Als Ingenieur zum Start-up? "Gehen Sie zuerst in einen Konzern!"

Nahezu lautlos ist am 4. Juli Kunstflugzeug vom Typ ‚Extra 330LE‘ auf dem Flughafen Dinslaken Schwarze Heide abgehoben. Es diente als Erprobungsträger für den neuen Siemens-Motor mit Namen ‚SP260D‘. Dieser hat bei einer Leistung von 260 KW und einem Gewicht von 50 kg ein Rekord-Leistungsgewicht. Erstmals flog damit ein Flugzeug der Zertifizierungs-Kategorie CS23 mit Permit-to-Fly rein-elektrisch.
Als Start-up durchzustarten, gelingt immer häufiger mit Hilfe von Corporate Venture Einheiten in Konzernen wie Siemens. Wer als Gründer bereits ein paar Jahre Industrieluft geschnuppert habe, sei ohnehin im Vorteil, sagen Experten.

Dr. Christian Reitberger ist als Business Angel und Frühphasen-Investor spezialisiert auf die B2B-Elektronik: Photonik, Artificial Intelligence oder Erneuerbare Energien sind sein Geschäft. Im Interview erklärt er, welche Ingenieure das Zeug zum Gründer haben.

Herr Dr. Reitberger, erklären Sie potenziellen Gründern die Besonderheiten, von denen Ihre Investition in den Elektronik-B2B-Markt abhängt? 
Zunächst zu den Unterschieden: In den B2C-Markt fließt viel Geld und es sind viele Investoren unterwegs. Man ist fiebrig auf der Suche nach der nächsten “disruptiven” Geschäftsidee, nach dem  nächsten Facebook. Es sind seit einiger Zeit deutliche Anzeichen einer “Bubble”  zu erkennen.
Der B2B-Bereich hingegen mit “real stuff” wie Elektronik, Photonik oder Erneuerbaren Energien funktioniert anders. Hier in Deutschland gibt es kaum neue Advanced Tech Finanzinvestoren, nur eine Handvoll beackert den Markt der Elektronik. Dafür sind eine Vielzahl von Corporate-Investoren neu am Markt, also Old Economy, die mit Hilfe von Risikokapital eigene Innovationen beschleunigen wollen: BASF, Bosch, Siemens, Intel oder die Automobilhersteller. Drei große Energieversorger (und mehrere kleine) haben mittlerweile Corporate Venture-Abteilungen.  Auch viele Mittelständler fangen an mit Venture Capital zu experimentieren. Das ist auf der einen Seite gut, weil damit Kapital am Markt ist. Andererseits sind viele noch unerfahren oder zu sehr am Eigeninteresse orientiert, was für Gründer problematisch ist. Ein erfahrener Corporate Investor versucht, ein Start-up so wenig wie möglich einzuschränken. Ein syndiziertes Investment aus Venture Capital, Corporate Investoren und Fördertöpfen bedeutet heutzutage einen enormen Verhandlungsaufwand, was die Bandbreite eines Gründers stark fordert. 

Selbst wenn es gelingt, für die Wachstumsfinanzierung müsse man dann ins Valley, heißt es.
Auch das Silicon Valley wartet nicht auf deutsche Gründer. Hardwarelastige Elektronik-Start-ups mögen vielleicht nicht so hipp erscheinen wie ein Software-Start-up, aber sie können durchaus hier in Europa durchstarten und wachsen, das zeigen Beispiele wie Orcan oder Heliatek. 

Wie macht sich denn eine Unternehmensgründung eigentlich im Lebenslauf?
Auf jeden Fall gut, wenngleich ich dazu rate, erst Erfahrung zu sammeln und dann zu gründen. Ein Karrierestart bei Bosch oder Siemens ist überhaupt kein Contra-Indikator.  Nicht jeder hat schließlich sofort aus der Uni heraus eine brilliante Idee. Was es auch nicht mehr gibt, ist der sog. Makel des Scheiterns. Das ist vorbei, hier haben wir uns in Deutschland weiterentwickelt.

Ein Unternehmer klagte auf der Start-up-Messe “Bits&Pretzels”, man käme hier in München so schlecht an Software-Entwickler. Die, die es gibt, seien wenig gründungsfreudig und satt vom großen Jobangebot. In Berlin sei das viel einfacher!
Ich habe nicht beobachtet, dass Münchner Gründer “luschiger” sind, zu satt zum Gründen. Natürlich ist hier in München das Jobangebot durch Konzerne groß. Das ist aber nicht unbedingt ein Hindernis. Ich rate ohnehin Ingenieuren dazu, nach dem Studium ruhig erstmal in Festanstellung zu gehen und zu lernen, wie das B2B-Elektronik-Business funktioniert. Und dann erst zu gründen. Wie soll man vorher ein Gefühl für den Bedarf und die Usancen der Branche entwickeln?

Die gezeigten Geschäftsideen reichten vom Matratzen-Start-up bis hin zur IoT-Geschäftsidee. Waren Sie als Münchner Investor auch da?
Dr. Christian Reitberger: Nein. In der Mehrheit ist das für mich eine heitere IT- und B2C-Messe, und dieser Markt gehorcht anderen Spielregeln als der “ernsthafte” der B2B-Elektronik. Ich bin europaweit auf Fachmessen unterwegs und im Umfeld der großen Universitäten.