Flexibler Arbeitsplatz Gute Gründe für Home Office

»Nicht alle Mitarbeiter eignen sich für das Home Office. Chefs und Mitarbeiter brauchen einen Rahmen, wie eine gesunde Zusammenarbeit für beide Seiten gelingen kann«, empfiehlt unser Autor Markus Dohm, Executive Vice President bei TÜV Rheinland Academy & Life Care.

Die Debatte zwischen Führungskräften, Politik, Gewerkschaften und jungen Wissensarbeitern um das Recht auf Home Office ist geprägt von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und vor allem Ignoranz gegenüber der Wirklichkeit in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts. Viele Führungskräfte befürchten Kontrollverlust und dass ihre Mitarbeiter in Heimarbeit ihre Leistungen nicht brächten. Denn nach wie vor herrscht in Deutschland die Anwesenheit als Nachweis der Arbeitsleistung und weniger das Arbeitsergebnis.

Dabei zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die Arbeitsweise im Home Office eine adäquate Antwort ist auf zahlreiche Herausforderungen westlicher Industrienationen. Ob Treibhausgasemissionen durch Pendler, Demografie oder Digitalisierung und vor allem der sich gravierend verschärfende Fachkräftemangel oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Bei all diesen Herausforderung kann die flexible Gestaltung von Arbeitszeit und -ort mit Kommunikations- und Kollaborations-Tools einen Beitrag leisten. Wichtiger als die Frage des OB wäre es zu klären, wie sich Unternehmen flexibilisieren, ihre Spielregeln modernisieren und wie Arbeitgeber künftig ihrer Fürsorgepflicht für Arbeitnehmer nachkommen, beispielsweise mit Weiterbildung sowie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Aber zunächst ist wohl das wichtigste Vorurteil zu widerlegen.

13 Prozent höhere Produktivität

Viele Führungskräfte, die sich wenig mit Motivation beschäftigen, pflegen das Vorurteil, ihre Mitarbeiter würden im Home Office weniger Leistung bringen. Das Gegenteil ist der Fall, wie u.a. eine Untersuchung des Stanford-Professors Nicholas Bloom 2017 zeigte. Er begleitete mit seinen Studierenden zwei Jahre lang das größte chinesische Reisebüro Ctrip bei der Einführung von Home Offices. Die eine Hälfte der Mitarbeiter durfte unter der Voraussetzung eines häuslichen Arbeitszimmers und eines Breitbandanschlusses von zuhause aus arbeiten.

Die andere Gruppe erbrachte ihre Leistung weiter im Büro. Professor Bloom berichtet über seine Studienergebnisse: »Die Heimarbeit führte zu einer Leistungssteigerung von 13 Prozent, wovon 9 Prozent auf mehr Minuten pro Schicht, weniger Pausen und Krankheitstage sowie 4 Prozent auf mehr Anrufe pro Minute zurückzuführen sind […]. Die Heimarbeiter berichteten ebenfalls über eine verbesserte Arbeitszufriedenheit […]. Aufgrund des Erfolgs des Experiments führte Ctrip die Option für Home Office auf die gesamte Firma aus und erlaubte den Mitarbeitern, zwischen Heim und Büro zu wählen. Bloom schloss aus seiner Untersuchung die Empfehlung, flexible Regelungen für die Heimarbeit zu finden, die den sozialen Bedürfnissen der Mitarbeiter ebenso gerecht werden wie dem Bedarf nach hochkonzentrierter Arbeit in heimischer Kulisse.

Mit mobilen Anwendungen gut eingebunden

Den Zusammenhang zwischen höherer Produktivität und Zufriedenheit bei gleichzeitigen Klagen der Heimarbeiter über fehlende soziale Kontakte untersuchte das Softwareunternehmen Tinypulse. Es befragte 509 Angestellte in Vollzeit im Home Office und verglich deren Antworten mit denen von mehr als 200.000 Angestellten im klassischen Büro. 91 Prozent der Telearbeiter meinen, dass sie im Home Office mehr Arbeit erledigen und produktiver seien. Die Forscher ermittelten zudem einen Glücklichkeitsindex, auf dem die daheim Arbeitenden besser abschnitten als die Büroarbeiter. Allerdings fehlt wohl einigen der soziale Kontakt mit den Kollegen. Digitale und mobile Kommunikationsmittel können heute, richtig angewendet, die Nachteile einer fehlenden Face-to-Face-Kommunikation mehr als wett machen. Das zumindest zeigt eine Studie über die Digitalisierung der Arbeitswelt von VMware und Forbes aus dem Jahr 2018.

Nur zwölf Prozent arbeiten im Home Office

Angesichts der positiven Erfahrungen und Erwartungen in Branchen, die Home Office bereits nutzen, ist diese Arbeitsweise in Deutschland im Vergleich zum EU-Durchschnitt deutlich unterrepräsentiert. Während in Schweden bereits 32 Prozent, in Finnland 28 Prozent, in den USA 20 Prozent, in Indien 19 Prozent der Arbeitnehmer mindestens zeitweise remote arbeiten, sind es in Deutschland lediglich 12 Prozent. Das ermittelte die Internationale Arbeitsorganisation der UN (ILO) 2017.