Manager im Portrait Achtsames Führen – hart, aber herzlich?

@rahmannow twittert über Lebenskunst und Technologie

Sie twittern als @rahmannow über Lebenskunst und technologische Themen, aber auch Spiritualität, haben über 4000 Follower. Wirkt Ihre Spiritualität auch in Ihre Rolle als Manager hinein bzw. lässt sich das überhaupt trennen?
Ich persönlich bevorzuge eher den schon mehrfach genannten Begriff »Achtsamkeit«, da »Spiritualität« in meinen Augen häufig in Richtung Religion, Esoterik oder New Age abdriftet. Achtsamkeit bedeutet für mich ein Sich-Einlassen auf den jetzigen Augenblick, ohne ein Vor-Urteilen, und aus dem Augenblick heraus zu handeln.

Das gilt auch für achtsames Zuhören, in dem man nicht nur äußerlich still ist, sondern aus einer inneren Stille heraus zuhört.

Achtsamkeit wird oft mit Meditation gleichgesetzt, aber sie ist für mich eine Haltung, die einen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche begleitet. So wird jede Handlung mit Achtsamkeit durchtränkt, und dem Leben wird bewusst begegnet. Der Geist wird wesentlich bewusster als Werkzeug eingesetzt und auch beiseitegelegt, wenn er nicht gebraucht wird. So wird nicht alles aus der Brille des Geistes wahrgenommen, mit den üblichen Vor-Urteilen und dem »inneren Plappern«.

Achtsamkeit ist weniger eine spirituelle Technik, die ich einsetze, sondern etwas, was natürlich aus mir herauskommt. Daher lässt sie sich in der Tat nicht von meiner beruflichen Rolle trennen.

Einer Ihrer Follower hat Sie am »Follower Friday« empfohlen als »einer, der die Quelle gefunden hat«. Was meint er damit?
Nun, das müssten Sie ihn wahrscheinlich selbst fragen. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Achtsamkeit Grundlage menschlichen Miteinanders ist.

Sind wir achtsam, können wir uns von der eigenen Perspektive besser lösen und uns die Welt aus der Sicht eines anderen Menschen vorstellen. Außerdem lernt man so auch, das Gegenüber so zu akzeptieren, wie es ist. Und zwar auch in Situationen, in denen uns dies schwerfällt.

Ich bin absolut davon überzeugt, dass es uns eine innere Zufriedenheit gibt, wenn wir auf ein Ziel hinarbeiten, das wesentlich größer als wir selbst und erheblich mehr als die Summe der Einzelteile ist. Bei NI z. B. ist es erklärtes Ziel, zur Bewältigung der größten Herausforderungen der Menschheit beizutragen, wie sie etwa in den »grand challenges« der National Academy of Engineering zusammengefasst sind.

Durch solch sinngebende Arbeit spüren wir eine einzigartige Verbundenheit zu etwas Übergeordnetem und sind dennoch völlig eins mit unserem wahren Selbst. Bei der Umsetzung kommt man in eine Art »Flow-Zustand«, bei dem hartes Arbeiten mit Leichtigkeit und Spaß von der Hand geht.

Sinnvoll arbeiten, die Welt besser machen – wer möchte das nicht. Aber leider bleibt das häufig ein Wunsch.  
Ich bin überzeugt davon, dass Unternehmen auf einem bewussten und achtsamen Führungsstil fußen können und dass die Führung ganzheitlich auf einen übergeordneten Zweck und zentrale Werte ausgerichtet sein kann.

Mehr noch: Sie existieren nicht nur nebeneinander, sondern hängen gegenseitig voneinander ab und nützen nicht nur den Aktionären, sondern auch allen Mitarbeitern, Kunden, Zulieferern, der dazugehörigen Community und der Umwelt. Ich glaube, ein guter Anfang ist, nach dem Motto »connect, collaborate, communicate« zu handeln, also Verbundenheit zu schaffen, sich gegenseitig zu unterstützen und klar zu kommunizieren. Dies schafft Vertrauen – die Grundlage eines jeden menschlichen Miteinanders.

Hochrangige Manager haben ihre Rolle als harte Entscheider häufig perfektioniert. Da wirkt es ungewöhnlich, sich zu Spiritualität, oder wie Sie es lieber sagen, Achtsamkeit, zu bekennen. Wie haben Sie Zugang dazu gefunden?
Es wäre ungewöhnlich, ja sogar unethisch, wenn ich im Arbeitsumfeld anders agieren würde als im Alltag. Ich kann das ja wie gesagt auch gar nicht trennen, weil das Ganze aus einer achtsamen Haltung herauskommt, die nicht auf die private Welt beschränkt ist.

Den Zugang habe ich über meinen Großvater und meine Mutter gefunden. Sie haben beide täglich meditiert und ich habe mich als kleiner Junge einfach dazugesetzt und mitgemacht. Anfangs natürlich noch ohne zu wissen, was ich da eigentlich tue. Aber irgendwann hat mich das Ganze mehr interessiert und ich habe mich damit näher – oder soll ich sagen bewusst? (lächelt)  – auseinandergesetzt.

Und heute sehe ich nicht einmal den Unterschied zwischen einer technisch-wissenschaftlichen und einer »spirituellen« Welt. Das sind für mich einfach nur die berühmten zwei Seiten einer Medaille.