Interview mit dSpace »80 Prozent aller technischen Bewerbungen kommen von Ausländern«

Mit ASM Traffic lassen sich unterschiedlichste Verkehrsszenarien in Echtzeit simulieren.

dSpace aus dem ostwestfälischen Paderborn sucht vor allem hardwarenahe Softwareentwickler mit MATLAB/Simulink-Erfahrung.  Wie beurteilt Personalleiter Harald Wilde derzeit die Lage am Arbeitsmarkt, insbesondere bei hardwarenaher Softwareentwicklung? Wie sehen Lösungsansätze aus? 

Markt&Technik: Herr Wilde, laut Branchenverband VDE haben wir momentan eine Knappheit an Ingenieuren, dass ihm künftiges Wachstum »kaum möglich« erscheint. Wie sieht es im Bereich der handwarenahen Softwareentwicklung aus?
Harald Wilde: »Ich teile die kritische Einstellung der Verbände. Wir beschäftigen in unserem Unternehmen 500 Soft- und Hardware-Entwickler und zusätzlich noch mal rund 250 Ingenieure und Informatiker im Kundensupport und für Inbetriebnahmen.
Derzeit haben wir über 150 offene Stellen. Das ist enorm. Es handelt sich um neu geschaffene Stellen, von denen unser weiteres Wachstum abhängt. Denn wenn man diese Leute nicht hat, hat man eben niemanden, der entwickelt, in Betrieb nimmt oder für den Support zur Verfügung steht.
Und die Stellen sind sehr, sehr schwer zu besetzen. Gottlob haben wir eine geringe Fluktuation an unserem Stammsitz hier in Paderborn – 2017 waren es nur 1,9 Prozent – damit müssen wir uns immerhin nicht um Ersatz-Besetzungen sorgen.

Welche Qualifikationen sind das? 
Informatik, Technische Informatik, Ingenieursinformatik, Elektrotechnik, Mechatronik, Mathematik, Technische Mathematik und Physik.
Es hakt besonders bei der Elektrotechnik. Ein Beispiel: Vor ein paar Tagen hatten wir einen jungen Mann im Bewerbungsgespräch, Wirtschaftsingenieur. Mit technischem Schwerpunkt Elektrotechnik. Er sagte, er wäre da absolut in der Minderheit. Die meisten würde E-Technik nicht wählen, weil es so schwer ist und nehmen lieber Maschinenbau, das sei leichter und man bekäme da auch bessere Noten.

Nun sagt der VDE: Es sei ja nicht hilfreich, solchen technischen Studiengängen aus Imagegründen ein anderes Mäntelchen umzuhängen, etwas die Zusatzbezeichnung Umweltschutz anzuhängen, um mehr Studienanfänger anzulocken. Schwer bleibe es dann trotzdem, zumal die technische Tiefe wichtig sei. Aber dann sind hohe Abbruchquoten weiterhin wahrscheinlich?

Ja, das ist ein echtes Problem.  Fakt ist, wir müssen den Zugang zu Technik erleichtern bzw. intensivieren. Die Menschen können ein Smartphone bedienen, wissen aber nicht, wie es funktioniert bzw. haben nicht das Wissen, das wir in der Industrie brauchen. Black Box. Technik ist in der deutschen Öffentlichkeit zu negativ besetzt bzw. wird häufig in der Öffentlichkeit kritisch bis sogar feindlich bewertet. Dabei gibt es doch auch die positiven Dinge wie Energiewende, Elektromobilität, die ohne Elektronik nicht denkbar wären.
Informatik etwa wird in der breiten Öffentlichkeit reflexartig mit Hacker-Attacken in Verbindung gebracht. Es wir oft nur negativ berichtet oder in bestimmten Sparten-Sendern ab 23 Uhr gezeigt.
Wir brauchen Formate, Serien, die Technik begreifbar in den Mittelpunkt stellt: warum zum Beispiel gibt es die Knoff-Hoff-Show von Joachim Bublath nicht mehr? Es gibt Filme über Ärzte, Richter, Staatsanwälte, Lehrer, aber nicht über Ingenieure. So wie früher McGyver, der über technisches Geschick und Improvisationskunst stets unterhaltsam zum Erfolg kam. Das fällt völlig flach in Deutschland. Es fehlen Fernsehserien, in denen dieses Vorurteil korrigiert wird. 
In den Medien wird gerne das Bild vom schnellen Erfolg, nicht das von harter Arbeit vermittelt.  Ein Stück weit hat die Industrie ihren Teil zu diesem Image beigetragen, nehmen Sie nur den Diesel-Skandal. 

Warum arbeitet die Elektronikindustrie nicht an diesem Image? Konzerne wie Edeka oder Conrad beauftragen Kreativ-Agenturen für Weihnachtsspots, die viral gehen. Liegt es am Geld?
Ich stimme Ihnen da zu, aber es fällt mir schwer, Gründe zu nennen, warum man da so wenig tut. Zumal wir ja auch bei uns im Unternehmen durchaus Themen haben, die sinnstiftend sind und die auch eine hohe öffentliche Akzeptanz haben, Stichwort Elektromobilität oder Autonomes Fahren: spart Ressourcen, minimiert Staus, fördert Sicherheit. Da könnte man viel daraus machen. 

Das beantwortet noch nicht so ganz meine Frage. Die Auswirkungen des demographischen Wandels stehen uns in aller Schärfe ja erst noch bevor, ca. ab 2020 wird es richtig ernst, wenn nichts passiert. Man steuert also sehenden Auges in einen Zustand, der schon lange bekannt ist. Liegt es an fehlender Zusammenarbeit? Bei Themen wie Normung oder Digitalisierung klappt es doch auch, warum nicht beim Thema Nachwuchs?
Das geschieht vielleicht mehr auf anderer, politischer Ebene: Lobbyarbeit für ein Einwanderungsgesetz zum Beispiel. Viele ausländische Studenten kommen ohnehin schon zu einem Masterstudium nach Deutschland. Hier bei dSpace stammen bereits 80 Prozent aller technischen Bewerbungen von Ausländern. Viele Master-Studiengänge hier in der Region würden ohne diese ausländischen Studierenden aus China, Indien oder Pakistan gar nicht mehr stattfinden. 

Laut Bundesamt für Statistik sind die Studienanfängerzahlen in technischen Fächern und Informatik zuletzt wieder zurückgegangen. Allein Elektronik und Informationstechnik stagniert wenigstens nur, aber alle anderen haben verloren. Ist das nicht ein Problem?
Das sind in der Tat ernüchternde Zahlen. Wer sich für ein technisches Studium entscheidet, hat exzellente Arbeitsmarkt-Aussichten. Das müsste ja eigentlich den Trend zum technischen Studium befördern. Andererseits: Man sollte immer noch nach Neigung studieren. Sonst wird man scheitern.

Konzerne wie Microsoft oder Google investieren mit Code your Life oder kostenloser Weiterbildung in Technik-Bildung. Und schon hagelt es Kritik: dass sie sich zu sehr einmischten und in Wahrheit nur die Kunden von morgen im Visier hätten. Müssen Unternehmen sich nicht stärker in die Diskussion einschalten? 
Auch wir arbeiten mit Schulen zusammen. Mitarbeiter von uns ergänzen in Partnerschulen den Physikunterricht, zeigen Experimente. Man kann Kindern Technik nur dann schmackhaft machen, in dem man sie kindgerecht aufbereitet und sie nicht nur Formeln auswendig lernen lässt. Ich bemerke schon diesbezüglich eine kritische Stimmung in Deutschland, die erwarten lässt, dass technische Förderung weiterhin forciert wird. Denn nur auf ausländische Studenten zu setzen, das kann ja nicht die Lösung sein.
 
Kurzfristig führt offenbar kein Weg daran vorbei. Stehen die Unternehmen sich manchmal selbst im Weg, wenn es um die Beschäftigung von Ausländern geht? Deutsche Sprachkenntnisse sind oft ein Muss, warum reicht die Ingenieursprache Englisch nicht aus? Gerade kleinere Unternehmen weigern sich da oft, wie man hört.
Wir sind da ein Stück weit schon aufgeschlossen, gerade was Entwicklungstätigkeiten angeht. Da muss fließendes Deutsch nicht sein. Aber wenn es um die Zusammenarbeit mit unseren deutschen Kunden geht, ist es allerdings schon ein Problem und teilweise mühselig, wenn der Mitarbeiter nicht richtig Deutsch kann. Wir erwarten von unseren Bewerben schon Bemühungen um solide Deutschkenntnisse. Das vermisse ich mitunter bei einigen ausländischen Studierenden. Es geht ja nicht nur ums Arbeiten, es geht auch darum, hier gut zu leben und auch um Teilhabe am kulturellen Leben, dazu braucht es deutsch.
Man kann man ein Stück weit beruflich darauf Rücksicht nehmen, aber man wird nicht integriert. Daher müssen wir die Sprachkenntnisse in unseren Bewerbungsgesprächen vorab checken, durch Telefoninterviews. Denn man kann sie aus einer Bewerbung nicht unbedingt ersehen, die kann ja auch ein Ghostwriter geschrieben haben. 

Was bringt MINT-Förderung?
Es ist nach wie vor so, dass die Zahlen der Studienanfänger/innen für einen technischen Studiengang nicht dramatisch nach oben gehen. Die Quote ist relativ konstant, genauso wie übrigens die Abbruchquote. Studierende wechseln oft nach ein, zwei Semestern, weil die technischen Studiengänge offensichtlich sehr anspruchsvoll sind. Bei Mathe müssen viele die Flügel strecken. 

Müssten Sie angesichts des Fachkräftemangels nicht, wie Kritiker oft fordern, Abstriche bei der gewünschten Qualifikation machen? 
Die Illusion, wir suchen und bekommen die, die schon alles durch Studium oder Berufserfahrung mitbringen, muss ich unseren Führungskräften nehmen, ja. Wir müssen bereit sein, durch interne Qualifizierung fachliche Defizite auszugleichen. Die hohe Qualität ist eines unserer Merkmale und das, was uns vor den Kunden auszeichnet.
Dadurch wird die Potenzialerkennung bei Bewerbern für uns wichtiger: Wenn das Potenzial vorhanden ist, sind wir auch bereit, Menschen mit fachfremdem technischen Studium zu qualifizieren, so sie lern- und leistungsbereit sind. Ein technisches Grundverständnis und ein entsprechender Abschluss müssen aber sein, um ggf. Abstriche in Kauf zu nehmen und über Weiterqualifizierung aufzufangen.
Denn natürlich können wir aus einem Sozialarbeiter keinen Ingenieur machen.

Wo könnten Sie sich weitere Kompromisse vorstellen? 
Bei den sozialen Fähigkeiten, den ‘social skills’, auf gar keinen Fall. Das wäre ein No-Go.

Hat sich der Fachkräftemangel – den es als Begriff ja schon länger gibt, zuletzt verstärkt?
Ja, die Lage hat sich zugespitzt. Auch deshalb, weil alle auf der Suche sind. Das Angebot an offenen Stellen ist noch mal dramatisch nach oben gegangen und alle fischen im selben Teich und aus einem Pool, der nicht beliebig vermehrbar ist.

Was tun Sie, um in dieser schwierigen Lage das nötige Personal zu bekommen? Gibt es ein Alleinstellungsmerkmal, auf das Sie als Arbeitgeber setzen?  
Ein alleiniges Merkmal? Das wird schwierig. Unsere Bezahlung ist marktgerecht. Daneben haben wir 85 verschiedene, flexible Arbeitszeitmodelle und verzichten komplett auf Kernarbeitszeiten. Wir bieten eine volle Bezahlung bei Kranktagen von Kindern, die über den gesetzlichen Anspruch hinausgeht. Pro Kind sind das 10 Tage bis zu einer Grenze von 25 Tagen. Teilzeitkräfte (in der Regel sind das Frauen) können ihre Arbeitszeit durch Homeoffice-Tage aufstocken, wenn es organisatorisch möglich ist.

Kurzfristig gibt es für studentische Hilfskräfte bei uns ein reiches Aufgabenspektrum, auch Angebote für Praktikanten, für Bachelor- und Masterarbeiten. Wir besuchen Hochschulmessen, betreiben Active Sourcing, haben einen eigenen dSpace-Recruiting-Tag mit Rahmen- und Abendprogramm. Bis zu 60 Personen erwarten wir da und zahlen Übernachtung und Anreise.
Mittelfristig wirkende Maßnahmen sind Stipendien zur  Förderung der MINT-Studiengänge in unserer Region, wir kooperieren mit Schulen, um junge Menschen für ein technisches Studium zu begeistern und unterstützen Projekte im Physik-Unterricht, bieten Schülerpraktika.
Langfristig erhoffen wir uns Effekte durch unseren betriebseigenen, bilingualen Kindergarten mit 70 Plätzen direkt hier auf dem Campus. Er bietet eine technische Förderung - u.a. mit Technik-Baukästen – und hat entsprechend geschulte Erzieher. Bis auf die Tage um Weihnachten herum ist er durchgängig geöffnet.

Können Sie sich vorstellen, auch mal radikaler zu denken? So wie der Embedded-Spezialist Itemis mit seiner Vier-Tage-Woche oder der Unternehmer Lasse Rheingans aus Bielefeld, der probeweise nur noch 5 statt 8 Stunden am Tag arbeiten lässt, bei gleichem Gehalt? Was sagen Sie zur IG-Metall-Forderung nach Reduzierung auf 28 Stunden auf zwei Jahre mit teilweisem Lohnausgleich?

Wir haben jede Menge Arbeit, die erledigt werden muss. Eine derartige Reduzierung ist schlicht und ergreifend nicht machbar. Bei dem Mangel an Bewerbern und bei der Vielzahl an Aufgaben. Dann müssten wir irgendwann zugeben, die Wünsche unserer Kunden nicht mehr befriedigen zu können. Wir sind nicht tarifgebunden, daher betrifft uns der aktuelle Arbeitskampf in der Metall- und Elektroindustrie nicht. Aber eine Meinung habe ich schon: ich halte das für im höchsten Maße unrealistisch, weil das irgendwann auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen klar und eindeutig einschränkt. Wir versuchen, was möglich ist. Aber die Hard- und Software können sie nicht zuhause entwickeln, wenn Sie wie wir mit Automobilkunden arbeiten, die hohe Anforderungen an Informationssicherheit stellen. Das können sie nicht beliebig zuhause realisieren, die Informationen müssen absolut sicher sein. Wir haben also gewisse Einschränkungen, gerade was das Thema Datenschutz angeht. 

Das Interview führte Corinne Schindlbeck