Gesundheit und Motivation »Den Löwenanteil machen psycho-soziale Faktoren aus«

Experte für Betriebliche Prävention: Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer, Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg.
Experte für Betriebliche Prävention: Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer, Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg.

Die psychische Gesundheit von Mitarbeitern wird als Wertschöpfungsfaktor unterschätzt: Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer, Direktor des Instituts für Public Health an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg über modernes betriebliches Gesundheitsmanagement.

Wir sind uns sicher alle einig darin, dass den Führungskräften eine zentrale Rolle zukommt, wenn es um die Förderung von Gesundheit und Produktivität der Mitarbeiter geht. Zugleich muss sich das auch betriebswirtschaftlich für das Unternehmen rechnen.

Unbestritten ist auch, dass besonders in Betrieben mit einem hohem technischen Digitalisierungsgrad und einer ausgeprägten Projektorganisation Handlungsbedarf besteht. Das Top-Management sowie das untere Management sind hier besonders in der Pflicht, Gefährdungen frühzeitig zu identifizieren, um einem hohen Krankenstand, Burnout durch permanente Überforderung und einem hohen Stress-Level entgegenzuwirken. Der Schlüssel dazu ist die »Kultur der Prävention« und die ist mehr als der Veggie-Tag in der Kantine, das Bereitstellen von Desinfektionsmitteln in der Grippezeit oder die Rückenschule.

Freude steigert die Produktivität - weiche Faktoren lange unterschätzt

Dass Arbeit nicht zwangsläufig krankt macht, sondern einen vitalisierenden, ja sogar einen vergleichbar lebensverlängernden Effekt auf die menschliche Psyche haben kann wie Sport, ist inzwischen nachgewiesen.

Der Allgemeinzustand von Langzeitarbeitslosen bessert sich in der Regel schlagartig, sobald sie eine Arbeit aufnehmen. Auch Menschen, die nicht zwangsweise in Rente gehen müssen, sondern freiwillig länger arbeiten dürfen und sich nützlich fühlen, leben erfahrungsgemäß länger als regulär Verrentete (»Wer zeitig in Rente geht, ist eher tot«, Süddeutsche Zeitung 12.9.2016).

Denn der betrieblichen Gesundheits- und Motivationsförderung kommt es nicht zuletzt auch auf weiche Faktoren an: die Wertschätzung des Vorgesetzten, die Möglichkeit, ein erfülltes Familienleben zu führen (Work-Life-Balance), einen sicheren Arbeitsplatz und eine sinnhafte Tätigkeit.

Hätten Sie gedacht, dass wertschätzende Anerkennung vom Chef bis zu Wochen positiv auf die Psyche des Mitarbeiters nachwirkt? Die Bedeutung – auch für das Unternehmensergebnis – dieser sogenannten weichen Faktoren sind viel zu lange unterschätzt worden.

Nimmt man die Befunde aus neueren wissenschaftlichen Untersuchungen ernst, sollten Unternehmen viel stärker hinterfragen, wie stark bei ihnen der »Freusinn«-Faktor – ein Kofferwort aus »Freude« und »Sinnhaftigkeit« - ausgeprägt ist: Wecken unsere Vorgesetzten Begeisterung für das Unternehmen oder Projekt? Unterstützten sie das Team und behandeln sie alle gerecht? Spenden sie ausreichend Lob, Anerkennung und Wertschätzung? Stehen Arbeitsplatzsicherheit, Entwicklungschancen und Lohn in einem guten, angemessenen Verhältnis? Gehört der Verzicht auf Herabwürdigung zur Kultur im Unternehmen?

Wenn nur einige Fragen mit Nein zu beantworten sind, ist Handlungsbedarf angesagt.

Denn medizinische Gründe erklären den schlechten gesundheitlichen Zustand vieler Mitarbeiter nur teilweise. Den Löwenanteil machen psycho-soziale Faktoren aus. Mit zehn Prozent mehr Gesundheit erreichen Organisationen gerade mal ein Prozent mehr Produktivität, bei Menschen mit zehn Prozent mehr Freude und Sinnhaftigkeit steigert sich die Produktivität hingegen um 5 Prozent.

Umgekehrt gilt: Ein schlechtes Betriebsklima wirkt sich negativ auf die Gesundheit der Mitarbeiter aus. Defizite in der Unternehmenskultur steigern Krankenstände und Personalfluktuation und verschaffen der Konkurrenz ungewollt Wettbewerbsvorteile. Erkranken Mitarbeiter an Depression oder Burnout, sollten Führungskräfte und Top-Manager das viel ernster nehmen und durchaus selbstkritisch die Gestaltung der Arbeitsbedingungen bis hin zum eigenen Führungsstil hinterfragen.

Als erheblicher Wertschöpfungsfaktor kann die psychische Gesundheit der Mitarbeiter heute nicht hoch genug bewertet werden, Führungskräfte können als Gestalter von oder Pflegekräfte für Betriebsklima und erlebte Sinnhaftigkeit einen erheblichen Beitrag dazu leisten. Wer bei klassischen Angeboten der Gesundheitsförderung für Einzelpersonen stehen bleibt, schöpft die Potenziale eines ganzheitlichen Gesundheitsmanagements nicht aus.

Wie sich betriebliches Gesundheitsmanagement betriebswirtschaftlich installieren lässt, das beleuchtet Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer im Rahmen des »TÜV Rheinland Dialog Mensch & Gesundheit«, einer Info-Reihe mit bundesweit insgesamt zehn Terminen. Zielgruppe sind Führungskräfte und Top-Manager. Wie sind Ihre Erfahrungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement und der Prävention? Bringen Sie sich ein.