Arbeitsmarkt Fachkräftemangel: Ja oder Nein?

Der Fachkräftemangel sorgt europäische Unternehmen weniger.
Der Fachkräftemangel sorgt europäische Unternehmen weniger.

Die sich verschärfenden Fachkräfteengpässe erschweren zunehmend die Personalsuche. Die Besetzung offener Stellen dauert heute mit durchschnittlich 82 Tagen länger als früher, schreiben Institute. Arbeitsmarktexperte und Buchautor Martin Gaedt sieht das anders und spricht vom Kassenschlager.

Zu den Zahlen vom Institut der deutschen Wirtschaft: Engpässe bei beruflich und akademisch qualifizierten Fachkräften haben sich inzwischen auf viele Berufe und Regionen ausgebreitet. Aktuell sind bereits zwei Drittel aller offenen Stellen für qualifiziertes Personal nur schwer zu besetzen (Burstedde/Risius, 2017). Kleine Unternehmen sind besonders stark betroffen und müssen fast jede dritte Personalsuche erfolglos abbrechen (Bossler et al., 2017). Mit den Fachkräfteengpässen gehen längere Zeiträume bis zur Besetzung offener Stellen einher. Unternehmen planen inzwischen mit einer durchschnittlichen Besetzungsdauer von 59 Tagen (IAB, 2017). Das sind 11 Tage mehr als noch 2010. Die Vakanzdauer, also die Zeit zwischen gewünschter und tatsächlicher Besetzung einer Stelle, stieg dennoch von 22 auf 24 Tage. Unternehmen haben demnach ihre Personalsuche bereits an die veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Allerdings ist die Zeit bis zur tatsächlichen Stellenbesetzung stärker gestiegen als der Planungshorizont der Unternehmen, und zwar um 13 Tage auf 82 Tage insgesamt. Unternehmen müssen somit für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter noch mehr Zeit einplanen als bisher.

Gute Lage

Personalbedarf scheint heute kurzfristiger zu entstehen als früher. Im Jahresdurchschnitt 2011 waren noch 70 Prozent der Stellen sofort zu besetzen, zuletzt waren es 76 Prozent (IAB, 2017). Aufgrund der zunehmenden Fachkräfteengpässe wäre eigentlich eine langfristigere Personalplanung sinnvoll. Die beobachtete Entwicklung könnte jedoch auch aus der guten wirtschaftlichen Lage und einer hohen Dynamik bei der Auftragslage resultieren. Die Beurteilung der Geschäftslage durch die Unternehmen hat sich seit Ende 2016 stark positiv entwickelt (ifo, 2017). Die Unternehmen können ihren Personalbedarf derzeit eventuell schlecht absehen; insbesondere kleine Unternehmen dürfte dies betreffen.

Kassenschalger Fachkräftemangel

Arbeitsmarktexperte und Buchautor Martin Gaedt sieht kaum einen Fachkräftemangel. Im Interview mit dem Buchreporter erklärt er: »Die Zahl der Erwerbstätigen ist 2016 in Deutschland auf einen neuen Rekordwert von über 43 Mio gestiegen. Mehr Fachkräfte denn je werden also gefunden und eingestellt. Ist es also legitim, den Fachkräftemangel zu behaupten bei einem absoluten Rekord? Seit 33 Jahren behaupten Verbände und Medien täglich den Fachkräftemangel. Der Personalchef eines großen Unternehmens sagte mir kürzlich, er könne mir seinen Fachkräftemangel belegen: 300 unbesetzte Ingenieursstellen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass Bewerber in dieser Firma zehn Jahre Berufserfahrung haben müssen. Es mangelte also nicht pauschal an Ingenieuren, sondern an Ingenieuren mit zehn Jahre Berufserfahrung, die bereit waren, zu diesem Unternehmen zu wechseln und umzuziehen. Ein enger Filter und selbst produzierter Mangel. Als zum ersten Mal in der Firmengeschichte 30 Trainee-Stellen ausgeschrieben wurden, bekamen sie 2.000 Bewerbungen. Kann man da pauschal von Fachkräftemangel sprechen?« Und weiter kritisiert er: »Fachkräftemangel ist ein Kassenschlager. Meinungsforschungsinstitute machen Umfragen in immer mehr Landkreisen und Branchen und belegen das Wachsen des Fachkräftemangels. Blöd nur, dass „weniger Bewerbungen“ immer als sinkende Zahl von Fachkräften ausgelegt werden. Bekommt ein Unternehmen weniger Bewerbungen, ist die einfachste Begründung: Fachkräftemangel. Das reden uns ja alle Verbände und Medien so ein. Seit 1984 lesen wir nichts anderes. Dabei kann ein Mangel an Fachkräften 1001 Gründe haben: Unattraktive Angebote, befristete Verträge, langweilige Stellenanzeigen, viel zu späte Reaktionen auf Bewerbungen, Ideenmangel, Marketing aus dem letzten Jahrtausend, Unbekanntheit im Bewerbermarkt, schlechte Bezahlung oder eine mangelhafte Unternehmenskultur, über die Mitarbeiter sprechen.«

Das gesamte Interview finden Sie hier  – unsere Leseempfehlung.