Ingenieurdienstleistung Größe wird zum Überlebensmerkmal

Für die Übernahme menschlicher Aufgaben spielt KI eine große Rolle. Fahrzeuge werden in der Lage sein, auch komplexe und nicht vorhersehbare Verkehrssituationen zu interpretieren.
Für die Übernahme menschlicher Aufgaben spielt KI eine große Rolle. Fahrzeuge werden in der Lage sein, auch komplexe und nicht vorhersehbare Verkehrssituationen zu interpretieren.

Embedded-Software-Dienstleister sind zu einem Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche digitale Transformation geworden. Automobilhersteller gehören zu den größten Auftraggebern. Davon profitieren jedoch vor allem die großen, die kleinen müssen kämpfen.

Paradox: Die Nachfrage nach Embedded-Software-Lösungen ins riesig. Vor allem aus der Automobilindustrie, die riesige Entwicklungsprojekte zu stemmen hat, Beispiel Autonomes Fahren. Genügend Arbeit für alle Spezialisten, könnte man meinen.

Und doch haben kleinere Dienstleister oft nicht die Kapazität, um die gestiegenen Auftragsumfänge oft im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Volumen im Alleingang stemmen zu können.

Richtig erschwert wurde das Ganze zusätzlich durch die vor anderthalb Jahren in Kraft getretene Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG), wie das Beispiel des Embedded-Dienstleisters Green Digit GmbH zeigt. Immer größere Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in den Bereichen autonomes Fahren, AI und KI vergeben die Automobilhersteller en bloc nach außen.

»Die können wir nicht alleine stemmen, weder finanziell noch personell.« Deswegen muss Green Digit auch als Partner von großen Ingenieurdienstleistern arbeiten. Das drückt auf die Marge. Die Folgen beschreibt Volker Werbus: »Wir können inzwischen nur mehr sehr begrenzt proaktiv sein und uns auf künftige Anforderungen der Kunden einstellen – weil wir viel zu weit unten in der Nahrungskette stehen und viele Informationen überhaupt nicht mitbekommen.«

Seit die Reform in Kraft ist, darf Geschäftsführer Volker Werbus seine Mitarbeiter auch nur noch für maximal 18 Monate ins Projekt zum Kunden schicken. Alles was darüber hinausginge, wäre eine sog. Kettenüberlassung - und das ist seit 1. April 2017 verboten. Mindestens drei Monate Pause müsste der Projektmitarbeiter beim Kunden einlegen, bis er im gleichen Projekt wieder beschäftigt werden darf – klar, dass kein Kunden so lange warten will. Werbus müsste derweil einen anderen Mitarbeiter entsenden – das ist ihm als kleiner Dienstleister mit unter 20 Mitarbeitern nicht so leicht möglich, der Fachkräftemangel bei Embedded-Software-Spezialisten ist groß. Werbus: »Wir kommen deshalb bei immer mehr Projekten nicht mehr zum Zug.«

Kleine Firmen wie Green Digit sind gegenüber Marktführern wie Hays, Ferchau oder Bertrandt benachteiligt. »Diese Reform geht an der Realität in der IT-Branche Lichtjahre vorbei«, schimpft Werbus. Warum sei ein Berater von McKinsey von der AÜ ausgenommen, ein hochqualifizierter Ingenieur oder Informatiker aber nicht? Diese Rechtsunsicherheit führe bei vielen Kunden dazu, dass Projekte nur noch in Arbeitnehmerüberlassung besetzt werden. »Das wiederum bedeutet für uns, dass wir viele Projekte trotz vorhandener AÜ-Lizenz nicht besetzen können, weil die meisten großen Kunden eben auch große Dienstleister bevorzugen und Subunternehmer im AÜ-Umfeld nicht zulässig sind. Die Begrenzung der Ausleihdauer auf 18 Monate ist für viele Entwicklungsprojekte zu kurz. Und dann ist es fast schon zwangsläufig, dass Kunden anschließend unsere Mitarbeiter übernehmen, um das Projekt nicht zu gefährden. Einen Produktionsmitarbeiter kann man eher austauschen als einen Entwicklungsingenieur.«

In letzter Zeit hat Green Digit einige Mitarbeiter an Kunden verloren – diesen Verlust auszugleichen bei einem leergefegten Markt ist ein Kraftakt. Ergebnis: Viele kleinere Anbieter flüchten sich in Nischen, geben auf oder werden von den Platzhirschen aufgekauft. Wie zuletzt der schwedische Autosar-Spezialist Arccore durch Vector Informatik.

Wird der boomende Markt für die kleineren am Markt zur Falle, obwohl der Bedarf an externer Unterstützung bei Digitalisierungsprojekten so enorm hoch ist? Autosar gehört auch zum Geschäft eines Gründers, dessen Namen wir geändert haben, weil er sich gerade in Vertragsverhandlungen mit einem großen Automobildienstleister befindet, der seine Schlagkraft am Markt unvermittelt verbessern dürfte. Er ist CEO eines rund 40 Leute umfassenden Dienstleisters, spezialisiert auf Embedded-Software-Entwicklung. Er bietet alles an, Arbeitnehmerüberlassung, Werk- oder Dienstverträge, Auftragsentwicklung. Und er kann die Aussagen von Volker Werbus bestätigen. Als kleinerer Dienstleister habe man so gut wie keine Chancen, an Projekte bei großen OEMs heranzutreten. »Zu klein, zu unsicher«, sagen diese. Erst seit der große Automobilzulieferer sich bei Projekten mit reinhängt, läuft es auf einmal leichter.