Manager im Portrait Achtsames Führen – hart, aber herzlich?

Über James Truchard

Sie haben ein enges Verhältnis zu Dr. James Truchard, der zum Jahreswechsel nach 40 Jahren an der Unternehmensspitze von National Instruments den Staffelstab an Alex Davern weitergegeben hat. Welche Vorstellung von Führung hatte Dr. T.? Was war ihm wichtig?
Für Dr. Truchard, der nach wie vor Vorsitzender des NI-Aufsichtsrates ist, galt seit jeher, dass wir nicht nur die klügsten Köpfe der Branche anheuern, sondern vor allem solche, die in die Firmenkultur passen. Er bezeichnete dies als »people advantage«.

Und auch er hatte übergeordnete Ziele. Es geht primär darum, Lösungen für die »grand challenges« der National Academy of Engineering zu finden. Dazu gehören insgesamt 14 Herausforderungen globaler Natur, angefangen bei Medizintechnik über Zugang zu sauberem Trinkwasser, Werkzeuge für die Grundlagenforschung und Entdeckung, erschwingliche Solarenergie bis hin zur Bildung für alle. Und zur Bewältigung all dieser Herausforderungen brauchen wir Ingenieure.

Dr. T ist eine großartige Persönlichkeit, die für mich ein Mentor und Ratgeber ist, wesentlich zu meiner Anstellung bei NI beigetragen hat und in den letzten 25 Jahren zu einem echten persönlichen Freund geworden ist.

Lassen Sie mich vielleicht anhand einer Anekdote erzählen, was den Grundtenor meiner ganzen Karriere bei NI gesetzt hat: Im Dezember 1990, als ich ein Vorstellungsgespräch mit den Firmengründern Dr. T, Bill Nowlin und Jeff Kodosky hatte, war die erste Frage die Dr. T stellte: Was ist Ihre Zukunftsvision, was ist Ihr Ziel im Leben? Was daraufhin folgte, war ein langer, fruchtbarer und unvergesslicher Dialog, im Laufe dessen mir bewusst wurde, dass ich einer belastbaren, dennoch bescheidenen Führungspersönlichkeit gegenübersaß, einem bodenständigen Realisten und Idealisten, der einem vorausschauenden Visionär innewohnte. Dr. T. s Vision und die auf die Zukunft ausgerichtete Programmierplattform LabVIEW überzeugten mich, dass ich am richtigen Ort angekommen war, meine Karriere zu starten.

In den vielen darauffolgenden Jahren hat Dr T. niemals die Balance zwischen dem Fest-im-Hier-und-Jetzt-Verwurzelt-Sein und der vorausblickenden Vision aus dem Blick verloren. Sichtbar wird die Vorausschau durch unseren 100-Jahres-Plan, unseren plattformbasierten Ansatz, unsere Vision bzgl. LabVIEW, um nur einige wenige zu nennen. Ich erinnere mich daran, dass jedes Gespräch, das ich mit Dr. T. über diese Themen führte, sehr klar war und mir Auftrieb gab. Die Liste der Dinge, die ich von ihm lernte, ist sehr lang. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass er mir dazu verholfen hat, mich zu der Person und der Führungskraft zu entwickeln, die ich heute bin.

»Mindful leadership«, Achtsamkeit als Führungskraft, meditierende Manager. Sehen Sie das als einen Trend oder ist das nur eine Randerscheinung in der Führungskräfteentwicklung westlicher Führungsetagen? Gibt es dabei globale Unterschiede?
Ich glaube, dass viele Manager ein bestimmtes Ziel verfolgen. Und das betrifft sowohl die westlichen als auch die fernöstlichen – auch wenn man landläufig der Meinung ist, die fernöstlichen Manager seien aufgrund ihrer Kultur besser dafür gewappnet. Sie alle meditieren, um entspannter zu sein. Sie versuchen, achtsam zu sein, um nicht alles so nah an sich herankommen zu lassen und um die Mitarbeiter besser führen zu können. Auch, wenn ich das gutheiße, ist es dennoch nur die halbe Miete.

Sich ein Ziel zu setzen, ist bei der Meditation genau der falsche Ansatz. Denn das Problem in der Meditation ist nicht die Meditation, sondern der Meditierende, der etwas haben möchte! Kurzzeitige Entspannung und Gelassenheit können natürlich sehr wohl Nebeneffekte sein, aber sie sind eben kurzlebig.
Zwar glaube ich, dass das ein generell schwer zu verstehendes Prinzip ist, weil die Meditation nicht mit der Kausalität einhergeht.

Meditiere ich jeden Tag eine halbe Stunde, sei es mit gezielten Atemübungen oder der Body-Scan-Methode, werde ich nicht die restlichen 23,5 Stunden automatisch achtsam durch die Gegend laufen. Doch wer nur die schnelle Entspannung, den schnellen Aufstieg auf der Karriereleiter oder das schnelle Geld sucht, der hat die Essenz der Achtsamkeit nicht erfahren. Achtsamkeit ist weder ein Modetrend noch ein Wundermittel zur Effizienzsteigerung, sondern vielmehr eine ganzheitliche Lebenseinstellung, die alle Aspekte des Lebens berührt.

Das Gespräch führte Corinne Schindlbeck