Vorbild für andere HRler sein und Mut machen, sich von Widerständen nicht entmutigen zu lassen. Ich bin von Herzen HR-Mann, auch wenn ich ja noch zusätzlich für IT und Facility Management zuständig bin. In Punkto Digitalisierung gehört alles drei zusammen: Mensch, IT und Räumlichkeiten. Mein Hobby. Und ich bin stolz auf mein Team.

Wer wird ihr Nachfolger werden?  
Das geben wir im Januar bekannt, noch darf ich da nicht drüber reden, ich bitte um Verständnis. Aber es wird ein kompetenter Nachfolger aus den eigenen Reihen sein, der schon lange im Unternehmen ist und alles im gelebten Sinne weiterführen wird.

(Interview: Corinne Schindlbeck)