Soziologe zerpflückt Shell Jugendstudie »Gen X, Y, Z ist ein Mythos«

Prof. Martin Schröder

»Die Vorstellung, wie ein moderner Vater oder eine moderne Mutter – egal wie man das jetzt moralisch bewertet – zu sein hat, scheint an den Vorstellungen oder Einstellungen der meisten Deutschen vorbei zu gehen.«
Prof. Martin Schröder, Universität Marburg.

Kolonnen von Experten beraten, wie man die »Generationen Y und Z« als Fachkräfte gewinnt und ins Unternehmen eingliedert. Weil sie so anders sind. »Alles Quatsch, Alterskohorten unterscheiden sich in ihren Einstellungen kaum«, hat ein Marburger Soziologe nun herausgefunden.

Es gibt in der Bundesrepublik keine Generationen, die sich in ihren Einstellungen voneinander unterscheiden: Zu diesem Ergebnis gelangt der Marburger Soziologe Professor Dr. Martin Schröder in einer aktuellen Studie, die er in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ erstmalig veröffentlicht hat.

Über 500.000 Einzeldaten von mehr als 70.000 Umfrageteilnehmern wurden dazu auswertet. Schröders Fazit: Sog. Generationenunterschiede beruhen auf einer falschen Grundannahme, die von der Empirie nicht gestützt wird.

Darauf beruhen aber  diverse Studien und populärwissenschaftliche Bücher, Personaler zerbrechen sich die Köpfe, wie sie ihr Unternehmen auf neue Generation an Fachkräften vorbereiten. Dabei gebe es die vermuteten Einstellungsunterschiede gar nicht, so Professor Schröder: Seiner aktuellen Studie zufolge unterscheiden sich die verschiedenen Alterskohorten kaum in ihren Einstellungen zum Leben und zur Welt.

Schröder bemängelt in seiner Begründung »unscharfe Studien« und populärwissenschaftliche Bücher und zitiert die Gemeinplätze, mit denen die einschlägigen Studien die angeblichen Generationen beschreiben: das Bedürfnis der sogenannten »Generation  Y« nach emotionaler Bindung, aber auch nach einem gesicherten und eigenständigen Platz in der Gesellschaft: Welche Generation wünsche das nicht, wirft Schröder ein.

Zudem würden ein- und derselben »Generation Y« mitunter gegensätzliche Eigenschaften zugeschrieben: auf der einen Seite zum Beispiel eine große Freiheitsneigung, auf der anderen eine starke Gemeinschaftsorientierung. 

All diese Studien leiden Schröder zufolge an einem gravierenden Mangel: Um eine Generation von einer anderen abgrenzen zu können, müsste man ihre Angehörigen mit älteren oder jüngeren Personen vergleichen; genau das tun die Generationenforscher aber nicht, legt der Soziologe dar: sie »vergleichen Einstellungen gar nicht kohortenübergreifend«.  Als Kohorte bezeichnet die Soziologie eine Gruppe von Personen gleichen Alters.

Bisher habe es noch keine empirischen Studien gegeben, die Einstellungen verschiedener Alterskohorten miteinander verglichen hätten. Diese hat Schröder nun geliefert: Er analysierte Umfragedaten aus einer Langzeituntersuchung. Seit dem Jahr 1984 befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Jahr für Jahr zirka 12.000 Privathaushalte und veröffentlicht die Ergebnisse der Erhebung im »Sozio-ökonomischen Panel« (SOEP).

»Wenn es wirklich Generationen gibt, dann müssten die unterschiedlichen Geburtenkohorten im Jugendalter unterscheidbare Einstellungen haben«, behauptet der Marburger Hochschullehrer. Das Ergebnis: Die vermeintliche Generation Y denke genauso wie so ziemlich alle anderen Generationen vor ihr, so Schröder.

Die »wenigen und schwachen Effekte« die es gäbe, wiesen zudem oft in die genau gegenteilige Richtung dessen, was die Literatur vermute. »Es gibt Einstellungsunterschiede, die sich in der gesamten Gesellschaft breit machen, aber die erfassen alle Generationen gleichermaßen.«

Angesichts der Resultate  hält es Schröder für sinnlos, Befragungen wie die »Shell Jugendstudie« durchzuführen, um vermeintliche Generationen zu unterscheiden. »Das periodische Ausrufen neuer Generationen mit unterschiedlichen Einstellungsmustern illustriert die Konstruktion gesellschaftlicher Mythen und nicht tatsächlicher Generationenunterschiede.«

Professor Dr. Martin Schröder lehrt Soziologie der Wirtschaft und Arbeit an der Philipps-Universität. In seiner Forschungsarbeit untersucht er empirisch, wie Gerechtigkeits- und Moralvorstellungen wirtschaftliches und politisches Handeln beeinflussen.