Start-up-Finanzierung 5 Millionen sprudeln schnell, dann versiegt die Quelle

Zwei Tage im ICM der Münchner Messe mit Oscar-Preisträger Kevin Spacey, Virgin-Gründer Sir Richard Branson in Tracht und einem furiosen Finale im Schottenhamel-Zelt - auf der, laut Angaben der Veranstalter ausgebuchten, Start-up-Messe "Bits&Pretzels" feierte und netzwerkte die Gründer-Szene drei Tage lang auf sehr münchnerische Art.

Der Erfolg der hippen Münchner Start-up-Messe "Bits&Pretzels" täuscht darüber hinweg, dass Start-up-Finanzierung in Deutschland ein schwieriges Geschäft ist. Risikokapital in der Gründungsphase bekommt man noch vergleichweise leicht. Doch spätestens mit der Weiterfinanzierung beginnen die Probleme.

Der Kapitalbedarf einer Unternehmensgründung hängt von der Unternehmensgröße ab, hat der Bitkom ermittelt: Bei einem bis drei Mitarbeitern gilt es im Schnitt 640.000 Euro zu beschaffen, bei vier bis neun Mitarbeitern rund 1,7 Millionen Euro, bei zehn bis 19 Mitarbeitern 3,1 Millionen Euro und ab 20 Mitarbeitern sind es sogar 4,7 Millionen. Nach Angaben des Bitkom benötigen Gründer in den ersten zwei Jahren durchschnittlich 2,4 Millionen Euro Startkapital. Vor allem Business Angel und öffentliche Fördereinrichtungen stehen dazu bereit.

Wohlgemerkt, das sind Durchschnittswerte.

Geht es darum, eine Pilotlinie oder gar eine Fabrik aufzubauen, um erste Serien im Kundenauftrag zu produzieren, kann sich der Kapitalbedarf schnell vervielfachen. Laut der KfW  Förderbank  gibt aber nur jeder dritte Gründer an, für die nächsten 24 Monate ausreichend finanziert zu sein. Mit dem “Gründerwettbewerb – Digitale Innovationen” will das BMWi daher Start-ups besonders in der frühen Phase der Gründung unterstützen. Für Folgeinvestments werden Finanzierungs-Allianzen, sog. “syndizierte Investments” aus öffentlicher und privater Hand geschmiedet. Der Hauptgrund: Das Risiko für den einzelnen Investor im Fall einer Pleite wird minimiert. Und spätestens hier beginnen die Probleme.

Dr. Christian Reitberger ist Business Angel und Venture Capital Investor bei Wellington Partners und seit 17 Jahren als Investor in der Elektronik-und High-Tech-Branche aktiv.  Auf die “Bits&Pretzels” geht er nicht. Sein Geschäft sei “real stuff”, B2B-Geschäftsmodelle aus Elektronik, Photonik oder Erneuerbaren Energien. Zuletzt bemühte sich der Investor erfolgreich um eine neue Wachstumsfinanzierungs-Runde für Heliatek.  Reitberger hat daran mitgewirkt, für den sächsischen Hersteller organischer Photovoltaik eine stattliche Geldspritze über 80 Mio. Euro auf die Beine zu stellen.  Die Finanzierung setzt sich aus Eigenkapital in Höhe von 42 Millionen Euro, Darlehen über 20 Millionen Euro und circa 18 Millionen Euro an Fördermitteln zusammen.

Das zusammenzubekommen, sei „unglaublich harte Arbeit“ gewesen, sagt Reitberger.  Heliatek will mit der Tranche sein Fertigungsvolumen auf eine Jahreskapazität von 1 Million m² erweitern und die nächste Phase der Unternehmensexpansion starten:  weltweit einen Markt für gebäudeintegrierte organische PV zu schaffen. “Heliatek ist ein gutes Beispiel dafür, dass man selbst in Europa sehr große Wachstumsrunden zustande bekommt”, sagt er. Aber es sei auch gleichzeitig ein “ungewöhnliches Beispiel”. Denn normalerweise werde weniger Geld benötigt, damit die “Profitabilität in Sichtweite” komme. Im Schnitt seien das nicht mehr als “nur”  15 bis 39 Mio. Euro.  Im Fall von Heliatek waren es die potenziellen Erfolgsaussichten des Dresdner Unternehmens, die die Investoren zu so ungewöhnlich viel Geld greifen ließen.