Ingenieure in der Automobilentwicklung »Dramatische Verschiebung hin zu Softwarekompetenz«

Auf dem Weg zum autonomen Fahren kooperiert BMW mit Intel und Mobileye.
Das Auto wird zur "Mobilitätslösung": In Kooperation mit dem Fraunhofer Institut und der Universität St. Gallen, Bosch, BMW Car IT und eclipse hat die Unternehmensberatung Kugler Maag Cie untersucht, wie der Einsatz von Software in der Automobilentwicklung die Entwicklungsorganisationen selbst verändern könnte.

IT-Fokus und Co-Creation: einer Studie zufolge steht der Automobilindustrie ein Kulturwandel bevor, mindestens so radikal wie die technischen Herausforderungen. Wie Entwicklungsingenieure zu »Knowledge Workern« werden sollen, fragten wir Dominik Strube von der Unternehmensberatung Kugler Maag Cie.

Herr Strube, beschreiben Sie anhand ihrer Studie kurz den „Knowledge-Worker“ der Zukunft: Was hat er studiert, welche Kompetenzen bringt er mit?
Dominik Strube: Am besten lässt sich der Knowledge-Worker als Musterbrecher bezeichnen, der gelernt hat, Vertrautes in Frage zu stellen. Es gibt nicht den einen Knowledge-Worker der Zukunft, der ein ganz bestimmtes Fach studiert hat, einen bestimmten kulturellen Hintergrund oder ein ganz bestimmtes Alter mitbringen muss. Die Knowledge-Worker der Zukunft besitzen die Fähigkeit, sich schnell an neue Situationen anzupassen. Sie arbeiten gut und gerne in interdisziplinären und interkulturellen Teams. Sie denken, kommunizieren und handeln vernetzt. Nur so sind sie offen für Neues und können früh Trends erkennen oder alternative Lösungen entwickeln.

Gibt es eine Veränderungen bei den erforderlichen Fachkompetenzen und bei den Soft Skills?
Absolut. Soziale Kompetenzen die, die interkulturelle Kommunikation fördern, rücken bei den hochflexibel, zweckorientiert und zum größten Teil selbständig arbeitenden Ingenieuren stark in den Vordergrund. Da in Zukunft die erfolgreiche Kooperation von interdisziplinär arbeitenden Teams erfolgsrelevant ist, sind alle persönlichen Fähigkeiten von Bedeutung, die Kooperation optimal ermöglichen. Soft Skills werden insgesamt wichtiger als Fachwissen, da sich sowohl Technologien wie das Marktumfeld rasant ändern.
Die Umstellung der Antriebstechnologien lässt erahnen, dass gegenwärtige Fachkompetenzen rasant an Bedeutung verlieren werden. Aktuell erleben wir eine dramatische Verschiebung hin zur Softwarekompetenz, wie aktuelle Beispiele von Herstellern und Zulieferern zeigen: Es werden deutlich mehr Softwareentwickler gesucht als auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Daher werden komplette Firmen übernommen, um deren Know-how und Belegschaft künftig für eigene Projekte einsetzen zu können. Zahlreiche Entwickler, die früher für Telekommunikationshersteller tätig waren, entwickeln inzwischen Automobilelektronik. Und bereichern so traditionelle Konzerne mit ihrer unkonventionellen Herangehensweise, insbesondere ultrakurzen Entwicklungszyklen.

Welche Auswirkungen haben die Ergebnisse auf Unternehmen und Entwicklungsingenieure?
Das wichtigste Stichwort sind „Dynamische Unternehmensstrukturen“. Damit ein vernetzt denkender Knowledge-Worker sein Potential ausspielen kann, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Denn emergente Innovationen gelingen nicht im stillen Kämmerlein, sondern vor allem spontan in der Zusammenarbeit wechselnder, interdisziplinär arbeitender Teams – so die Einschätzung der befragten Manager. Statt nach dem Top-Down-Prinzip arbeiten „Knowledge Worker“ in sich selbst steuernden Teams. Die treibende Kraft ist die konkrete Problemlösung und Entwicklung neuer Lösungsansätze. Im Gegensatz hierzu ist die Automobilindustrie nach wie vor sehr hierarchisch; sowohl innerhalb eines Teams als auch in der Kooperation zwischen Unternehmen. Der notwendige Wandel stellt gerade Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sowie die unterstützenden Funktionen wie Einkauf, Rechtsabteilung und Personalentwicklung vor große Herausforderungen. Um für die neue Generation von „Knowledge Workern“ attraktiv zu sein, steht der Automobilindustrie ein Kulturwandel bevor, der mindestens so groß ist wie die technischen Herausforderungen.