Ingenieurarbeitsmarkt zur Productronica Es ist kompliziert

Das Bild des Ingenieurs verändert sich...

Die Vakanzzeiten, also die Dauer bis zur erfolgreichen Neubesetzung, seien nicht gesunken; »dass für Positionen länger als sechs Monate gesucht wird, ist nicht die Ausnahme«, so Hegger. »In der letzten VDE-Ausschusssitzung wurde mein Eindruck widergespiegelt: Absolventen haben mit Abschluss ihres Studiums in der Regel bereits einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Es ist auch aktuell weiter so, dass die Unternehmen an den Lehrstühlen nach Absolventen fragen bzw. die Möglichkeiten von Abschlussarbeiten und Werkstudententätigkeiten anbieten, um Studenten für die Unternehmen zu gewinnen.«

Auch Personalberaterin Renate Schuh-Eder sieht keine grundlegende Entspannung: »Wir dachten, dass vielleicht (wenigstens, Anm. d. Red.) die Mitarbeiter beim Dienstleister nun offener sind für eine neue Herausforderung. Aber solange sie die deutsche Sprache sprechen, sind alle fest im Sattel.« Gleichwohl: »Wir kennen einige Firmen, die einen Freeze verhängt haben, und in unserem Info-Account finden sich gehäuft die proaktiven Initiativbewerbungen, aber das war im Jahr 2000/2001 und 2008/2009 definitiv schlimmer!«

Der VDE beobachte mit Sorge, dass die konjunkturelle Eintrübung den Blick von HR-Entscheidern auf die langfristigen Zahlen verschleiere. Denn die im letzten Jahr veröffentlichte Studie des Verbands, wonach sich die Lücke an Elektroingenieuren sehr bald schon auf ein nie gekanntes Niveau mit deutlich über 100.000 unbesetzten Stellen in den nächsten Jahren vergrößere, habe nichts an Relevanz eingebüßt. Im Gegenteil: Während 2018 noch knapp 11.000 neue Ingenieure benötigt wurden, um die Ingenieure zu ersetzen, die in den Ruhestand gehen, soll dieser Ersatzbedarf laut VDE bis Ende der nächsten Dekade auf 13.000 pro Jahr anwachsen. Den Zusatzbedarf (durch Digitalisierung und Innovation) nicht eingerechnet.

Wie beurteilt Personalberaterin Renate Schuh-Eder im Moment den Productronica-Arbeitsmarkt im Bereich Elektronikfertigung, Leiterplatten-Entwicklung und Produktion? »Indifferent!« Während der eine Kunde Kurzarbeit fahre, wisse der andere nicht, wie er seine Aufträge bewältigen soll. »So hat Katek zum Beispiel gerade einige spannende Funktionen zu besetzen«, wirbt Schuh-Eder. Im Bereich Hard- und Softwareentwicklung sei die Stellenbesetzung nach wie vor schwierig, »selbst wir (als Berater, Anm. d. Red.) haben die letzten fünf Aufträge nicht innerhalb von sechs Monaten besetzen können. Drei davon sind immer noch offen«, beschreibt die Beraterin. Besonders schwer hätten es Firmen an vermeintlich unattraktiven Standorten.

Werden Skills zu KI, Big Data oder Security verstärkt nachgefragt? »Das Bild des Ingenieurs verändert sich definitiv. Plötzlich werden Anforderungen mit aufgenommen, die noch kaum einer vorweisen kann«, beobachtet Schuh-Eder. Einen – geringen – Einfluss hat der Spezialistenmangel auf Gehälter beim Stellenwechsel, obwohl eine pauschale Antwort schwierig sei. »Seriöse Firmen verändern ihre Gehaltsstrukturen tendenziell nicht. Dennoch muss ich zugeben: Viele Firmen sind diskussionsbereiter, wenn die Leistung passt.«

Personalberater Thomas Hegger verweist abschließend auf den langfristigen Trend. »Es mag oberflächlich betrachtet eine gewisse Entspannung am Arbeitsmarkt eingetreten sein, weil weniger ausgeschrieben wird. Wir sind aber aus meiner Sicht noch weit von einem Gleichgewicht am Arbeitsmarkt entfernt. Der Arbeitsmarkt wird sich für die Unternehmen nicht entspannen.« VDE-Ausschuss-Kollege und Arbeitsmarktexperte Dr. Michael Schanz unterlegt das mit Zahlen. »Weder der Ersatz- noch der Zusatzbedarf der Industrie können aus eigener Kraft gedeckt werden.« Damit sei man auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen; »schon heute sind 18,1 Prozent der Elektroingenieure zugewandert, 11,6 Prozent haben ihren Abschluss im Ausland erworben, 6,5 Prozent haben hier studiert und sind hiergeblieben. Was, wenn sich die Konjunktur in den betreffenden Ländern belebt?« Arbeitslose Elektroingenieure seien selten, »im Wesentlichen handelt es sich dabei um Sucharbeitslosigkeit«, erklärt Schanz.