Ingenieurarbeitsmarkt zur Productronica Es ist kompliziert

Personalberater und VDE-Arbeitsmarktexperte Thomas Hegger: »Es mag oberflächlich betrachtet eine gewisse Entspannung am Arbeitsmarkt eingetreten sein, weil weniger ausgeschrieben wird. Wir sind aber aus meiner Sicht noch weit von einem Gleichgewicht am Arbeitsmarkt entfernt. «

Hiring-Freeze und Kurzarbeit auf der einen, Entwicklungsdruck und Technologiewandel auf der anderen Seite: Der Ingenieurarbeitsmarkt zur productronica präsentiert sich uneinheitlich. Was sagen Experten?

Die bayerische Metall- und Elektroindustrie meldet den höchsten Stand bei der Kurzarbeit seit 2010. Der langjährige Beschäftigungsaufbau gehe zu Ende, sagt bayme-vbm-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Damit hinterlässt die Rezession auf dem Arbeitsmarkt die ersten Spuren. Zwar wurde das Vorjahresniveau der Beschäftigung in der Metall- und Elektroindustrie im August laut ifo-Konjunkturtest Bayern noch um 0,6 Prozent übertroffen, doch saisonbereinigt ging im Juli und August die Zahl der Arbeitnehmer um über 1000 auf 872.066 zurück. Die Beschäftigungspläne der bayerischen Betriebe in der Branche sind den fünften Monat in Folge negativ ausfallen, die Kurzarbeit deutlich gestiegen auf fast 14 Prozent.

Damit hat sich der Anteil der Firmen mit Kurzarbeit in den letzten drei Monaten mehr als verdoppelt. Weitere 21 Prozent der M+E-Unternehmen planen demnach die Einführung von Kurzarbeit in den kommenden drei Monaten. Das sei ein eindeutiges Signal, dass die Unternehmen sich auf wirtschaftlich schwierige Zeiten vorbereiten, kommentierte Brossardt die Ergebnisse des ifo-Konjunkturtests Bayern. Besonders die Hersteller von elektrischen Ausrüstungen setzen mit aktuell 27 Prozent auf eine vorübergehende Verringerung der regelmäßigen Arbeitszeit. Für die Zukunft sind es sogar 34 Prozent.

Im bayerischen Maschinenbau haben 12 Prozent der Unternehmen Kurzarbeit eingeführt, insgesamt planen 27 Prozent der Betriebe Kurzarbeit für die nächsten drei Monate. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Herstellern von Metallerzeugnissen: 13 Prozent haben bereits Kurzarbeit eingeführt, insgesamt 21 Prozent denken über diese Option für die kommenden drei Monate nach.

Laut einer Konjunktur-Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK erreicht die aktuelle Geschäftslage den tiefsten Wert seit zehn Jahren. Die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate in der Autoindustrie und bei den Zulieferern sind schlecht. Allein Bosch hat angekündigt, deshalb 2600 Stellen zu streichen. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte für den Technologiewandel, der laut DIHK »zur Kernherausforderung der Branche« werde. Also Sparen auf der einen, Innovationsdruck auf der anderen Seite.

Den Maschinenbau belastet aktuell vor allem der Handelsstreit zwischen den USA und China; Produktion und Auftragseingänge sind rückläufig, auch hier rechnet die Branche vermehrt mit Kurzarbeit. Auf der anderen Seite drängen Herkules-Aufgaben wie der Klimaschutz, den der Maschinenbau mit seinen Technologien voranbringen will. Und natürlich Industrie 4.0 und IoT.

Die Berichte über Entlassungen und Werksschließungen aufgrund konjunktureller oder struktureller Veränderungen (»insbesondere Automotive«) dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dabei eher um die Fertigung gehe und nicht um F&E und Vertrieb, so Personalberater Thomas Hegger, stellvertretender Vorsitzender des VDE-Ausschusses Studium, Beruf und Gesellschaft. »Perspektivisch sind und bleiben die Jobperspektiven für Elektroingenieure überdurchschnittlich, da die Elektrotechnik in fast allen Lebensbereichen – Klima, Energie(-wende), Mobilität, Digitalisierung etc. – weiter an Bedeutung gewinnen wird. Kein Studium bereitet besser auf die Zukunft vor«, wirbt er. »Nach meiner Beobachtung haben die Unternehmen seit dem Frühjahr ihre Recruiting-Aktivitäten deutlich zurückgefahren, was man auch an den Stellenausschreibungen beobachten kann. Gleichzeitig tun sich die Unternehmen schwer bei der Besetzung von erfahrenen Spezialisten in F&E und Vertrieb und bei Führungskräften.«