Ingenieure im Unruhestand Ex-Bosch-Manager vermittelt 300 Rentner weltweit

Der 64-jährige Ex-Bosch-Manager Dr. Alfred Odendahl ist selbst Rentner – und vermittelt jährlich 300 Ex-Boschler, die zwischen 63 und 74 Jahre alt sind,  in rund 400 Business-Projekte weltweit.
Der 64-jährige Ex-Bosch-Manager Dr. Alfred Odendahl ist selbst Rentner – und vermittelt jährlich 300 Ex-Boschler, die zwischen 63 und 74 Jahre alt sind, in rund 400 Business-Projekte weltweit.

Aktuell fehlen laut VDI bundesweit 47.000 Ingenieure. Und die, die im Beruf stehen, sind im Schnitt 50 Jahre alt, so dass bis in zehn Jahren rund 450.000 Ingenieure in Rente gehen werden. Ein Aderlass, den Dr. Alfred Odendahl nicht akzeptieren will.

Der 64-jährige Ex-Bosch-Manager ist selbst Rentner – und vermittelt jährlich 300 Ex-Boschler, die zwischen 63 und 74 Jahre alt sind,  in rund 400 Business-Projekte weltweit. Zwei Tage pro Woche ist der Waldenbucher Ingenieur noch mit einem Kollegen als Geschäftsführer der Bosch Management Support GmbH aktiv. Der frühere Vorsitzende des Bosch-Geschäftsbereichs Elektrowerkzeuge und Leiter einer Zentralabteilung sprach am 25. Februar auf dem Kongress christlicher Führungskräfte in Nürnberg über den ethischen Wert von Arbeit auch für Ältere sowie sein christliches Menschenbild. Denn Bosch-Rentner hätten finanziell ausgesorgt. Also müsse es um andere Werte und Motive gehen, sich weiter in den Dienst des Unternehmens zu stellen.

Und so funktioniert die Rentner-Vermittlung, die auch für Verbände oder Kooperationen ein Modell sein könnte: Rund 500 ehemalige Bosch-Experten haben sich aktuell in der 1999 aufgebauten Datenbank hinterlegen lassen. Jährlich werden rund 100 neue Jungrentner aufgenommen. Ebenso viele scheiden jeweils aus, weil sie beispielsweise drei Jahre lang nicht angefragt wurden oder alters halber nicht mehr wollen.

Die Hälfte der rund 400 Projekte betrifft Werke im Ausland, etwa Brasilien oder Indien, wo es um Fragen von Produktion und Effizienz geht. Statistisch umfasst ein Projekt 45 Arbeitstage, die  innerhalb eines halben Jahres bearbeitet und vergütet werden. Abgelehnt wird fast kein Bewerber. Die Kompetenzen werden erfasst samt gewünschter Einsatzbereiche und Länderpräferenzen. Auf der anderen Seite melden Abteilungsleiter der weltweit rund 280 Standorte ihren Kompetenzbedarf. Odendahls Team gleicht dann Angebot und Nachfrage ab.

»An Hand von 20 Parametern filtern wir zwei, drei oder sechs Kandidaten in einer Prioritätenliste heraus und bringen den Toppfavoriten mit dem Auftraggeber zusammen«, beschreibt der Senior-Vermittler das Vorgehen. Werden sich beide nicht einig, weil es letztendlich im fachlichen Profil in der Tiefe nicht stimmt oder die Projektdauer mit einer gebuchten Kreuzfahrt kollidiert, kommt der zweite oder notfalls dritte Kandidat zum Zug.

In der Regel ist der vermittelte Senior selbst im Ausland binnen einer Woche verfügbar. Und weil er den Firmenspirit oft Jahrzehnte gelebt hat und dazu ein Experte ist, ist er ab dem ersten Einsatztag produktiv. Neben der hohen zeitlichen Flexibilität spreche für die Rentner ihre immense Lebenserfahrung und ihre Distanz zum operativen Team, so Odendahl. Die Senior Experten wüssten, dass jeder Fehler macht. Und statt den Verantwortlichen für ein Problem zu finden, seien sie viel mehr an der Lösung interessiert.

Das Modell könnte in Teilbereichen Pate stehen, um als Instrument den Fachkräftemangel zu lindern, oder die Diskussion um längere Lebensarbeitszeiten zu bereichern. Denn laut VDI sind aktuell 70.000 Ingenieursstellen unbesetzt (+ 8 Prozent), denen 23.600 arbeitslose Ingenieure gegenüberstehen  (- 2 Prozent). Mit 35 Absolventen pro Jahr auf 1000 aktive Ingenieure bildet Deutschland EU-weit das Schlusslicht bei diesen Studiengängen. Zwar hat sich die Anfängerquote zuletzt um 16 Prozent erhöht, doch korrespondiert diese Zahl nahezu mit einer gestiegenen Abbrecherquote.