Manager im Portrait Achtsames Führen – hart, aber herzlich?

Wie reagieren Manager-Kollegen?

Wie begegnen Ihnen Manager-Kollegen, die diesen Zugang nicht haben? Neugierig? Ablehnend? Neutral?
Das ist ganz unterschiedlich und kommt darauf an, wer mich mit welcher Geisteshaltung betrachtet. Ein sehr auf Karriere bedachter Manager sieht dies als eine Strategie, um in die Führungsetage zu klettern. Ein solcher Mensch würde mit mir anders taktieren, als jemand, der im achtsamen Handeln eine Lebensphilosophie sieht.

Und ganz ehrlich ist es mir auch gar nicht wichtig, wie die anderen reagieren. Denn es ist für mich irrelevant, aus dieser Lebenshaltung etwas »haben« zu wollen – wie Karriere, Macht oder Geld. Eigentlich genau im Gegenteil: Hier geht es gar nicht um das »Haben-Wollen«, sondern um ein Loslassen all dieser Anhaftungen von Augenblick zu Augenblick, und darum, den Menschen und dem Leben mitfühlend zu begegnen. Alles andere kommt dann automatisch, wenn es kommen muss.

Es kommt darauf an, dass das, was ich hier sage, auch lebe – und nicht lediglich als eine schöne Führungsidee in diesem Interview präsentiere, um dann im Alltag dann total anders zu handeln. Es ist für mich keine Strategie, sondern ein Lebensinhalt.

Um Ihre Frage zu beantworten: Viele finden das interessant und wollen mehr dazu wissen. Einige sagen mir, die Umstellung auf achtsames Handeln hätte ihr Leben verändert. Es ist aber auch schon passiert, dass Leute erst Jahre später auf mich zukamen und mir sagten: »Jetzt verstehe ich erst, was du damals meintest!« und dann erst mehr wissen möchten. Meistens dann, wenn sie gerade in einer Lebenskrise sind. Dann ist das Fenster offener und die Menschen sind empfänglicher für neue Impulse.

Warum müssen viele Führungskräfte erst krank werden (vgl. Begriff »Karoshi« in Japan, vgl. Paul Kothes, etc.), um anschließend Begriffe wie Achtsamkeit oder Balance ernst zu nehmen? Es hat sich nichts geändert oder?
Leider nicht. Ich stelle sehr häufig fest, dass die Leute erst »aufwachen«, wenn sie krank sind oder in eine andere Lebenskrise geraten, sei es eine Midlife-Crisis, der Tod eines geliebten Menschen oder eine Trennung.

Auch wenn es ironisch klingt, ist eine Krise eigentlich ein Segen und so auch von der Natur eingerichtet, damit man aus all den vorhin genannten Anhaftungen aufwacht. Dabei ließe sich die Krise vermeiden, wenn man schon vorher damit begönne, achtsam zu leben. Das heißt natürlich nicht, dass sich die Situation ändern würde.

Aber man geriete nicht in eine Krise, weil man sich alles nicht so zu Herzen nähme, sondern alles als eine Erscheinung betrachtet, die in unserem Bewusstsein auftaucht, aber genauso wieder verschwindet. Der Trick ist, dass man sich nicht mit der Situation identifiziert, sondern schlichtweg innehält und den Augenblick wahrnimmt – ohne zu bewerten oder zu beurteilen. Ohne Blick in die Zukunft oder Vergangenheit. Auch die Gefühle, die auftauchen, werden lediglich beobachtet, jedoch nicht als positiv oder negativ bewertet.

Das hört sich natürlich wesentlich leichter an als es ist und erfordert sehr viel Übung im Vorfeld. Wenn die Krise da ist, ist es natürlich zu spät, denn da ist man dann schon zu tief im Strudel gefangen. Was aber nicht heißt, dass man nicht von da an im Augenblick leben kann und sogar sollte!

Wie wirkt sich Ihre Vorstellung von Führung auf Ihre Personalführung aus und auf die Organisation von National Instruments?
Mein Führungsstil passt sehr gut zur allgemeinen moralischen und ethischen Vorstellung bei National Instruments. Sonst könnte ich auch nicht dort arbeiten. Ganz allgemein legt man bei NI sehr viel Wert auf den Mitarbeiter und darauf, dass er charakterlich zum Unternehmen passt. Jemand der achtsam lebt, ist auf jeden Fall gut bei NI aufgehoben!