Recruiting Bei schlechter Bezahlung hilft auch kein Obstkorb

Stefan Wirth, Beratungsgruppe Wirth + Partner
Stefan Wirth, Beratungsgruppe Wirth + Partner

Wie angelt man sich einen Ingenieur? Personalberater Stefan Wirth über die Bedürfnispyramide von Ingenieuren, wenn es um Jobwechsel geht.

Wirth + Partner ist seit über 35 Jahren auf die Elektronikbranche spezialisiert. Entsprechend gut weiß Stefan Wirth von der Münchner Personalberatung über die Gründe Bescheid, warum Ingenieure den Sprung in einen neuen Job wagen. Oder ihn herbeisehnen.

»Häufig ist es der Wunsch nach fachlicher oder inhaltlicher Weiterentwicklung oder mehr Verantwortung hinsichtlich Umsatz, in Projekten, Regionen oder für Mitarbeiter. Auch der momentane, ungeliebte Vorgesetzte kann eine Rolle spielen. Mehr Geld ist ebenfalls ein häufig geäußerter Wunsch. Kürzere Entscheidungswege und agile Arbeitsstrukturen wollen auch viele. Und natürlich agieren viele Kandidaten auch vorausschauend, etwa weil die heutige Firma in Schwierigkeiten steckt, umorganisiert oder verkauft werden soll«, weiß der Berater. Eine immer stärkere Rolle spielen laut Wirth auch kürzere Anfahrtswege und/oder unflexible Arbeitsprozesse. Und manchmal zwingt ein anstehender, privater Umzug oder eine bereits erfolgte oder befürchtete Kündigung zum Handeln.

Zunächst nicht im Vordergrund und daher von Recruitern vielfach überschätzt werden hingegen Angebote wie Obstkorb, Fitness-Studio oder „New Work“: »All das spielt erst eine Rolle, wenn die grundsätzlichen Bedürfnisse erfüllt sind«, weiß Wirth. Das bedeutet: Eine langweilige Aufgabe mit uninteressanten Produkten in einem unsicheren Unternehmen – »das können sie einem spezialisierten Produktmanager auch nicht mit einem Obstkorb oder Fitnessangebot attraktiv machen. Erst recht nicht, wenn das Gehalt nicht passt.« Nahezu aussichtslos wird es, wenn so eine Stelle auch noch „in der Pampa“ liegt – dann gleicht die Suche nach geeigneten Kandidaten der nach einer Nadel im Heuhaufen. Umgekehrt garantiert eine tolle Firma mit spannenden Aufgaben nicht den Besetzungserfolg. Einen freizeitorientierten, sportbegeisterten Jungingenieur mit gutem Job und Freundin in gemeinsamer Wohnung in München könne kein noch so attraktives Stellenangebot in den hinteren Bayerischen Wald locken, da können Firma und Aufgabe noch so interessant sein, weiß Wirth aus Erfahrung.

Was bedeutet das für Recruiter?

»Es gibt keine Standardlösungen und keine Standardwege, um eine Stelle zu besetzen«, sagt Stefan Wirth. Recruiter müssten sich wohl oder übel individuell auf die jeweilige Besetzungsaufgabe und die dafür in Frage kommenden Bewerber-Zielgruppen einstellen. „New Work“ sei kein Ersatz, wenn Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden. Folglich rät Stefan Wirth dazu, sensibel zuzuhören, wenn Mitarbeiter Veränderungswünsche äußern, um Einfluss nehmen zu können: »Wenn Sie den Mitarbeitern keine marktüblichen, der Leitung und Aufgabe entsprechenden Gehälter zahlen, wenn Ihr Unternehmen sich in einer wirtschaftlichen Krisensituation befindet, am Markt nicht wettbewerbsfähig ist, den Mitarbeitern keine Perspektive bietet oder Ihr Unternehmen am Markt ein schlechtes Image hat, dann müssen Sie daran als erstes arbeiten.«