"Das Schlimmste liegt hinter uns" Die Talsohle ist durchschritten – wie reagiert der Arbeitsmarkt?

Die Wirtschaft erholt sich langsam – doch das bedeutet noch keine Wende für den Ingenieur-Arbeitsmarkt. Noch haben die Personalverantwortlichen keine Anweisungen aus der Chefetage, umfangreichen Personalaufbau zu betreiben.

»Das Schlimmste liegt hinter uns«, meldet der ZVEI Mitte Januar. Das Geschäftsklima in der Elektroindustrie hat sich auch im Dezember des abgelaufenen Jahres weiter verbessert – zum siebten Mal in Folge. Ihre aktuelle Lage haben die Elektrounternehmen im Dezember zum sechsten Mal hintereinander günstiger beurteilt als im Vormonat. Die Rückkehr zum 2008er Niveau soll ZVEI-Schätzungen zufolge aber noch vier bis sieben Jahre in Anspruch nehmen – was bedeutet das für den Ingenieurarbeitsmarkt?

Immerhin sind die für die Branche treibenden weltweiten Trends nach wie vor intakt: Klimawandel, Energieeffizienz, Elektromobilität und ein steigender Bedarf an Infrastrukturausrüstungen und moderner Medizintechnik. Der Arbeitsmarkt im Bereich Erneuerbare Energien zeigt sich sogar relativ unbehelligt von der Krise – und zieht entsprechend viele Bewerber an: mehr als acht von zehn Fachkräften würden hier gerne arbeiten, hat eine Umfrage von Stepstone im vergangenen Dezember ergeben. »Deutschland ist weltweit führend, was die Entwicklung von Windkraft-, Biomasse-, Geothermie- oder Photovoltaiktechnologie angeht. Unsere Umfrage zeigt, dass zahlreiche Fach- und Führungskräfte sehr daran interessiert sind, am Ausbau dieses Know-how-Vorsprungs mitzuarbeiten, um dadurch auch die eigene Karriere in einem zukunftsfähigen Umfeld voranzutreiben,« so Frank Hensgens, Vorstand bei StepStone Deutschland.

Die Umweltbranche ist ein Jobmotor: Nach Angaben des Bundesministeriums für Umweltschutz, Naturschutz und Reaktorsicherheit hat sich die Zahl der Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. Derzeit sind hier rund 240.000 Menschen beschäftigt - Tendenz steigend. Als Rettungsanker für jeden Ingenieur dient die Boom-Branche Umwelttechnik jedoch nicht. Wer in den grünen Zukunftsmärkten vorne dran sein will, braucht entsprechend ausgebildetes Personal. Eine entsprechende Ausbildung oder zumindest Erfahrung wird für eine Einstellung in den meisten Fällen deshalb vorausgesetzt. Schließlich steigt der Druck auf die erfolgsverwöhnte Branche: neue Konkurrenten aus Fernost drängen auf den lukrativen Markt, strategische Defizite und Lücken bei der Finanzierung gefährden das Wachstum. »Deutsche Firmen müssen deutlich zulegen, wenn sie ihre Spitzenposition verteidigen wollen«, mahnt Thorsten Henzelmann, Greentech-Experte bei Roland Berger Strategy Consultants.

Wie schätzen Personalberater die Arbeitsmarktsituation in der übrigen Elektronik- und Halbleiterbranche ein? »Grundsätzlichen stellen wir gegenüber dem Vorjahr eine spürbare Verbesserung fest, die wirtschaftliche Situation der Unternehmen und unserer Mandanten verbessert sich seit einigen Monaten zusehends.«, erklärt Thomas Hegger von der Personalberatung Hegger, Riemann und Partner. Allerdings führe dies aktuell noch nicht zu einem gezielten Personalaufbau, vor allem die Halbleiterindustrie halte sich noch zurück. »Unser Eindruck ist, dass die aktuelle positive Entwicklung noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet wird«, berichtet Hegger. Grundsätzlich helle sich die Stimmung aber auf: Sollte sich der aktuelle Trend in diesem Quartal weiter stabilisieren, so rechnet Hegger mit Neueinstellungen und Personalaufbau. »Zur Zeit scheinen sich die Unternehmen aber noch auf Ersatzbeschaffung zu beschränken«. Hegger Riemann und Partner sucht für die Automatisierungstechnik und das erweiterte Elektronikumfeld aktuell Vertriebsingenieure.

Auch Renate Schuh-Eder von Schuh-Eder Consulting zeigt sich optimistisch: »Bei uns schaut es eigentlich seit September schon wieder ganz gut aus! Es wird quer durch die Elektronik eingestellt und das nicht zu wenig. Stand heute liegen uns 48 Besetzungsaufträge vor und für die nächsten Tage sind viele Gespräche mit Kunden anvisiert um die weitere Personalplanung 2010 durchzugehen.« Kompromisse bei Positionsbesetzungen würden jedoch keine gemacht. Aber das ist bereits seit etlichen Jahren so und somit keine Folge der aktuellen Krise. Schuh-Eder Consulting hat sich darauf eingestellt: »Wir setzen im Recruitingprozess verstärkt Diagnosetools ein. Dadurch gewinnen wir zu den fachlichen Qualifikationen einen weiteren Mosaikstein darüber, ob der Bewerber auch von seiner Persönlichkeit und Motivation in das jeweilige Unternehmen passt.« Die Stimmung bezüglich Neueinstellungen? Ist nach wie vor vorsichtig, wie Schuh-Eder registriert. »Es wird extrem stark auf die Kosten geachtet. Dennoch: Manche Firmen haben stark abgebaut - vielleicht sogar zu stark. Das Geschäft 2010 läuft nun besser an als von vielen gedacht - jetzt fehlen Ressourcen.« Es herrsche trotz positiver Signale Unsicherheit, wie tragfähig der Aufschwung sei. »2010 wird es also  schon noch sehr spannend bleiben«, so Schuh-Eder.

Ist das ein Grund zur Sorge? Schließlich setzen viele Firmen noch auf das Instrument Kurzarbeit, an deren Ende Kündigungen drohen könnten. Ingenieure mit Technik-Fokus müssen sich die wenigsten Gedanken machen, beruhigt Schuh-Eder. »Wer sich die Technik bewahrt hat, wird schnell wieder eine interessante Anschlusstätigkeit bekommen. Je höher er jedoch auf der Mangement-Leiter geklettert ist, umso schwieriger wird die Jobsuche, wenngleich durchaus einige Managementfunktionen zu besetzen sind. Allerdings gibt es hierfür mehr  Nachfragen als Angebote. Entsprechend viele suchen auch nun schon länger als 1 Jahr nach einer neuen Aufgabe.«

Andreas Klotz von Interconsult stützt die Aussagen seiner Berater-Kollegen. »Wir sehen derzeitig die Wirtschaft in der Talsohle erst ankommen, dennoch sind durchaus schon erste »Lichtpunkte« und damit Neuaufträge im Bereich Personal am Ende des Tunnels sichtbar.« Doch auch seine Kunden stehen überwiegend noch auf der Bremse, viele versuchten, das zaghafte Wachstum und etwaige Personalengpässe noch mit der bestehender Mannschaft zu kompensieren, um sich in Sachen Personalaufbau nicht zu weit aus dem Fenster lehnen zu müssen. Somit beschränke sich die Personalsuche derzeitig noch sehr auf frei gewordene Positionen, die vorübergehend nicht durch bestehendes Personal gefüllt werden können. Klotz: »Neu definierte Positionen und damit ein klares Signal in Richtung Aufschwung gibt es – mit Ausnahme des Bereiches Erneuerbare Energien - noch sehr selten.«