Interview mit Lasse Rheingans Bringt Automatisierung den 5-Stunden-Tag?

»Wir retten den Deutschen Mittelstand«

Wann klappt Ihr »Rheingans-Prinzip« nicht?

Wenn man sich bewusst ist, dass es um den einzelnen Menschen geht und Menschen keine Zahlen und Nummern sind – hier streifen wir ein wenig die »New Work«-Dunstblase - dann müssen wir unser Führungsverhalten, das Miteinander anpassen, wir brauchen eine Kultur wo Fehler erlaubt werden. In Innovationsprozessen dürfen Fehler nicht sofort verurteilt werden, wie wir das hierzulande – gute deutsche Ingenieurskultur – meist tun. Fehler gehören zur Produktverbesserung und zu Forschung und Entwicklung einfach dazu.

Aber auch ohne einen neuen Führungsstil kann es nicht gehen. Der »allwissende Chef« oder die allmächtige Führungskraft müssen wir hinterfragen und auflösen. Denn in global vernetzten Märkten und in disruptiven Veränderungsprozessen funktioniert das nicht mehr. Nehmen Sie Phänomene wie Uber oder AirBnB, die ganze Märkte aufwirbeln: Für so schnelle und komplexe Themen gibt es keine leichten Antworten mehr, man muss das auf viele Köpfe und möglichst viel Wissen verteilen, um gute Antworten geben zu können und sinnvolle Maßnahmen ableiten zu können. Unabdingbar ist dafür Freiraum und Fehlerkultur.

Kommen Sie angesichts Ihrer vielen New-Work-Termine und Impulsvorträgen eigentlich noch zu Ihrer eigentlichen Arbeit als Geschäftsführer?

2018 war ein wildes Jahr, an dessen Ende ich energielos und ausgepumpt in die Weihnachtsferien gestolpert bin. Ich hatte das Unternehmen ja im Oktober 2017 übernommen und bereits im November den 5-Stunden-Tag eingeführt: Arbeiten von 8 bis 13 Uhr, dann Feierabend, bei vollem Lohn. Die Presse war bei uns Dauergast. Ich habe parallel sieben neue Leute eingestellt, einen kompletten Strategiewechsel mit dem gesamten Team durchgeführt, neue Kunden akquiriert und die alten kennengelernt. Daneben noch ein Buch geschrieben, das kam auch noch obendrauf. Und ich wurde immer öfter für Vorträge und Events eingeladen und gebucht. Im Sommer 2018 habe ich festgestellt, dass wenn ich so weitermache, ich zu keinem Thema mehr richtig komme und der Laden womöglich auch noch am Ende pleite geht.

Und jetzt? 

Ich fokussiere mich derzeit am Vormittag auf meine Agentur, danach auf Events und Vorträge und freue mich, wenn daraus das ein- oder andere Beratungsmandat rausrutscht und wir Umsatz generieren. Bei mir funktioniert der 5-Stunden-Tag nicht, mein Job hat sich total gewandelt. Aber ich habe ja auch eine Vision: Wir retten den Deutschen Mittelstand. 

Muss der denn gerettet werden?

Mich treibt das sehr an. Denn im Laufe der Entwicklung mit dem 5-Stunden-Tag, den ganzen Interviews und den Erkenntnissen, die ich auf den diversen Events sammelte wurde mir klar: der deutsche Mittelstand hat ein massives Problem mit Innovationskultur und Innovationsgeschwindigkeit. Auch Führung und Mindset erlebe ich vielfach noch so wie in den 50er Jahren. Ein Kulturwandel wäre so notwendig für uns als ganzes Land und für den Mittelstand im Konkreten. Und ja - darüber ändert sich mein Job - aber das finde ich gerade auch sehr spannend und mache daher gerne mit und investiere Lebensenergie und Zeit.

Fragen: Corinne Schindlbeck

*Die 5-Stunden-Revolution: Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken, Campus Verlag, 24,95 Euro.