Viele Köche und Kompetenzgerangel Wird Industrie 4.0 zur »Glaubensfrage«?

Karin Zühlke, Markt&Technik
Karin Zühlke, Leitende Redakteurin, Markt&Technik

Die einen wollen mit De-facto-Standards loslegen, die anderen alles bis ins letzte »Bit« normieren. Und obendrein kommt noch das politische Kompetenzgerangel zwischen dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Forschungsressort. Ist Industrie 4.0 in der Sackgasse? Ein Kommentar.

Viele Köche verderben bekanntlich den - sprichwörtlichen - Brei. Die im Grunde recht banale Metapher trifft die aktuelle Situation in Sachen "Industrie 4.0" mit einfachen Worten direkt auf den Punkt:

Die Platttform Industrie 4.0 ist in der ursprünglichen Form mit den Trägern Bitkom, VDMA und ZVEI obsolet und wird sich auflösen bzw. in einer neuen Form zur HMI wieder auferstehen. Wer die neuen Träger der Plattform sein werden, darüber darf spekuliert werden, es haben sich zumindest einige Industrieverbände beworben und die Karten könnten neu gemischt werden. Die Steuerung bzw. "Schirmherrschaftt" der neuen Plattform soll dann beim Bundeswirtschaftsministerium und dessen Hausherrn Gabriel liegen.

Parallel dazu verkündetet Bundesforschungsministerin Wanka die Einrichtung des Industrial Data Space unter Leitung des Fraunhofer Institutes. Der Industrial Data Space soll die Vorbehalte der Industrie gegen den mangelnden Datenschutz eindämmen und damit einem wesentlichen Hemmschuh für die Industrie 4.0 beseitigen. Denn nur wer sich seiner Daten sicher ist, wird letztlich auch bereit sein, sich über die eigenen Firmenpforten hinaus zu vernetzen. Details zum neuen "Datenraum" gibt es bisher aber nicht. Auch auf die Frage, ob und wie man denn mit der (neuen) Plattform Industrie 4.0 zusammenarbeiten will, gibt es keine Antwort, anstatt dessen Phrasen wie "Man müsse sehen, ob und wie sich die Schnittmengen ergeben", etc ...

Wie bitte? Wie soll denn am Ende aus der Industrie 4.0 ein großes Ganzes werden, wenn schon im Vorfeld feststeht, dass die Akteure wieder nicht an einem Strang ziehen? Ja, beim Industrial Data Space geht es um Kommunikation Datenschutz und bei der Industrie 4.0 um Automatisierung und sich selbst verwaltende Systeme, aber wie in aller Welt soll am Ende eine vierte industrielle Revolution funktionieren, wenn sich Informatiker und Automatisierer nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen können und endlich denselben Brei kochen, um die Eingangsmetapher wieder aufzugreifen?

Keine Disziplin wird eine Industrie 4.0 solitär lösen bzw. zum fliegen bringen können! Industrie 4.0 lebt erst dann, wenn sich IT, Automatisierung und die Elektronik und Mechanik auf eine gemeinsame Basis verständigen können. Denn neben Standards aus der Elektrik, Mechanik und der Automatisierung müssen auch Webprotokolle wie etwa http zum Bestandteil der Industrie 4.0 werden.

Es scheint fast so, als würde Industrie 4.0 zur "Glaubensfrage", wie  die Diskussion um Standards und Normen zeigt:

T-Systems Chef Clemens plädierte unlängst in seiner Key Note einer Industrie 4.0 Veranstaltung aus gutem Grund für De-Facto Standards. De-facto-Standards könnten bei der schnellen Umsetzung helfen, werden aber von den Normierungsgremien skeptisch gesehen, die unbeeindruckt von der aktuell hitzigen Industrie-4.0-Diskussion an ihrer Normungsroadmap weiterarbeiten.

Man könnte nicht einfach »loslegen«, sondern müsse erst alles sauber definieren, so der vorherrschende Tenor auf der VDE/DKE-Normungstagung am 19. Februar in Berlin. »Schnell mit irgendeiner Lösung rauszugehen, ist der falsche Weg«, ist Prof. Dr. Ulrich Epple von der RWHT Aachen überzeugt. Er plädiert für Referenzmodelle, die »in Zukunft unser Verständnis untermauern werden«. Derzeit exisitieren allerdings zahlreiche Referenzmodelle, die wiederum erst konsolidiert werden müssen. Dies erfolge in enger Abstimmung durch DKE und der (wie auch immer gearteten neuen) Plattform Industrie 4.0 erklärt Epple. Der DKE erarbeitet mit Partner derzeit die deutsche Normungsroadmap. Eine zweite Version soll im Herbst vorgestellt werden.  

Diskutiert wurde auf der Normungskonferenz auch der Aspekt, wie die Rolles des Menschen in die Normung mit einfließen kann. Nach Auskunft der Experten auf dem Podium sei das noch ein großes Problem in den Normungskreisen, auf das es bislang keine Antwort gebe. Die Referenten der Tagung mussten sich auch kritischen Fragen aus dem Plenum stellen, etwa ob die Normierungsgremien die Zeichen der Zeit verschlafen hätten und ob man am Ende bei all der Normung nicht zu viele Schlüssel für Industrie 4.0 in Händen halte.

Deutschland ist bekannt für seine Gründlichkeit, aber etwas mehr Pragmatismus würde in diesem Fall nicht schaden, sonst werden wir bei Industrie 4.0 zwar das Land der Ideen sein, aber Gewinne erzielen werden andere.  

 

Und am Ende noch kein kleiner Hinweis in eigener Sache: Am 20. und 21. Oktober veranstalten wir zum dritten Mal den Industrie 4.0 und Industrial Internet Summit in München in Zusammenarbeit mit dem VDE. Unser Leitgedanke für die Veranstaltung ist der interdisziplinäre Austausch. Wenn Sie das Programm aktiv mitgestalten wollen: Aktuell läuft der Call for Papers.