Alternative Rechtsform Genossenschaft

Zugegeben: Beim Wort Genossenschaft denkt man meist an Karl Marx, an Winzer, Edeka und die Raiffeisen-Bank um die Ecke. Doch seit der Novellierung des Genossenschaftsgesetzes im vergangenen Jahr ist diese Rechtsform eine interessante Alternative für Neugründungen im Ingenieursbereich. Sie lässt den Unternehmer frei, das Team stark und die Haftung begrenzt sein.

»Sind Sie etwa Kommunist?« So direkt fragen das die Kunden von Dietmar Czerny zwar nicht. Aber vielen liest der Elektroingenieur genau diese Frage vom Gesicht ab, wenn er sich als Genosse der Ingenieurgruppe München (www.igmuc.de) outet. Dabei hat Czerny mit den Marx’schen Theorien nicht mehr am Hut als jeder andere selbstständige Unternehmer: Am Markt als starke Gruppe aufzutreten, findet er gut, aber in sein Geschäft reinreden lässt er sich null und nimmer.

Genau diese Kombination hat der Bayer in der Rechtsform der Genossenschaft gefunden. Sicher, eine Kapitalgesellschaft oder eine lose BGB-Gesellschaft wären für ihn auch gegangen, als er seine kleine Firma für Computertechnik 1999 in ein größeres Ganzes einsortieren wollte. Letztlich überzeugten ihn die Vorteile der eingetragenen Genossenschaft. »Wir sind partnerschaftlich aufgestellt, sparen uns eine Menge Bürokratie, können viel größere Projekte übernehmen, uns bei Kollegen kompetenten Rat und personelle Verstärkung holen und verteilen den Gewinn fair nach Arbeit und Leistung«, zählt Czerny auf. Auf den Punkt gebracht: »Der Unterschied zur GmbH ist, was am Ende rauskommt.«

Echte Alternative

Tatsächlich: Die Entrümpelung des Genossenschaftsgesetzes (GenG) im August vergangenen Jahres hat die mehr als 150 Jahre alte Rechtsform zu einer echten Alternative gegenüber der Gründung einer Kapital- oder Personengesellschaft gemacht. Dazwischen öffnet die eingetragene Genossenschaft (eG) nämlich einen dritten Weg, den Mittelständler, Freiberufler und Selbstständige gemeinsam beschreiten können, um Aufgaben wie Einkauf, Marketing, Vertrieb oder Verwaltung zu erledigen. Die Grundidee: Jeder bleibt sein eigener Chef, besorgt sich seine Finanzierung und zahlt die Steuern auf sein Einkommen. Jeder genießt aber auch die Vorteile einer großen Gruppe, wie beispielsweise bessere Einkaufskonditionen und die Chance, an umfangreiche Projekte heranzukommen. Und die Haftung beschränkt sich auf die Höhe der gezeichneten Genossenschaftsanteile. Das Privatvermögen bleibt außen vor.

Dr. Volker Hetterich vom Genossenschaftsverband Frankfurt, sagt: »Grundsätzlich bietet die Kooperation in der Genossenschaft ein durch Gesetz und Satzung abgesichertes Rechtskleid. Entstehende Vorteile dienen nicht zur Erwirtschaftung von Dividenden. Die Genossenschaft orientiert sich eng am Nutzen für ihre Mitglieder.« Vereinfacht gesagt: Mitgliedernutzen statt Gewinnmaximierung. Wer als Genosse rasch Millionär werden will, muss sich selbst darum kümmern.

Viele haben andere Ziele. »Für die Selbstständigkeit spricht das hohe Maß an Freiheit und Unabhängigkeit«, heißt es in der Präambel der Ingenieurgruppe München, die sich - ausgerechnet! - im Jahr des Mauerfalls gegründet hat. In seiner damaligen Fassung schrieb das Genossenschaftsgesetz mindestens sieben Gründungsmitglieder vor. Heute genügen drei, gleichgültig, ob für den Betrieb einer Tankstelle, eines IT-Beratungshauses, einer Arztpraxis oder eines Handels mit elektronischen Bauteilen. Bei der igmuc haben die Urgesteine längst Platz gemacht für 30 neue Genossen im Alter zwischen 30 und 55. Jeder hat einen Genossenschaftsanteil von 4500 bis 6000 Euro gezeichnet und darf deshalb gleichberechtigt mitreden. Um den Zusammenhalt und den Auftritt nach außen kümmert sich der gewählte Vorstand, um die Administration Buchhalterin Katharina Rottmayr. Als einzige Frau und einzige Nicht-Ingenieurin unter den Genossen nimmt sie ihren Job gelassen: »Irgend jemand muss schließlich ausrechnen, wer wie viel kriegt und wer wie viel bezahlt.«