Zuwanderungs-Debatte Habe Greencard, suche Job

33.000 IT-Experten sind seit dem Jahr 2000 per Greencard nach Deutschland gekommen.

Die deutsche Industrie will mehr Zuwanderer, doch was passiert, wenn diese ihren Job verlieren? Ein indischer DRAM-Spezialist mit Greencard erzählt, wie er und andere ausländische Fachkräfte sich durch die Krise kämpfen mussten.

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Greencard zieht der Hightech-Verband Bitkom eine positive Bilanz der Zuwanderungsregelung für IT-Fachkräfte. Am 1. August 2000 wurden die ersten Arbeitsgenehmigungen für ausländische Experten vergeben. Damit reagierte die damalige rot-grüne Bundesregierung auf den beklagten Mangel an IT-Spezialisten. Seitdem sind rund 33.000 IT-Experten auf diesem Weg nach Deutschland gekommen. Den einschlägigen Industrieverbänden ist das noch zu wenig.

»Die Greencard hat eine wichtige Debatte über Zuwanderung angestoßen«, sagt Bitkom-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer. »Die derzeit gültigen Gesetze sind für den Zuzug von Hochqualifizierten aber immer noch zu restriktiv.«

Der Bitkom würde neben Verbesserungen im Bildungssystem gerne einen Drei-Stufen-Plan für eine erleichterte Zuwanderung von Hochqualifizierten nach Deutschland realisiert sehen. Demnach soll die bestehende Gesetzeslage verbessert, im Ausland aktiv für den Studien- und Arbeitsstandort Deutschland geworben und parallel dazu ein Konzept für die Einführung eines Punktesystems erarbeitet werden. »Der Expertenmangel ist eines der größten Herausforderungen der deutschen Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren. Das Problem verschärft sich und wir müssen jetzt die Weichen für die Nachwuchssicherung unter Einbeziehung ausländischer Spezialisten stellen.«

Aktuell geben laut Bitkom ein Drittel der ITK-Unternehmen an, dass der Fachkräftemangel ein Hindernis für ihre Geschäftstätigkeit ist. Auf dem Höhepunkt des Aufschwungs im Jahr 2008 habe es zeitweise 45.000 offene Stellen für IT-Fachkräfte in der deutschen Wirtschaft gegeben. Zuletzt hatten sich Bundesforschungsministerin Annette Schavan, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Stefan Mappus, sowie FDP Generalsekretär Christian Lindner für eine Reform des Zuwanderungsgesetzes ausgesprochen.

Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass ausländische Greencard-Experten nicht vor Arbeitslosigkeit gefeit sind. Rahul Chandran (Name geändert) kam im Juni 2006 nach Deutschland und arbeitete zunächst für Infineons Speichersparte.  Der Transfer kam firmenintern von Indien nach Deutschland zustande. Als Qimonda Anfang 2009 Insolvenz anmelden musste, stand auch Chandrans Job auf der Streichliste. Die Suche nach einem neuen gestaltete sich schwierig: Chandran spricht nur schlecht deutsch und sein DRAM-Fokus geriet ihm nach der Qimonda-Pleite zum Pferdefuß: Zu viele Ex-Kollegen drängelten sich auf dem Arbeitsmarkt. Angesichts der beginnenden Krise am Finanzmarkt und in der Automobilindustrie verhängten viele Firmen einen Einstellungsstopp. Auf ein Stellenangebot bewarben sich oft bis zu 1000 Ingenieure und mehr, die Konkurrenz war groß. Selbst erfahrene Praktiker senkten ihre Gehaltsansprüche, um einen Job zu bekommen. Einige Ingenieure konnten sich in andere Industriesparten hinüberretten, die nicht so hart von der Krise betroffen waren, weiß Chandran. Er war nicht dabei. »Für mich als Ausländer gab es dazu keine Möglichkeit«. 

Letztlich wechselte der junge Inder als Lehrkraft an eine Universität und erweitert seitdem parallel seine technische Expertise. Dies hätten im Übrigen auch viele deutsche Ingenieure getan, um nicht länger als arbeitssuchend abgestempelt zu werden, erzählt er. Einige andere fanden in Patentanwaltskanzleien eine Anstellung.

Was sagt Chandran zum beklagten deutschen Fachkräftemangel? »Das scheint mir subjektiv zu sein. Wenn die Konjunktur gut ist, sind die Firmen in Einstellungslaune. Doch in der Krise stellt niemand ein, vor allem nicht in der zyklischen Mikroelektronik.« Andererseits findet Chandran, dass deutsche Firmen im Vergleich zu USA oder Indien zu wenig Hochschulmarketing und -recruiting betreiben würden, mit dem Effekt, dass viele ausländische Absolventen Deutschland wieder verlassen würden. Allein an seinem Institut promovierten aktuell mehr Ausländer als Deutsche.

Chandras Beobachtung wird gestützt durch eine aktuelle Analyse des VDI, der die Staatsangehörigkeit ausgebildeter Ingenieure in Deutschland untersucht hat. 2008 lag der Anteil nichtdeutscher Studierender der Ingenieurwissenschaften bei 15 Prozent. Der Anteil der Absolventen bewegte sich auf ähnlichem Niveau. Die Gruppe ausländischer Ingenieure im Job machte jedoch nur rund zehn Prozent aus. Die Zahlen legen laut VDI nahe, dass viele ausländische Absolventen Deutschland nach Abschluss ihres Studiums wieder verlassen.

»Wir betrachten die Abwanderung mit Sorge, da Deutschland auch auf ausländische Fachkräfte zurückgreifen muss, um seine technische Führungsposition zu stärken«, reagierte VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs auf die Ergebnisse. »Ingenieure mit ausländischer Staatsbürgerschaft sind vor dem Hintergrund des wachsenden Fachkräftemangels unverzichtbar. Politik und Wirtschaft sind hier gefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um dieses Potenzial zu halten.«

Soweit der Appell. Chandran kommt heute mit seinem Verdienst an der Uni gut über die Runden, bekommt aber weniger als bei Qimonda. Erleichtert ist er darüber, kein Arbeitslosengeld beantragt und auch sonst keine Probleme mit der deutschen Bürokratie zu haben, da der Wechsel an die Uni noch rechtzeitig vor der drohenden Arbeitslosigkeit gelang. Hilfreich war da auch sein Visum, das nicht an Qimonda gebunden war.  »Aber ich kenne einige Fälle, die Probleme mit der Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben, weil sie weniger als ein Jahr hier waren. Andere mussten Deutschland sogar verlassen, weil sie keinen geeigneten Anschluss-Job bekommen haben, manche suchten ein Jahr und länger nach einer neuen Position. Da die Krise global war, sah die Lage freilich im Ausland auch nicht anders aus: »Even those who gone back or moved to some other place, they had to wait till Indias and other countries economy got better.«