Was Ingenieure in Zukunft brauchen Fachwissen nicht mehr unter den Top Ten

Dr.-Ing. Michael Schanz, VDE

Die digitale Arbeitswelt verändert die Anforderungen, die Unternehmen an Bewerber stellen. Welche Kompetenzen sind wichtig, um Karriere zu machen, vielleicht sogar als Führungskraft? Dr. Michael Schanz, Experte für den Ingenieurberuf beim VDE,  hat das in einem Webinar erläutert. 

Ohne Basis-Fachwissen in Mathe, Physik und den Grundlagen der Elektrotechnik scheitert ein angehender Ingenieur schon im Grundstudium. Es sind also „Hygienefaktoren“. Genauso wichtig ist Methodenkenntnis, um ein Problem sauber zu analysieren, zu zerlegen, messen und auswerten zu können. Beides zusammen: »Das Ticket für den Studienabschluss und die Eintrittskarte in den Beruf«, erklärt Dr. Michael Schanz, Experte für den Ingenieurberuf im Verband VDE.

Im Beruf kommt Spezialwissen hinzu, das auf diesen Grundlagen aufbaut. Es ist in der Regel gut erlernbar, »sofern die Grundlagen vorhanden sind. Und es will ständig aktualisiert sein!« Daran lässt der Experte keinen Zweifel. Schanz: »Ein Periodensystem der Elemente bleibt ein Periodensystem der Elemente. Aber Spezialwissen verändert sich.« 

Technisch versiert zu sein und am Ball zu bleiben reiche aber heute nicht mehr aus, sagt Schanz. »Die weichen Faktoren, die sogenannten Soft Skills, bestimmen darüber, wer schneller voran kommt und gar als Führungskraft Karriere macht.« Er schildert seine Erfahrungen mit Recruitern: »Am häufigsten sollen Bewerber drei Merkmale aufweisen: Persönlichkeit haben, kommunizieren können und in die Unternehmenskultur passen.« 

Das liege daran, dass sich die Ingenieurarbeit verändert habe. Statt in einzelnen Bauelementen und Komponenten stecken Innovationspotenzial und Marktchancen heute in ganzen Systemen aus Hard- und Software und sind eng verknüpft mit einer Anwendung. »Das zu entwickeln gelingt nur durch fachübergreifende Teamarbeit«, erklärt Schanz. Und Teamarbeit ohne Soft Skills sei nun mal denkbar schwierig.

Der einsame Daniel Düsentrieb als Tüftler in der Garage – das sei zwar ein netter Mythos, »er war aber auch vor New Work schon nicht richtig«, sagt Schanz. 
Ingenieurarbeit für solch individualisierte Produkte sei heute kreativer, wertschöpfender und durch stärkere Vernetzung gekennzeichnet als früher. Etwa mit der Produktion und dem Kunden, häufig bereits unter Zuhilfenahme großer Datenmengen. IT-Kenntnisse spielten daher ebenfalls eine viel größere Rolle als früher.

»Unternehmen sind heute auf Teamarbeit angewiesen, und zwar fachübergreifend.«

Soft Skills würden daher zu Unrecht als „weiche“ Kompetenzen belächelt, spielen sie doch in Wahrheit die entscheidende Rolle: »Sie entscheiden darüber, wie man im Job weiterkommt, Karriere macht oder nicht«, weiß der VDE-Experte und nennt die wichtigsten Skills: »Kommunikation, Eigenverantwortung und Persönlichkeit, Kreativität, intrinsische Motivation, Selbstorganisation, Selbstvertrauen, Integrität und übergreifendes, vernetztes Denken. In der Ingenieurarbeit werden soziale Kompetenzen immer wichtiger.«

Das sei im Übrigen nicht nur seine persönliche Meinung, sondern z.B. auch die von Phoenix Contact. Arbeit 4.0 wird dort unter der Leitung von CHRO Prof. Dr. Gunther Olesch vorangetrieben. »Durch Digitalisierung verändert sich die zur Erfüllung von Arbeitsaufgaben notwendige Handlungskompetenz«, heißt es von dort etwas sperrig in einer Umfrage, aus der Schanz zitiert und die die Ostwestfalen 2016 unternehmensintern durchgeführt hatten.

Dabei ging es um die zehn kommenden, wichtigsten Kompetenzen im Zuge von Digitalisierung und Industrie 4.0. Ergebnis aus 1789 abgegebenen Stimmen: 50 Prozent nannten Soft Skills, 40 Prozent Methodenwissen, 10 Prozent tippten auf Englisch. Schanz: »Fachwissen kam unter den zehn wichtigsten Kompetenzen nicht vor. Früher oder später wird alles, was mit einer Maschine ausgeführt werden kann, von einer Maschine ausgeführt werden. Mitarbeiter, die nur auf direkte Anweisungen handeln, werden der Vergangenheit angehören.«