Universität Freiburg Erster deutscher Photovoltaik-Online-Master-Studiengang

Dr. Martin Kasemann, Koordinator des Studiengangs "Master Online Photovoltaiks"
Dr. Martin Kasemann, Koordinator des Studiengangs "Master Online Photovoltaics"

Mit dem Master Online Photovoltaics bietet die Universität Freiburg einen Online-Fernstudiengang mit dem Abschluss Master of Science an. Die Elektronik-Redaktion sprach mit dem Koordinator des Studiengangs, Dr. Martin Kasemann, über die Vorteile und künftigen Aussichten der neuen Studienform.

Herr Dr. Kasemann, was war die Motivation für die Universität Freiburg und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, einen Studiengang "Master Online Photovoltaics" einzurichten?

Dr. Martin Kasemann: Der Bereich der erneuerbaren Energien braucht zur erfolgreichen Realisierung der angedachten Entwicklungen eine große Menge hervorragend ausgebildeter und innovativer Akademiker. Es gibt viele technische und technologische Herausforderungen in diesem Bereich.

Welche Besonderheiten sind an dem Studienfach Photovoltaics im Gegensatz etwa zu einem Studium der technischen Physik. Wollen Sie mehr Schwerpunkte auf Fertigungsverfahren und Anlagenkonstruktion setzen oder geht es mehr in die Richtung der Halbleiterphysik?

Der Studiengang ist interdisziplinär und liegt von seinen Schwerpunkten zwischen der Physik und der Elektrotechnik. Einerseits geht es bei der Entwicklung von Solarzellen in großer Tiefe um Halbleiterphysik, andererseits geht es bei der Einbindung von Photovoltaik in Stromnetze um ein tiefes Verständnis von Elektrotechnik. All das wird mit dem konkreten Fokus auf die Photovoltaik gelehrt. Der Studiengang orientiert sich also nicht an den klassischen Disziplinen, sondern am Ziel, nämlich die photovoltaische Energieerzeugung voranzutreiben.

Wie unterscheidet sich das "Online"-Studium von einem Fernstudium?

Das Online-Studium bietet mehr Möglichkeiten. Wir haben neben den Textmaterialien sogenannte e-Lectures, bei dem die Dozenten Powerpoint-Folien besprechen. Sie sind besonders zur Motivation, Einführung und Bündelung von Themen beliebt. Außerdem können sich unsere Studenten jederzeit aus aller Welt in einen "virtuellen Klassenzimmer" treffen, in dem sie online miteinander diskutieren können. Auch für Übungsgruppen nutzen wir regelmäßig dieses virtuelle Klassenzimmer.

Sie bieten in dem Ausbildungsgang insgesamt 22 Themenkomplexe an; ist denn eine so tiefgehende Spezialisierung in der Industrie überhaupt noch nachgefragt?

Aus Sicht der klassischen Disziplinen ist dieses Studium stark auf die Photovoltaik "eingeengt". Aus Sicht der PV-Community ist dieses Studium aber wiederum sehr breit angelegt. Sie werden aus den klassischen Disziplinen Physik und Elektrotechnik wenige Menschen finden, die die Photovoltaik in der ganzen Breite – von der Zellphysik bis zur elektrotechnischen Einbindung ins Stromnetz – verstehen. Solche Leute – die über den Tellerrand der klassischen Disziplinen blicken können – bilden wir aus. Das ist ein etwas anderer Ansatz und ob er sich bewährt, wird die Zukunft zeigen.

Zielen Sie mit ihrem Angebot darauf, mehr Spezialisten auszubilden oder Ist nach Ihrer Ansicht nach auch der Stand der Ausbildung in Solar-Technik/Photovoltaik an den Universitäten und Fachhochschulen nicht ausreichend?

Unser Vorteil ist die enge Anbindung von Dozenten des Fraunhofer ISE – mit mehr als 1000 Mitarbeitern immerhin das größte Solarforschungsinstitut Europas – und anderen hervorragenden Forschungseinrichtungen im PV-Bereich. Dieses tiefgehende Know-how von der vordersten Forschungsfront können nur die allerwenigsten anderen Angebote bieten.

Lebenslanges Lernen ist eine zentrales Anliegen an die Ingenieurausbildung, die Halbwertszeit des technischen Wissens wird immer kürzer. Sind die sechs Semester für ein Studium "Solartechnik", das ja auf einem Bachelor- oder Master-Abschluss aufbaut, nicht zu lang?

Sechs Semester sind tatsächlich lang. Die Frage hat aber zwei Aspekte. Auf der einen Seite müssen wir für einen Master einen gewissen Umfang und ein gewisses Niveau der Ausbildung sicherstellen. Sonst ist der Master-Abschluss irgendwann nichts mehr Wert. Unser Angebot schließt mit einem klassischen Master of Science-Abschluss ab, mit dem Sie dann beispielsweise auch ganz normal promovieren können. Der andere Aspekt ist, dass die Universität Freiburg den Bedarf an kürzeren Weiterbildungsformaten natürlich auch wahrgenommen hat. Sie bietet deshalb auch kürzere Formate mit akademischen Abschlüssen an. Es gibt beispielsweise das "Diploma of Advanced Studies", dass mit einem Umfang von etwa zwei Semestern erworben werden kann. Es ist auch denkbar, dass beispielsweise mehrere "Diplomas" auf einen Master angerechnet werden können. Wir werden also in Zukunft feingliedrigere und modularere Weiterbildungsformate finden, so eine Art Baukastensystem.

Wurden für das Studium auch neue didaktische Konzepte entwickelt? Nutzen Sie die sozialen Medien, etwa für die Kontakte der Studenten untereinander oder für spezielle Tutorials?

Die Universität Freiburg ist eine der führenden Universitäten im Bereich e-Learning. Der Master Online Photovolaics wurde aus einer Initiative des Landes Baden-Württemberg gestartet, bei dem 15 Master Online Projekte in der Startphase gefördert werden. Alleine in Freiburg laufen davon sieben Projekte, also fast die Hälfte aller Master Online Studiengänge. Die didaktischen Konzepte werden dabei ständig an die neuesten Erkenntnisse angepasst. Die sozialen Medien – also wie Facebook oder Xing – nutzen wir dabei recht wenig. Wir haben aber im Hintergrund Fachleute, die sich ständig damit befassen, wie neue Entwicklungen didaktisch effektiv für die Weiterbildung genutzt werden können.

Gerade das Fernstudium hat ja hohe Abbrecherquoten. Mit welchen Maßnahmen wollen sie diese Entwicklungen abfangen? Vorstellbar wären hier ja Tutoren, die sich individuell um die Studenten kümmern. Bieten Sie solche institutionalisierten Beratungen an?

Das Argument der hohen Abbrecherquoten höre ich immer wieder. Es stimmt aber meines Erachtens so pauschal nicht. Wir haben eine Abbrecherquote von etwa 20% über zwei Jahre. Wenn ich mir die Gründe anschaue, sind sie in den allermeisten Fällen von uns nicht beeinflussbar. Arbeitgeberwechsel oder der Zeitengpass wegen unerwartetem Aufstieg zum Abteilungsleiter sind durch uns kaum abfangbar. Außerdem, wenn ich die Abbrecherquoten in den grundständigen Studiengängen anschaue – wo wir schnell mal in der Größenordnung von 40 Prozent über drei Jahre liegen – erscheint unsere Quote doch eher normal. Ich denke, es sind eher die Gründe für den Abbruch, die sich zwischen Fernstudium und klassischem Studium unterscheiden. Beim klassischen Studium überwiegt oft der Mangel an Überlegung auf Seiten des Studenten. Es stellt sich heraus, dass das Studium doch nicht das ist, was man eigentlich wollte und was man gut kann. Diese Personen haben wir im Master Online weniger. Das Studium ist so teuer, dass sich die Leute vorher sehr genau überlegen, ob sie es überhaupt anfangen. Wenn sie es anfangen, ziehen sie es dann aber auch meistens durch – wenn es nicht extreme Zwänge von außen gibt.

Natürlich bieten wir unseren Online-Studenten eine zentrale Stelle, die sich sehr intensiv um die Angelegenheiten unserer Studenten kümmert. Sie behält ständig den Lernfortschritt der Studenten im Auge hat und geht proaktiv auf die Studenten zu, wenn sich beispielsweise ein auffälliger Leistungseinbruch zeigt.