Viele Manager parken als „Consultant“, um Arbeitslosigkeit zu vertuschen Angriff auf das Selbstbewusstsein

Udo Wirth ist Personalberater und Geschäftsführer der Beratungsgruppe Wirth&Partner. Beispiele wie die von Ziegler kennt er gut.
Udo Wirth ist Personalberater und Geschäftsführer der Beratungsgruppe Wirth&Partner. Beispiele wie die von Ziegler kennt er gut.

Auf Stellenausschreibungen für Führungskräfte bewirbt sich meist nur einer kleiner Prozentsatz aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis heraus – der Rest, um die 80 Prozent, ist arbeitslos, „pseudo-arbeitslos“ als „Consultant“ oder ähnliches tätig, um sich keine Blöße zu geben, weiß Personalberater Udo Wirth von der gleichnamigen Personalberatung. Welche Ratschläge gibt er Führungskräften?

Manager-Posten sind Schleudersitze. Bernard Ziegler (Name geändert) ist Mitte 40 und Geschäftsführer bei einem  deutschen Tochterunternehmen eines amerikanischen Solarmodulherstellers. Die Geschäfte laufen nicht gut, der Druck auf ihn ist beträchtlich. Kürzlich hat der amerikanische Chef unbeherrscht Dampf abgelassen, hat laut härtere, einschneidende Maßnahmen gefordert, Führungsstärke verlangt.

Ziegler macht sich langsam Sorgen um seinen Job. Aus der Arbeitslosigkeit heraus sich bewerben zu müssen – das möchte er unbedingt vermeiden. Zu viele  ehemalige Weggefährten verdienen heute unfreiwillig als Personalberater oder „Consultants“ ihr Geld. Nicht, weil das ihre Berufung wäre, sondern weil der Arbeitsmarkt für Führungskräfte sie nicht mehr aufgenommen hat. Bisher hat er, Ziegler, sich noch nie bewerben müssen, die Jobs kamen früher fast wie von selbst auf ihn zu. Doch sein Selbstbewusstsein ist angekratzt.

Hätte er sein Netzwerk besser pflegen müssen? Aufs falsche Pferd gesetzt? Die Solarbranche war doch einst eine zum alt werden, zukunftsträchtig, politisch protegiert. Und dann sein Privatleben: Seine Frau, studierte Juristin,  genießt den Wohlstand, das Einfamilienhaus mit Doppelgarage. Früher ambitioniert, hat sie  ihren Beruf als Rechtsanwältin längst an den Nagel gehängt. Ist treusorgende Mutter und Gefährtin, hält ihm den Rücken frei, beiden Kindern fehlt es an nichts. Was, wenn das auf einmal alles gefährdet wäre?

Udo Wirth ist Personalberater und Geschäftsführer der Beratungsgruppe Wirth&Partner. Beispiele wie die von Ziegler kennt er gut. Dabei sei dieser noch in einer vergleichsweise komfortablen Situation: auf Stellenausschreibungen für Führungskräfte bewirbt sich meist nur einer kleiner Prozentsatz aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis heraus – der Rest, um die 80 Prozent, ist arbeitslos, „pseudo-arbeitslos“ - also als „Berater“ oder ähnliches tätig, um sich keine Blöße zu geben, - freigestellt, oder in einer ähnlichen Situation wie Ziegler: akut von Arbeitslosigkeit bedroht.

Ein konkretes Beispiel nennt er:  „Wir hatten vor kurzem die Position eines Allein-Geschäftsführers für ein Mittelstandsunternehmen zu besetzen und diese Stelle auch auf verschiedenen Wegen im Internet veröffentlicht. In kürzester Zeit bekamen wir über 200 Bewerbungen und Anfragen, und hätten wir nicht schon die vielen telefonischen Anfragen relativ kritisch diskutiert, wären es leicht über 300 geworden. Nur ein kleiner Prozentsatz dieser Bewerber suchte aus einem ungekündigten Arbeitsverhältnis den nächsten Karriereschritt. Bei welcher Stellenausschreibung bekommt man heute diese Bewerberresonanz? So ziemlich bei keiner anderen.“

Das Fatale daran sei, dass sich ein Großteil der Manager dieser Arbeitsmarktsituation überhaupt nicht bewusst sei: „Oder sie auch bewusst verdrängt bzw. sich im Einzelfall selbst nicht betroffen fühlt. Das sind die anderen, ich bin so „gut“, das gilt nicht für mich!“

Früher, so berichtet Wirth, sei es oftmals ausreichend gewesen, „Manager“ zu sein, manchmal egal, wie gut und umfassend man über spezielles Branchen- und Marktwissen verfügte. Heute  aber zählten vor allem einschlägige und tiefe Branchenkenntnisse  und Erfolge -  selbst in vermeintlich übergreifenden Funktionen wie im Controlling, Personalwesen oder Marketing werde Stallgeruch verlangt.

Diese Problematik des „Manager-Arbeitsmarktes“ sei in der breiten Öffentlichkeit überhaupt nicht bekannt. Warum nicht? „Nun, Arbeitslosigkeit hat immer noch einen negativen Beigeschmack in Richtung Erfolglosigkeit. Welcher Manager möchte schon als „erfolglos“ bezeichnet werden. Das bedeutet, Führungskräfte haben selbst kein Interesse daran, dass dieses Thema breitgetreten wird – weder allgemein noch in ihrem jeweiligen persönlichen Einzelfall.“ sagt Wirth.

Zudem hätten Manager keine Lobby. Weder Betriebsrat noch Gewerkschaften oder sonstige Organisationen kümmerten sich um ihre Belange, auch für die Medien ist dieses Thema nicht interessant genug. „Es sei denn, es geht um spannungsgeladene Themen wie Selbstmord, Burn-out  oder es betrifft Sondergruppen wie z.B. Fußballtrainer.“

Und dann spiele natürlich auch die Angst vor Schadenfreude , Häme eine Rolle: Als Manager hat man ein großes Auto gefahren, warum jetzt nicht mehr, was sagen die Nachbarn dazu, in meiner Firma war ich bekannt als unbequemer, lästiger Sanierer, nun hat es mich selbst „erwischt“ usw.

Wirth: „Also erzählt man lieber der ganzen Welt  - und manchmal auch sich selbst - dass man sich bewusst neu orientiert und jetzt als Unternehmensberater sein umfassendes Know-how einbringt, um die Welt zu retten“. Etwas anders sehe es freilich bei erfolgreichen Managern in ungekündigter Stellung aus. „Grundsätzlich sind Führungskräfte nach wie vor gesucht, manchmal sogar händeringend. Erfolgreiche Manager sind ein beliebtes Ziel von Personalberatern. Wer also fest im Sattel sitzt, kann in aller Ruhe Angebote sondieren.  Ich empfehle sogar, mit Anfragen immer positiv umzugehen – das Rad kann sich heutzutage nämlich schnell drehen!“