Top-Arbeitgeber: Karriere als IT-Coach Bei Oose kann man sich seinen Chef selbst aussuchen

Das Antibild eines dogmatischen Patriarchen: Bernd Oestereich, Gründer und Geschäftsführer von Oose.

Wer bei Oose in Hamburg arbeitet, verdient zwar nur durchschnittlich, kann sich aber dafür über eine maßgeschneiderte Personalentwicklung, viel Entscheidungsfreiraum und eine kreative Unternehmenskultur ohne Zwang und Ellenbogen-Mentalität freuen. Dafür wurde das Unternehmen dieses Jahr ausgezeichnet.

Bei Oose arbeitet man anders als in »normalen« Unternehmen. Das liegt – wie meist – am Lenker selbst: Bernd Oestereich ist das Antibild eines dogmatischen Patriarchen, lebt Werte, liebt Freiräume, steht nicht gerne herrisch im Mittelpunkt und arbeitet – um das Beispiel des unkonventionellen Geschäftsführers zu vervollkommnen - derzeit nur Dienstags, Donnerstags und Freitags. Die restliche Zeit kümmert er sich um seine zweijährige Tochter, währenddessen seine Frau bei Oose den Job der Finanzchefin ausfüllt. Teilzeit ist bei Oose kein Karriereknick: etwa 25 Prozent der Belegschaft sind Frauen, auch Führungspositionen in Teilzeit werden unterstützt.

Oose wurde für seine Familienfreundlichkeit zwar auch schon ausgezeichnet. Bemerkenswert aber ist vor allem die Mitarbeiterführung bei Oose. So darf man sich zum Beispiel seinen Chef selbst aussuchen und bei Bedarf auch wechseln. Nur zu Beginn bestimmt Oose für den Neuling einen geeigneten Personalvorgesetzten. Bis vor kurzem konnte sogar jeder Vorgesetzter werden, der sich dazu berufen fühlte und wenn es Mitarbeiter gab, die von ihm geführt werden wollten.  Der Führungsneuling erhielt dann entsprechende Schulungen. »Doch das mussten wir wieder einstellen«, gibt Oestereich zu. »Der administrative Aufwand – ständige Abstimmungen, Meetings, Fragen - war größer als gedacht.« 

Das Prinzip aber bleibt: der einzelne Mitarbeiter hat einen großen Einfluss auf strategische und unternehmerische Themen. So wie zum Beispiel Alexandra Augstin. Die erst vor kurzem eingestellte Beraterin, Trainerin und Projektmanagerin übernahm relativ schnell Geschäftsführer-Aufgaben. Sie hatte festgestellt hatte, dass Oose zwar inhaltlich-fachlich sehr kreativ ist, die Geschäfts- und Organisationsmodelle jedoch oft nicht schnell genug mitziehen, etwa bei neuen Geschäftsmodellen wie E-Learning oder E-Coaching. Darum wollte sie sich kümmern. Der Mitarbeiterin wurde kurzerhand der entsprechende Freiraum für ihre neue Initiative eingeräumt.

Augstin ist kein Einzelfall: Rund die Hälfte der Belegschaft befassen sich mittlerweile mit Aufgaben, die bei der Einstellung nicht vereinbart wurden, sondern die sich im Laufe der Weiterentwicklung der Mitarbeiter ergeben hatten. Für Oestereich steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht seine Aufgabe. Angelika Sonntag ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist seit gut 6 Jahren an Bord. Sonntag wurde eingestellt, ohne konkrete Aufgabe, einfach weil Sie gut zu Oose passte und »sich schon etwas finden würde«, erinnert sich Oestereich. Schließlich hat sie den Vertrieb aufgebaut, ist 2 Jahre später Prokuristin und Vertriebsleiterin geworden und führte in dieser Rolle zuletzt 3 Mitarbeiterinnen. Mittlerweile hat eine ihrer Mitarbeiterinnen ihre Position übernommen und Angelika Sonntag hat wieder eine neue Aufgabe.

Warum kommt man auf so was? Der Mittvierziger Bernd Oestereich  begann sein Geschäft als Freiberufler. »Unabhängig zu ein, das war mir schon immer wichtig«, sagt der Geschäftsführer und Gründer der 1998 gestarteten Oose Innovative Informatik GmbH. Anderthalb Jahre schlug er sich mit seinem Jungunternehmen als Einzelkämpfer durch. »Das war nicht befriedigend«, erinnert er sich. Oestereich suchte sich also Mitarbeiter zur Verstärkung. Fortan arbeitete eine Ansammlung von Quasi-Freiberuflern unter dem Dach einer GmbH. »Führung gab es keine, ich bin da naiv rangegangen.« Jeder Neue musste sich freischwimmen, eigenständig sein wie Oestereich selbst.

Das ging solange - ein paar Jahre - gut, bis die Firma größer und die Aufgaben zahlreicher wurden. Plötzlich funktionierte das Prinzip »jeder ist sein eigener Herr« nicht mehr. Oestereich: »Mitarbeiter kamen zu mir und wollten Entscheidungen von mir. Da wurde mir klar, dass nicht jeder, so wie ich, davon träumt, sein eigener Herr zu sein.«

Doch auch auf der anderen Seite, bei den angestellten »Unternehmern«, gab es Probleme. Sie neigten dazu, zu viel zu arbeiten, nicht zu delegieren, sich zu sehr zu engagieren. Oestereich: »Um sie und auch das Unternehmen vor Schaden zu bewahren, muss man Grenzen setzen, das habe ich aus der Erfahrung gelernt.«

Ein Chef, der bremst, statt sich über Überstunden zu freuen? »Man muss sich fragen, wie nachhaltig es sein kann, ständig Vollgas zu geben«, erklärt der Unternehmer. In Oestereichs Werteverständnis kommt solch kurzsichtiges Denken nicht vor, im Gegenteil. Die Worklife-Balance der Mitarbeiter wird ausdrücklich unterstützt. Obwohl Oose ein bundesweit tätiges Schulungs- und Beratungsunternehmen ist, muss keiner seiner Angestellten im Schnitt mehr als vier auswärtige Übernachtungen im Monat bewerkstelligen. Klassisches »Bodyleasing«, also mehrmonatige Projekt-Einsätze beim Kunden, gibt es nicht. Der Krankenstand sei, so Oestereich, »extrem niedrig«.

Was sind das für Profile, die bei Oose arbeiten? Von der Qualifikation naturwissenschaftlich ausgerichtet: Mathematiker, Informatiker, Physiker, aber auch Geologen. »Die Ausbildung ist nicht der wichtigsten Aspekt«, erklärt Oestereich. Wichtiger sind mindestens 10 Jahre Erfahrung in Leitungsfunktionen in der IT. Und da die Berater beim Kunden meist mit Top-Managern zu tun haben, muss auch die Persönlichkeit entsprechend gereift sein, »die Beratung muss auf Augenhöhe stattfinden«, weiß Oestereich. Dafür seien Empathie und emotionale Intelligenz unerlässlich.

Deshalb investiert Ooose auch besonders in die Persönlichkeitsentwicklung seiner Mitarbeiter. Im Laufe der Jahre erarbeiteten sie sich somit Qualifikationen in Moderation, Kommunikation, Konfliktmanagement, Verhandlungstechniken, systemischer Beratung, Mediation, Gruppendynamik, Transaktionsanalyse, in Aufstellungs- und Skulpturarbeit.

Ende Januar bekam Oose die Auszeichnung »Top Job« verliehen. Im Mittelpunkt dafür standen laut Jury das krisenfeste und erfolgreiche Personalmanagement sowie seine »außergewöhnliche Personalpolitik«.