Wie bewertet die Forschung die geringe Zahl der Frauen in Technikberufen? »Ein Technik-Gen gibt es nicht!«

Die Kinder, die nach dem doppelten Abiturjahrgang bei uns studieren werden, sind alle längst geboren. Auch deshalb gilt es, schleunigst Zielgruppen zu erreichen, die wir bislang nicht für Ingenieurwissenschaften begeistern konnten: nicht nur Frauen, sondern zum Beispiel auch Menschen mit Migrationshintergrund.
"Die Kinder, die nach dem doppelten Abiturjahrgang bei uns studieren werden, sind alle längst geboren. Auch deshalb gilt es, schleunigst Zielgruppen zu erreichen, die wir bislang nicht für Ingenieurwissenschaften begeistern konnten: nicht nur Frauen, sondern zum Beispiel auch Menschen mit Migrationshintergrund."

Susanne Ihsen ist seit 2004 Professorin für Gender Studies in den Ingenieurswissenschaften an der TU München und kooperiert dort insbesondere mit der Fakultät für Elektrotechnik. Sie forscht unter anderem darüber, wie sich der Ingenieurinnenanteil an deutschen Hochschulen nachhaltig steigern lässt.

„K-Ing.“: Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Zahl der Studienanfängerinnen in der Elektrotechnik in Deutschland in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Susanne Ihsen: Recht erfreulich, schaut man sich zunächst die Prozentangaben der Studienanfängerinnenzahlen der letzten Jahre an.  Im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr betrug das Plus 2007 1,5 Prozent, 2008 15,2 Prozent und 2009 noch 13,2 Prozent. Damit lagen diese Steigerungsraten 2008 und 2009 über denen der Studienanfänger. Aber was heißt das in ganzen Zahlen? Waren es 2006 noch gut 1500 Studienanfängerinnen bundesweit, lag ihre Zahl 2009 bei gut 2000 - während die Zahl der Männer von knapp 14500 2006 auf gut 18000 2009 stieg. Auch im Vergleich zwischen 1999 und 2009 zeigt das Ergebnis in die richtige Richtung: waren es 1999 insgesamt knapp 14000 Studienanfänger/innen, und davon knapp 1200 Frauen und knapp 12800 Männer, dann hatten wir 2009 immerhin gut 20000 Studienanfänger/innen insgesamt. »Langsam, aber sicher« könnte man meinen, allerdings zeigen sich in den letzten 10 Jahren auch deutliche, vermutlich konjunkturell bedingte, Schwankungen. Die Steigerungen können also nicht als stabil bezeichnet werden.

„K-Ing.“: Warum sind es nicht mehr? Und woran liegt es?

Die Ursachen sind sowohl hochschulextern als auch -intern zu suchen. Natürlich fehlen bereits in den Bildungsstufen vor Eintritt in eine Hochschule kontinuierliche Programme, die insgesamt mehr junge Menschen und auch mehr junge Frauen für Fächer wie die Elektrotechnik begeistern. Aber auch intern, z.B. in der Öffentlichkeitsarbeit, fehlt es häufig an Vorstellungen, was junge Menschen zur Entscheidung für oder gegen Berufe bringt. Was ist »cool« an der Elektrotechnik? Wir wissen, dass insbesondere junge Frauen sich für Studiengänge entscheiden, die ihnen Möglichkeiten bieten, ihre verschiedenen Qualifikationen einzubringen (und nicht nur die technischen Fähigkeiten), die einen gesellschaftlichen Bezug bieten, vorhandene oder zukünftige Probleme lösen - und sie nicht vor die Entscheidung stellen, für den späteren Beruf weitere Interessen oder das Privatleben hintan zu stellen. Aktives und zielgruppenorientiertes Recruiting kann hier noch deutlich ausgebaut werden, ebenso wie eine Öffentlichkeitsarbeit, die sich an den Interessen der Schülerinnen und Schüler ausrichtet. Hier ist z.B. eine neue Initiative der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik an der TU München zu nennen, die sich mit dieser Aufgabe auf den Weg gemacht hat.

Gesellschaftlicher Bezug, künftige Umweltprobleme lösen – all das bietet doch die Elektronik. Greifen die diversen Programme (MINT, Girls' Day, Role Models etc.) an den richtigen Stellhebeln an?

Die angesprochenen Programme greifen an zwei Stellen an, die beide wichtig sind: zum einen möchten sie mehr Studierende in die einschlägigen Studiengänge bringen, zum anderen insbesondere jungen Frauen auch den Berufseinstieg erleichtern. Durch den Girls' day und seine 10jährigen Erfahrungen wissen wir heute, dass sich Absolventinnen bei Unternehmen bewerben, die sie zuvor, etwa über den Girls'day kennen- und schätzen gelernt haben. Der Nationale Pakt für mehr Frauen in MINT-Berufen hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, bestehende Programme stärker zu vernetzen, die Akteur/innen besser zusammen zu bringen und durch einzelne neue Verbundprojekte, wie z.B. das VDI-Role-Model-Projekt oder das Projekt »VDE-Studentinnen« zu unterstützen. Gerade die Kooperation von Bildungseinrichtungen, Verbänden und vor allem vielen Unternehmen sendet die Botschaft, die junge Frauen hören wollen: wir brauchen dich, werde Ingenieurin.

Warum tut sich die männlich geprägte Technikwelt so schwer mit Frauen? Viele Ingenieure verstehen »das Problem« gar nicht: »Warum sollen denn Frauen E-Technik studieren? Ich studiere doch auch nicht Modedesign«.

An unserer Universität und insbesondere auch in unseren ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten verstehen alle das Problem und sind bestrebt, es in den Griff zu bekommen. Meine Kolleginnen und Kollegen sehen es aus zwei Gründen nicht ein, einfach alles »beim Alten« zu belassen: Erstens braucht Forschung stets neue Impulse, um innovativ zu sein. Je heterogener Forschungsteams aufgestellt sind (und das schließt neben beiden Geschlechtern auch Altersgruppen und verschiedene kulturelle Hintergründe mit ein), umso größer ist die Chance, ein gutes Produkt auf den Markt zu bringen. Dies gilt übrigens auch für Modedesign. Zweitens können die Kolleginnen und Kollegen rechnen: Einfach darauf zu warten, dass genügend junge Männer (mit den »richtigen« Interessen und Noten, aus technikorientierten Elternhäusern usw.) in die Studiengänge kommen und den Fachkräftemangel ausgleichen, wird sich, je weiter der demografische Wandel fortschreitet, als nicht ziel führend erweisen.  Die Kinder, die nach dem doppelten Abiturjahrgang bei uns studieren werden, sind natürlich alle längst geboren. Auch deshalb gilt es, schleunigst Zielgruppen zu erreichen, die wir bislang nicht für Ingenieurwissenschaften begeistern konnten. Die 4ING-Fakultäten z.B. befassen sich mit der Frage, wie mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund für die technischen Fächer und Berufe gewonnen werden können.

Was ist dran an Geschlechter-Stereotypen, wonach Frauen sich eben einfach in der Masse nicht für Technik interessieren?

Da kann ich beruhigen: das »Technik-Gen« gibt es nicht, auch nicht auf dem Y-Chromosom. Aber es gibt natürlich Menschen mit Spieltrieb, so wie es andererseits Menschen gibt, die sich pragmatisch an Problemlösungen begeben, die Rahmenbedingungen, Märkte und Kosten im Blick haben. Und um zukunftsfähige Technik zu erforschen und zu entwickeln, brauchen wir sie alle.

 Die Fragen stellte Corinne Schindlbeck