Puls führt „New Work“ in China ein »Damit sind wir Trendsetter«

Personalleiterin Tanja Friederichs (links außen) hörte aufmerksam zu: »Der Workshop zuletzt im Mai war für viele unserer chinesischen Mitarbeiter ein wichtiger Durchbruch, ein Moment des Erkennens, manche sagten, sie hatten Herzklopfen: Wie kommt man zu Innovation, was ist Innovation, wie hat sich Google entwickelt?«

„New Work“ in China – was allein kulturell wie ein Widerspruch in sich klingt, führt die Puls GmbH jetzt in ihrer chinesischen Niederlassung ein. Tanja Friederichs, Vice President Human Resources, über ihre Erfahrungen nach den ersten Workshops.

Markt&Technik: Frau Friederichs, kollaborative Arbeitsweise und New Work in China – das klingt angesichts der kulturellen Unterschiede im Vergleich zu Europa ambitioniert. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus, dass das funktionieren kann?

Tanja Friederichs: Wie oft höre ich, das sei in China nicht möglich. Ich höre dies zwar, nehme es aber nicht so wirklich ernst. Wir glauben an unser Projekt, weil wir den Weg mit unseren chinesischen Mitarbeitern gemeinsam gehen, sie von Anfang an mit einbeziehen. Man muss hier Grenzen überwinden, mutig sein und Neues ausprobieren. Und ja, in der Tat, wir sind Trendsetter damit, ich kenne kein anderes westliches Produktionsunternehmen, das dies mit den Mitarbeitern gemeinsam entwickelt.

Gab es zumindest Best-Practice-Beispiele für New Work in China, an denen Sie sich orientieren?

Wir haben in Shanghai als Puls Steering Commitee – gemeinsam mit unserem Architekten Stefan Camenzind von Evolution Design aus der Schweiz – verschiedene Unternehmen wie Henkel, 3M, WeWork und JTP besucht. Das sind toll designte Offices, man spürt die Power, mit der China dieses Thema vorantreiben möchte, und das kommt vor allem bei der jungen Generation der Chinesen auch sehr gut an. Hier stelle ich gefühlt keine Unterschiede zur Startup-Kultur in Berlin fest.

Wir haben aber auch einen Blick hinter die Kulissen von New Work in China geworfen und wollten verstehen, was neben dem schönen Office als Arbeitsprozess dahinter steckt. Hierzu haben wir dann nicht mehr viel gefunden. Die verschiedenen Areas (Retreat, Dialogue, Create, Share), die bei Puls in München und Wien die Grundlage für eine kreative und innovative Arbeitsumgebung legen, waren vor Ort in den einzelnen Firmen nicht erkennbar. Aus unserer Sicht ist aber gerade das wichtig, um Arbeitsstrukturen in einem digitalen Wandel zu entwickeln.

Kreativität muss für Chinesen doch ureigenes Ziel und Antrieb sein, um vom Kopierer-Image weg zu kommen.

Ja, aber wie schafft man das, wenn die Kultur von Konfuzius geprägt ist, wo man schon als Schüler lernt, zuzuhören und zu folgen. In einen Dialog mit einem Lehrer zu gehen ist dort nicht üblich. Der Workshop zuletzt im Mai war für viele unsere chinesischen Mitarbeiter ein wichtiger Durchbruch, ein Moment des Erkennens; manche sagten, sie hatten Herzklopfen: Wie kommt man zu Innovation, was ist Innovation, wie hat sich Google entwickelt? Will sagen: Der Mindset muss stimmen, der Weg ist das Ziel. Diese Sinnhaftigkeit rüber zu bringen war und ist der Schlüssel. Wenn man den Mitarbeitern die Chance gibt, Teil des Prozesses zu sein, zu verstehen und zu lernen.

Grace Zhang ist Ihr Manager Human Resources bei Puls China. Wie haben Sie diese wichtige Position besetzt?

Vier Monate lang haben wir nach der richtigen Kandidatin gesucht. Das ist zur damaligen Zeit vor über vier Jahren für China ungewöhnlich lang, normalerweise dauert eine Stellenbesetzung über Headhunter hier nur 4 bis 6 Wochen. Die Auswahl an tollen Lebensläufen ist groß, auch wenn es die letzten Jahre etwas schwieriger geworden ist. Vorstellungsgespräche brauchen zwei bis dreimal so viel Zeit wie hierzulande, um den Kandidaten gut kennenzulernen, seine Motivation, seine Vorgehensweise, ob er eine eigene Meinung hat etc. Denn man kann sich in China auf nichts verlassen: nicht auf die Titel, nicht auf die Inhalte.

Wir wissen ja, wie stark China im Kopieren ist: Der Einfluss von Konfuzius, dass man von seinem Meister lernen soll, ist groß. Alles ist immer möglich! Deswegen müssen Referenzen eingeholt werden, das ist in China aber völlig normal, niemand hat Schwierigkeiten mit dem Datenschutz. Auch ehemalige Kollegen werden angerufen! Alles, was das Business nach vorne bringt, ist in China völlig in Ordnung. Gehalt, Angaben in der Bewerbung, alles wird gnadenlos überprüft. So kamen wir auf drei Kandidaten, und am Ende war es Grace, die uns am meisten überzeugt hat.

Grace Zhang hat mittlerweile in Stanford die gleiche Weiterbildung zu New Work genossen wie Sie selbst. Wie wichtig war das?

Ja, ich hatte keinen Trainer für New Work in China gefunden, der das Thema in unserer Niederlassung hätte vermitteln können. Daher ist Grace an die Stanford University zu Prof. Dr. Sabine Remdisch gegangen und hat nun einen breiten Einblick in die Thematik, was aber nicht heißt, dass damit auch die Umsetzung automatisch klappt. Man hat aber deutlich gemerkt, dass die Gedanken viel freier geworden sind und Grace auch das Fieber einer digitalen Transformation in Bezug auf Organisation und Kulturwandel gepackt hatte. Aber es dauert seine Zeit, dies für sich letztendlich in der Umsetzung greifen zu können. Mir persönlich ist es übrigens am Anfang vor über dreieinhalb Jahren auch noch nicht anders ergangen. In China haben wir 2017 ein weiteres Fertigungswerk gebaut und hier wurden für den Office-Bereich auch die ersten Designvorschläge von einem lokalen Anbieter gemacht. Das war wirklich nicht schlecht, aber es bildete nicht die Anforderung an ein inhaltliches New-Work-Konzept ab und darauf kommt es an. In einem Vortrag hatte ich mal gehört, dass man ansonsten von einer Zombie-Umgebung spricht, die kein wirkliches Leben dahinter hat. Im Januar haben wir das Projekt noch mal neu gestartet und wir als HR haben die Projektleitung übernommen. Also sind wir damit eingestiegen zu verstehen, wir unsere Mitarbeiter arbeiten, und dann ging es immer noch tiefer. Grace hatte mit diesen Iterationen anfangs Schwierigkeiten, sie verstand es für sich so, dass sie die Arbeit nicht richtig macht, denn sonst müsste man ja gemeinsam nicht immer wieder zum Prozess zurückkehren und auch nicht so viele Workshops führen. Also wieder erklären, vermitteln, ermutigen: Wir kennen das Ziel am Ende, aber im Prozess dorthin sind wir völlig flexibel und unabhängig! Und wir entwickeln das gemeinsam. Chinesen ist diese Vorgehensweise eher fremd, man möchte ein Ziel einfach abarbeiten! Für Grace war diese Iteration eine Qual, immer wieder in den Prozess zurückkehren zu müssen. Total ineffizient, denn man könnte es doch einfach kopieren! Es war und ist eine Herausforderung, die Einbeziehung der Mitarbeiter, das familiäre Unternehmen, die Iteration auf dem Weg dorthin als etwas Gutes zu vermitteln, als notwendige und normale Schleife.