Berufsbild »Digital Designer« »Einer, der die Fäden zusammenhält«

Dr. Frank Termer, Bitkom: »Software-Entwicklung ist heute nicht einfach mehr nur das Schreiben von Programmen, es ist zum Gestalten komplexer Systeme geworden – in aller Regel aber ohne dafür gezielt ausgebildetes Personal.«

Der Bitkom fordert ein neues Berufsbild: den Digital Designer. Er soll wie der Architekt im Bauwesen federführend die Verantwortung in Digitalisierungsprojekten übernehmen. Nachgefragt bei Dr. Frank Termer, Bereichsleiter Software beim Bitkom.

Markt&Technik: Herr Dr. Termer, wie sehen denn die Berufsaussichten und Verdienstmöglichkeiten eines Digital Designers aus?

Dr. Frank Termer: Die Berufsaussichten für Digital Design sind schon jetzt sehr gut. Auch wenn der Begriff in Stellenausschreibungen nicht immer verwendet wird, gibt es zahlreiche Positionen, die in der inhaltlichen Beschreibung genau dem Rollenbild des Digital Designer entsprechen. Insbesondere für berufserfahrene Personen, die sowohl technologisches Wissen und gestalterisches Wissen besitzen, sind die Chancen sehr gut. Ebenso für Quereinsteiger aus anderen Branchen mit entsprechenden Kenntnissen. Wenn die Initiative zum Digital Design erfolgreich ist, dann werden die Aussichten sicherlich noch besser werden. Aussagen zu Verdienstmöglichkeiten lassen sich aber derzeit nicht machen.

Was macht ein Digital Designer? Und wie könnte die Ausbildung aussehen?

Ein Digital Designer übernimmt federführend die Verantwortung für die Entwicklung digitaler Produkte und Dienstleistungen. Er ist in der Analogie zum Architekten im Bauwesen der Hauptansprechpartner sowohl für den Kunden als auch für die umsetzenden Gewerke, also Softwareentwicklung, -architektur, UX [User Experience, Anm. d. Red.] etc. Ein Digital Designer ist also in alle Prozesse bei der Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen involviert. Ein Großteil seiner Tätigkeit wird aus Kommunikation mit allen Beteiligten bestehen, aber auch Mitwirkung bei Entscheidungsprozessen bei der konkreten Realisierung.

Zum einen wünschen wir uns Studiengänge an Hochschulen und Universitäten, die Digital Design zum Inhalt haben. Zum anderen brauchen wir aber auch Weiterbildungsmöglichkeiten, um Berufstätige in Richtung Digital Design zu entwickeln. Je nach bereits bestehendem Wissen (beispielsweise aus den Bereichen Informatik, UX oder aber Industriedesign) müssen spezielle Programme entwickelt werden, die zum Vorwissen passen. Inhaltlich stellen wir uns verschiedene Bausteine aus den drei Bereichen Materialkunde, Gestaltung und Querschnittskompetenz vor. Dieses „Pi-shaped“-Profil haben wir bereits im Leitfaden zum Rollenideal Digital Design zusammengestellt und auf www.bitkom.org veröffentlicht.

Warum fordern Sie gleich eine eigene Profession?

Aktuell mangelt es bei einer Vielzahl von Digitalisierungsprojekten an der beschriebenen Rolle. Es gibt selten jemanden, der alle Fäden zusammen hält und federführend die Gesamtverantwortung für entsprechende Projekte übernimmt. Um aber sinnvoll und zielführend die Möglichkeiten, die sich durch neueste Technologien ergeben, in die Lösung von Problemstellungen einzubringen, sind Digital Designer unabdingbar. Und das gilt auch für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Derzeit gibt es keine strukturierte Möglichkeit, sich das notwendige Wissen dieser Profession anzueignen. Damit ist der aktuelle und zukünftige Bedarf an entsprechend qualifizierten Personen nicht zu decken. Daraus folgt wiederum, dass das Potenzial, welches in der Digitalisierung steckt, nur unzureichend für Unternehmen erschlossen und genutzt werden kann.

Welches Berufsbild kommt der geforderten derzeit am nächsten, z.B. der UX-Designer?

Es gibt schon heute Personen, die die Aufgaben und die Rolle eines Digital Designers in Projekten übernehmen. Diese haben sich in der Regel aber auf unterschiedlichem Wege mit jahrelanger Praxiserfahrung und eigeninitiierter Weiterbildung dorthin entwickelt. Das kann der UX-Designer sein, der sich zusätzliches technisches Wissen angeeignet hat. Das kann aber auch die Software-Architektin sein, die zusätzlich gestalterische Kenntnisse erworben hat. Auch Quereinsteiger beispielsweise aus dem Industriedesign, die ihr Wissen um IT-Kenntnisse erweitert haben, übernehmen heute die Aufgaben des Digital Designers bei entsprechenden Projekten.

Ihr Manifest liegt derzeit zur Unterschrift bereit. Wie groß ist die Unterstützung? Und wen adressieren Sie damit am Ende?

Unsere Zielgruppen sind zum einen Unternehmen. Digitalisierung und digitale Transformation werden häufig rein technisch gedacht und die gestalterische Komponente kommt zu kurz. Um aber wirtschaftlich erfolgreiche Geschäftsmodelle entwickeln zu können, müssen neben der technischen Betrachtung gestalterische Aspekte im Sinne des Digital Design hinzutreten. Die zweite Zielgruppe ist das Hochschul- und Bildungswesen. Die aktuelle Aus- und Weiterbildung im Bereich Digitalisierung fokussiert entweder einseitig die technologische Dimension oder hat rein gestalterische Inhalte im Blick. Es müssen aber beide Bereiche zusammengeführt werden, um Digitalisierung erfolgreich zu bewältigen. Und zum Dritten adressieren wir Politiker in Bund und Ländern. Öffentliche Förderprogramme sollten eine Digital-Design-Komponente enthalten, um Anreize zur Etablierung von Digital Design zu geben. Und öffentliche Digitalisierungsvorhaben sollten auch als Gestaltungsaufgabe verstanden und umgesetzt werden.

Ein Manifest für den „Digital Designer“
Das Digital-Design-Manifest will einen Veränderungsprozess in Gang setzen: Technologische Exzellenz in der IT ist notwendig, aber nicht hinreichend für eine erfolgreiche Digitalisierung. So legen aktuell 95 Prozent der Informatik-Studiengänge den Fokus allein auf die technologische Kompetenz der Nachwuchskräfte und kommen ohne Gestaltungsanteil aus, sagt der Bitkom. Nur bei 5 Prozent der Studiengänge spielen Gestaltungsdisziplinen wie Computervisualistik, Design, Multimedia oder Usability eine Rolle im Lehrplan. Unter www.digital-design-manifest.de kann jeder, der die Forderung teilt, den Aufruf unterzeichnen. Darüber hinaus lädt der Bitkom am 5. November zur Konferenz „IT needs Design“ nach Dortmund ein. Im Zentrum der Konferenz steht das Digital-Design-Manifest. Die Schirmherrschaft hat Prof. Dr. Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, übernommen. Die Teilnahme ist nach vorheriger Anmeldung kostenlos.