Sprechen statt Tippen und Wischen Wird die Stimme zur Benutzeroberfläche?

Amazon, Apple, Google, Microsoft: Die großen Tech-Player möchten den Markt der Sprachassistenten für sich beanspruchen. Frank Gerwarth, Produktmanager bei Reichelt Elektronik schildert die Herausforderungen.

Es wird sogar spekuliert, dass Sprachtechnologie sich zur Benutzeroberfläche der Zukunft entwickelt.

Bei genauerem Hinsehen zur Entwicklung von Benutzeroberflächen von Computern und Anwendungen lässt sich feststellen, dass die Bedienung technischer Geräte immer mehr an unsere menschliche Interaktion angepasst wird: Waren Computer in der Verwendung anfangs noch so abstrakt, dass sie ausschließlich von Experten bedient werden konnten, änderte sich dies durch die Einführung kompakter PC-Systeme und neuer Ein- und Ausgabegeräte. Die erste Computermaus machte 1968 die Nutzung der Desktop-Computer für ein wesentlich breiteres Publikum zugänglich.

Die aktuelle Entwicklung von Touchscreens geht noch einen Schritt weiter: Diese reagieren bereits auf natürliche Gesten wie Tippen oder Wischen. Ist es da nicht eine logische Folge, dass Sprache als nächste Stufe auf der Leiter zu noch intuitiverer Benutzung und Steuerung von elektronischen Geräten und Anwendungen folgt? Das Ergebnis wäre eine Mischung aus Augmented Reality, Gesten und Sprachbefehlen, die uns helfen sollen, Geräte noch einfacher zu steuern.

Herausforderung 1: Sicherheitsbedenken

Einfach sprechen statt die Eingabe in das Gerät per Touchscreen einzugeben – das ist für den Verbraucher weitaus intuitiver und meist schneller. Es bleibt jedoch ein Spagat, den Nutzer vollbringen müssen: Einerseits ist der Wunsch groß, dass der digitale Assistent eine echte Hilfestellung und Erleichterung für den Alltag bieten kann – und dafür muss er den Nutzer gut verstehen. Um dies zu gewährleisten, ist es jedoch nötig, dass der Nutzer Informationen über sich preisgibt, die der Sprachassistent mithilfe von künstlicher Intelligenz verarbeitet, um daraus lernen zu können.

Diese Informationen freizugeben widerstrebt jedoch vielen Nutzern, da sie bei den Sprachassistenten Sicherheitsbedenken vermuten. Dies hat eine im März 2019 durchgeführte Studie von OnePoll im Auftrag von reichelt elektronik bestätigt. Selbst unter denjenigen, die bereits einen Sprachassistenten nutzen, hat ein signifikanter Teil (40 %) Sicherheitsbedenken – ganze 77 Prozent von ihnen sagen, dass sie speziell bei der Speicherung ihrer Daten Sorgen haben. Keines der aktuellen Modelle ist schon so weit ausgereift, dass es diese Bedenken beseitigen kann.

Herausforderung 2: Geschlechtervorurteile überwinden

Alexa, Siri, Cortana – die bekanntesten und beliebtesten Sprachassistenten haben allesamt weibliche Stimmen und werden als weiblich wahrgenommen. In ihrer Rolle als stets geduldige, devote Helferinnen, die fraglos alle Befehle befolgen, bestärkt das veraltete Rollenbilder – so ein kürzlich erschienener Bericht der UNESCO. Als besonders prekär wird herausgehoben, dass die Sprachassistentinnen auf sexuelle Anspielungen oder Beschimpfungen meist nachsichtig oder sogar flirtend reagieren.

Hier wird deutlich, dass künstliche Intelligenz keineswegs neutral, sondern stark von den Daten beeinflusst ist, mit denen sie trainiert wird. So übertragen sich menschengemachte Vorurteile und Diskriminierung auf den digitalen Helfer. Die Hersteller stehen also vor der großen Herausforderung, bestehende Geschlechtervorurteile in ihren Systemen abzubauen, um für Gleichheit zu sorgen und für alle Nutzer – egal welchen Geschlechts – eine gute Nutzererfahrung zu bieten.