Interview mit Lasse Rheingans Bringt Automatisierung den 5-Stunden-Tag?

5-Stunden-Tag in der Elektronikindustrie?

Weil ich glaube, dass auch die Arbeit im produzierenden Gewerbe immer mehr in Richtung  Wissensarbeit geht und hier das vorrangig gut funktionieren kann. Aber schließlich müssen auch im produzierenden Gewerbe heute Lösungen für individuelle Kundenprobleme erarbeitet werden. Und Fließbandarbeit oder leicht zu beschreibende Jobs sind prädestiniert dafür, automatisiert zu werden. Daher glaube ich, dass wir in den nächsten 10 Jahren Menschen so einsetzen werden, dass ihre menschlichen Kompetenzen zur Wirkung kommen. Die empathisch, individuell und mit ihrem Kopf Lösungen erarbeiten, die vielleicht die Produktion von morgen braucht. Schlicht weil wir schon allein aufgrund des Fachkräftemangels gar nicht mehr so viele von ihnen haben. Somit könnte ein 5-Stunden-Tag auch in der Industrie funktionieren.

Vorausgesetzt, man würde das wollen: wo fängt man  als Unternehmen an?

Ich versuche, das in meinem Buch* als Kreisdiagramm zu zeichnen. Da ist zum einen das »Ich«, der innerste Kreis: Jeder einzelne Mitarbeiter ist in seiner Person extrem wertvoll, muss aber auch vom Unternehmen gefördert werden, um in sein Potenzial zu finden. Dazu braucht es als Grundlage Persönlichkeitsentwicklung, etwa durch Yoga, Coaching, etc. Um diesen innersten Kreis ist ein zweiter, der des Teams: Wie kann so ein »optimiertes Ich« mit anderen im Team besser arbeiten? Dafür braucht es u.a. Kommunikationstraining, aber auch sog. »Profiling«, um die Mitarbeitertypen sichtbar zu machen.

Der nächste Kreis darum ist dann das Unternehmen mit seinen bestimmten Werten, Visionen und Zielen. Sowohl Teams als auch Mitarbeiter müssen sich damit identifizieren können. Denn Motivation ist immer intrinsisch, man kann nicht extern motivieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das Projekt »Ocean Cleanup«: Wenn ich morgens aufstehe, um die Ozeane vom Plastikmüll zu befreien, dann ist das so eine enorme Motivation, die ich in mir dafür spüre, das kann man gar nicht durch irgendwelche Managementmethoden rauskitzeln.

Das bedeutet: Unternehmen müssen die Frage nach dem Sinn und dem Warum beantworten. Denn die nachkommenden Generationen verlangen danach, dass es gute Antworten darauf gibt und wo sie andocken können.

Der äußerste Kreis schließlich sind wir als Gesellschaft. Was haben wir für eine unternehmerische Herausforderung und wie werden wir der Gesellschaft dabei gerecht? Diese Themen müssen heute als Unternehmen beackert werden, davon bin ich überzeugt. Unser Kreismodell nennen wir aktuell das »Rheingans Prinzip«, und bieten sozusagen für jeden dieser Kreise, gemeinsam mit etablierten Beratern, Coaches und Partnern, hier entsprechende Maßnahmen und Begleitung für Unternehmen an, die sich dem Wandel stellen möchten.

Aber wird nicht auch unternehmerischer Druck an die Mitarbeiter weitergegeben? Die Entwicklung zu mehr Eigenverantwortung finden nicht alle gut, nehmen Sie Kritiker wie Prof. Christian Scholz mit seinem Buch »WorkLife Blending«. Weil der Mensch immer dazu neige, sich selbst auszubeuten und erst recht, wenn er intrinsisch motiviert ist! Sind das Themen, die Ihnen selbst bekannt vorkommen?

Ja. Alle Studien zu Regelungen wie »Unbegrenzt viel Urlaub« oder »Homeoffice« zeigen das ja auch.

Deswegen finde ich den inneren Kreis von der Persönlichkeitsentwicklung des »Ich« auch so notwendig. Denn so ein 5-Stunden-Tag klappt nur, wenn die Mitarbeiter auch klar über ihren Energiehaushalt Bescheid wissen. Daher die Achtsamkeitstrainings, Yoga usw. zur Persönlichkeitsentwicklung. Nicht umsonst ist unser 5-Stunden-Tag auch so hart begrenzt, von 8 bis 13 Uhr. Es gibt keine Laptops, arbeiten von zuhause ist nicht erwünscht. Ich als Unternehmer habe eine Fürsorgepflicht und ich muss auch Vorbild sein.

Das klappt aber nur, wenn die Führungsriege in Unternehmen dies auch so sieht! Mein Team ist im Durchschnitt Mitte 20 und in unserer Gesellschaft herrscht ja die Vorstellung, »Die besten bleiben am längsten im Büro«. Was ich für eine vollkommen falsche und kranke Sichtweise halte. Ich versuche, kommunikativ und mit Trainings und Schulungen dagegen vorzugehen, damit sie Zeit haben, darüber nachzudenken. Ich als Inhaber habe dann auch mehr von Ihnen. Laut Studien arbeiten wir schließlich am Tag effektiv 2,53 Stunden, und das bei einem 8-Stunden-Tag. Wenn wir es schaffen, vier oder 5 Stunden wirklich zu arbeiten, ist das gut und wir haben wahrscheinlich schon mehr geschafft als viele andere.