Alles über die Karriere beim Ingenieurdienstleister: Arbeitsmarkt zweiter Klasse oder echte Chance?

Arbeitsmarkt zweiter Klasse oder echte Chance?

Auf Ingenieure spezialisierte Personalberater wie Harald Stapf aus Bad Homburg finden es deshalb gar nicht so schlecht, wenn Hochschulabsolventen ein paar Jahre lang Erfahrung bei einem Ingenieurdienstleister sammeln. „Er oder sie bekommt die Möglichkeit, mit verschiedenen Herstellern zusammenzuarbeiten, unterschiedliche Betriebe kennenzulernen und sich mit der Zeit zu einem Spezialisten weiterzuentwickeln“, lobt Stapf das Beschäftigungsmodell. „Wer Spezialist bleiben will, ist in einem solchen Büro ganz gut aufgehoben.“ Wer das aber nicht anstrebt, sondern breit aufgestellt bleiben oder ins Management aufsteigen will, der solle nach drei bis fünf Jahren das Weite suchen und zu einem Kunden oder einem anderen OEM-Hersteller wechseln. „Die große Karriere macht man bei einem Ingenieurdienstleister sicher nicht“, sagt der Berater. „Das Höchste, was man erreichen kann, ist den Status eines nachfragten Spezialisten. Der braucht sich um seine Beschäftigung dann auch keine Sorgen mehr zu machen.“

Ingenieurbüros und –dienstleister wenden sich deshalb vor allem an Hochschulabsolventen und werben mit der Breite ihrer Einsatzfelder. Das ist schlau, denn die finanziellen Rahmenbedingungen sind längst nicht so gut wie bei den Herstellern. Die Einstiegsgehälter nach der Probezeit bewegen sich um 2500 Euro brutto monatlich, hinzu kommen noch knapp kalkulierte Fahrtkosten zur Arbeitsstelle. Für einen Ingenieur ist das wenig mehr als ein Hungerlohn.

Verständlich, dass die Fluktuation bei den Großen recht hoch ist. Wenn sich deren Mitarbeiter nämlich im Kundenunternehmen bewähren, werden sie oft mit höheren Gehältern und Aufstiegsperspektiven abgeworben. Und selbst wer in den ersten Monaten kein verlockendes Angebot erhält, erfährt doch früher oder später durch den Kontakt mit den festangestellten Kollegen beim Kunden, was er anderen Unternehmen wert sein könnte.

Dagegen suchen sich die Dienstleister zu wappnen – mit kostenlosen Fitnessangeboten für ihre Mitarbeiter (Euro-Engineering), internationalen Einsätzen (Brunel), einer offenen Unternehmenskultur (Bertrandt) und individuellen Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten (Ferchau). Eines aber kann kein einziger Ingenieurverleiher fest zusagen: die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Wenn die Kunden keine Ingenieure und Techniker mehr ordern, dann wird das Beschäftigungsverhältnis schnell gelöst. Wenn der Job nicht ohnehin auf Projektbasis abgeschlossen worden ist und der Mitarbeiter mit dem Status eines Selbständigen geführt wird. Kein Dienstleister kann und will sich leisten, unrentable Mitarbeiter durchzufüttern.

Volker Werbus von der Green Digits GmbH in Gilching bei München, Chef eines kleinen Ingenieurbüros mit nur etwa 20 Mitarbeitern und bewusst nahe dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum, macht daran seine Hauptkritik an den großen Ingenieurdienstlern fest. „Wir arbeiten nur mit Festangestellten und versuchen, auf lange Sicht Know-how aufzubauen und zu konservieren.“ Deshalb hat sich Green Digits bewusst gegen das Geschäftsmodell der Arbeitnehmerüberlassung entschieden. „Wir arbeiten ausschließlich auf der Basis von Dienst- und Werkverträgen, entwickeln im Kundenauftrag Software oder übernehmen einen klar umrissenen Projektauftrag.“

Die kleineren Büros können es sich gar nicht erlauben, in den Ruf eines Personaldurchlauferhitzers zu geraten, denn sonst stehen sie bald ohne Mitarbeiter da und können ihre Kunden nicht mehr bedienen. Sie leben von der Expertise ihrer Professionals und vom Ruf, zuverlässig und schnell gute Leistungen zu erbringen – und das gelingt eben nur mit dauerhaft zufriedenen Ingenieuren.

Und wie man Ingenieure sauer fährt, weiß Volker Werbus aus eigener Erfahrung. Sowohl der 46-Jährige als auch sein Gründungspartner waren viele Jahre lang bei Ingenieurdienstleistern tätig, bevor sie ihr eigenes Büro aufmachten. Volker Werbus hat seine Lektion gelernt: „Das prägt für’s Leben.“

 Ingenieurdienstleister

 Seit etwa zwei Jahrzehnten geht es mit den Ingenieurdienstleistern steil aufwärts. Denn um Kosten zu sparen und schnell an neues Wissen zu kommen, vergeben Großkonzerne immer mehr Entwicklungsarbeit nach draußen. Doch blühen muss sie im Verborgenen, denn die Ehre für die Innovationen wollen die Auftraggeber selbst einheimsen. Sie fürchten Imageschäden, wenn bekannt würde, dass viele Teile ihrer teuren Produkte von externen Dienstleistern entwickelt wurden.

Die Großen unter den für alle Industriezweige tätigen deutschen Entwicklungsdienstleistern – neben Euro Engineering und Bertrandt sind das Ferchau aus Gummersbach bei Köln und Brunel in Bremen – glänzen mit zweistelligen Zuwachsraten bei Umsatz und Personal. Alle beschäftigen weit mehr als 1000 Ingenieure und Techniker – fast dreimal so viele wie noch vor fünf Jahren.

Weiterführende Links:

Bertrandt

Brunel

Euro-Engineering

Ferchau