Bewerbung 2020 »Die hohe Anspruchshaltung wundert mich nicht«

Neues Jahr, neuer Job? Recruiting-Expertin Katharina Hain, Senior Department Manager beim Personaldienstleister Hays, über die Anspruchshaltung von Ingenieuren, die perfekte Bewerbung und Selbstmarketing in sozialen Netzwerken.

Markt&Technik: Frau Hain, Sie haben als Ingenieur- und Personaldienstleister einen recht guten Überblick über das Anforderungsprofil, das Unternehmen heute von Ingenieuren erwarten. Gibt es Anforderungen, die weitestgehend überall gleich sind?

Katharina Hain: Fernab von den fachlichen Anforderungen, die Unternehmen stellen, stehen aktuell sowohl interkulturelle Kompetenzen, Lernbereitschaft und -fähigkeit sowie Teamfähigkeit und Eigeninitiative im Vordergrund für Arbeitgeber – übrigens nicht nur bei Ingenieuren. Gründe für diese Anforderungen liegen in der immer stärker zunehmenden Internationalisierung der Teams, der Dezentralisierung von Arbeitsplätzen sowie New-Work-Ansätzen. Dass ein Mitarbeiter seine Zeit in einem starren, abgekapselten Team verbringt, gehört der Vergangenheit an. Lebenslanges Lernen ist bei allen Berufsbildern Pflicht, da sich unsere Arbeitswelt schnell und stetig wandelt. Laut der Bundesagentur (Oktober 2019) werden 65 Prozent der Schulanfänger in Jobs arbeiten, die es heute noch nicht gibt. Somit gilt es auch, die Fremdsprachenkenntnisse – vor allem Englisch – weiter zu vertiefen. Zudem sind Digital-Skills ebenfalls immer vorteilhaft.

Wie liest man als Ingenieur ein Stellenprofil, wie viel Prozent davon muss man erfüllen, was raten Sie bei Lücken?

Traditionell nutzen viele Unternehmen fähigkeitsbasierte Stellenausschreibungen. Kompetenzbasierte Ausschreibungen gehen davon aus, dass das bisherige Verhalten im Job – also auch die Anwendung der Fähigkeiten – Ausblicke auf zukünftige Leistungen geben kann. Egal um welche Art Stellenausschreibung es sich handelt: Bewerber sollten immer genau durchlesen und herausstellen, über welche Kenntnisse und Fähigkeiten diese bereits verfügen. Der Fokus sollte jedoch immer auf den formalen Muss-Kriterien liegen.

Eine Studie von Talent Works besagt allerdings, dass es keinen Unterschied macht, ob man 50 Prozent oder 90Prozent auf die Ausschreibung passt, um eingeladen zu werden. Meine Empfehlung wäre daher, immer zu überlegen, welche Tools, Programmiersprachen oder Ähnliches sich ein Bewerber schnell aneignen kann. Kandidaten sollten zudem auf Formulierungen wie bspw. „unbedingt notwendig“ vs. „bestenfalls bringen Sie … mit“ achten. Sofern es sich um Ihr Traumunternehmen oder Ihre Traumstelle handelt, ermutige ich Bewerber immer, es auch bei einer nur 40%-igen Passgenauigkeit zu versuchen.

Immer mehr Unternehmen scheinen die Hürden bei der Bewerbung senken zu wollen, verzichten etwa auf das Anschreiben oder lassen die Direktbewerbung über LinkedIn zu. Wie sollte eine professionelle Bewerbung aufgebaut sein, um sich von der Masse abzuheben? Was ist bei Recruitern gerne gesehen?

Bewerber sollten immer nur die Unterlagen einreichen, die verlangt werden. Bei One-Click-Bewerbungen über soziale Netzwerke sollten sie unbedingt darauf achten, dass das Profil aussagekräftig ist. Kandidaten können sich zudem durch gut strukturierte, detaillierte Unterlagen positiv von der Menge abheben; denn nach wie vor schlägt Struktur in den meisten Berufsgruppen ein kreatives Design. Falls ein Anschreiben verlangt wird, sollte man es unbedingt mitschicken. Es sollte zwar im Standard-Format, jedoch keinesfalls mit Standardtext verfasst werden. Denn das ist oft ein Minuspunkt bei Recruitern.

Idealerweise werden Passagen aus der Stellenausschreibung paraphrasiert und damit Stichpunkte aus der Stellenanzeige untergebracht – das ist speziell bei einem automatischen Matching von Vorteil. Der Lebenslauf sollte ähnlich zugeschnitten sein. Als Bewerber sollte man die letzten acht bis zehn Jahre ausführlich hervorheben, z.B. mit Stichpunkten. Heben Sie gerne auch Erfolge hervor, vor allem wenn diese relevant für die neue Position sind. Ein weiterer Pluspunkt sind Weiterbildungen – auch innerbetriebliche, denn diese geben ebenfalls Aufschluss über die Lernbereitschaft. Abschließen sollte man dann am Ende mit seinen PC-/Tool-Kenntnissen und diese auch bewerten (sehr gute Kenntnisse, gute Kenntnisse etc.). Auch Auslandsaufenthalte – seien es Auslandssemester oder Work & Travel – sollten im CV Platz finden, und zwar unter dem Punkt „Interkulturelle Kompetenz“.

Gilt noch der klassische Aufbau oder weicht das auf?

Eine Bewerbung sollte immer noch nach der folgenden Struktur aufgebaut sein: zuerst das Anschreiben (max. 1 Seite, DIN-5008-Format), dann der CV, antichronologisch, beginnend mit der Berufserfahrung, und zum Schluss Zeugnisse und Zertifikate.