MINT-Studium Diskussion um einen stolzen Titel

Wie viel Mindeststandards und Ausbildung in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT) braucht es, um den Titel 'Ingenieur' führen zu dürfen?

In Zukunft sollen 50 Prozent MINT-Anteil im Studium reichen, empfiehlt der Arbeitskreis zur Vorbereitung der Wirtschaftsministerkonferenz der Länder. Die WiMiKo hat sich den Auftrag gegeben, die Vorschriften für die Berufsbezeichnung „Ingenieur“ so weit fortzuschreiben, wie es »zwischenzeitliche Entwicklungen im Ingenieurwesen« sowie »im Ausland erworbene Bildungsqualifikationen« es erforderlich machen. Also in Zukunft womöglich mehr, aber dafür Schmalspur-Ingenieure?

Sollte die Empfehlung so durchgehen, dann sieht die Bundesingenieurkammer große Nachteile für ihre Mitglieder, vor allem kleinere und selbstständige Ingenieurbüros: Qualitätsabsenkung, Sicherheitsbedenken, auch Nachteile im europäischen Wettbewerb. »Große Unternehmen könnten diese Ausbildungslücken durch Weiterbildung schließen – der kleine Mittelstand hat diese Möglichkeiten nicht! Wir brauchen nicht einfach mehr Ingenieure, wir brauchen mehr gut ausgebildete Ingenieure«, sagt Martin Falenski, Hauptgeschäftsführer der Bundesingenieurkammer in Berlin, die vor allem Bauingenieure vertritt.

Unterstützung kommt aus dem Europaparlament: »Schon jetzt liegt Deutschland in internationalen Vergleichen nicht mehr immer unbedingt an der Spitze, geht es um die Qualität der Ingenieursausbildung. Alle Argumente sprechen dafür, den Anspruch an eine Ingenieursausbildung möglichst hoch zu halten. Ich weiß durchaus, dass wir Defizite im Interesse junger Menschen, insbesondere junger Frauen, an MINT-Berufen haben. Aber ein zu niedriges Ausbildungsniveau kann nicht die Antwort hierauf sein«, so MdEP Petra Kammerevert, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Bildung im Europaparlament.

Müssen Unternehmen aus Elektronik und Maschinenbau, mehrheitlich in anderen Verbänden und nicht in der Bundesingenieurkammer organisiert, nun Schmalspur-Nachwuchs von den Unis fürchten? Branchenkenner Thomas Hegger glaubt das nicht. Der auf die Elektronikbranche spezialisierte Personalberater weiß: »In Maschinenbau und Elektrotechnik spielt der Titel „Ingenieur“ schon längst keine Rolle mehr, auch nicht der Diplom-Ingenieur, den etliche Universitäten in Ostdeutschland noch verleihen. Unternehmen haben sich an den „Master of Science“ gewöhnt.« Und auch die Qualität der Ausbildung an Unis sieht Hegger nicht gefährdet: »Elektrotechnik und Maschinenbau sind MINT pur und werden es bleiben, weder die Universitäten noch die Unternehmen haben ein Interesse daran, das zu ändern. Das gäbe einen Aufschrei!«

Die Bundesingenieurkammer indes befürchtet das Schlimmste und hat an die Wirtschaftsministerkonferenz im Vorfeld der Abstimmung mehrfach appelliert, den 50%-Anteil auf 70 % zu erhöhen: 90 ECTS-Punkte (European Credit Transfer System, Anm. d. Red.) für Technikfächer, 36 ECTS-Punkte für MIN-Fächer. Bisher umsonst. »Der Arbeitskreis in Vorbereitung zur Wirtschaftsministerkonferenz empfiehlt den 50%-MINT-Anteil mit 10 zu 6 Stimmen«, sagt Martin Falenski. »Werden von Ländern wie Bulgarien, Slowenien oder Italien bald Nachqualifizierungen gefordert, weil das deutsche Ingenieursstudium nicht den eigenen Qualitätsstandards entspricht?«

Auf Twitter hat sich derweil das Institut für Energie- und Systemverfahrenstechnik der TU Braunschweig kämpferisch zu Wort gemeldet: »Qualitätsverlust bei Ingenieurausbildung? Nicht mit uns!«