Die Grenzen digitaler Simulationen Wie das Bewusstsein in die Maschine kommt

Die Gedanken sind frei

Eine grundlegende Erkenntnis seiner Forschungen ist laut Otte, dass sich mentale und neuronale Zustände des Gehirns in einer einheitlichen Theorie beschreiben lassen, die mit der Quantenphysik nicht einfach nur in Einklang steht. Nein, die Quantenphysik ist in seiner Theorie die Voraussetzung dafür, dass mentale Zustände und damit Bewusstsein entstehen können. Bei mentalen Zuständen handele es sich allerdings um rein imaginäre physikalische Größen, sie besitzen keine reellen Energien. Deshalb kann man sie nicht messen und auch niemals lesen. Natürlich treten beim Denken von Gedanken neuronale Korrelate im Gehirngewebe auf, aber es gibt aus rein mathematischen Erwägungen heraus keine Eins-zu-eins-Zuordnung zwischen immateriellen mentalen Zuständen und ihren materiellen neuronalen Korrelaten. Deshalb sind medizinische Anwendungen zum Beispiel zur neuronalen Prothesen-Steuerung so schwierig und müssen in jedem Einzelfall mühsam erlernt werden.

Um es vereinfacht zu sagen (in Wirklichkeit ist es etwas komplizierter): Neuronale Zustände sind wie Punkte auf einer Ebene, mentale Zustände entsprechen in diesem Bild Punkten in einem Raum, sie sind sozusagen in der 3. Dimension codiert. Man kann Punkte eines dreidimensionalen Raumes nun niemals auf eine einzelne zweidimensionale Ebene abbilden, das ist mathematisch einfach nicht möglich. Messbare neuronale Korrelate repräsentieren daher niemals einen Gedanken eindeutig, und zwar prinzipiell nicht, das ist keine Frage der Sensortechnik.

Dem widerspricht übrigens nicht, dass gemessen werden kann, ob ein Mensch gerade Angst hat oder ob er glücklich ist, denn hierbei handelt es sich um emotionale Phänomene, die sich im Gehirn immer sowohl mental als auch neuronal herausbilden. Über entsprechende Sensoren kann daher am Kopf gemessen werden, welche Hirnregionen gerade aktiv sind. »Mit etwas Glück lassen sich Rückschüsse auf die Emotionen ziehen, und das wird auch gemacht.« In China etwa gibt es bereits Betriebe, in denen die Arbeiter am Fließband Elektrodenkappen tragen. Ergeben die Messungen, dass der Arbeiter unaufmerksam wird, kommt die frische Ablösung. Damit konnte die Produktivität signifikant gesteigert werden. Wie immer man das auch bewertet, Gedankenlesen sei das nicht. Wenn Ottes Theorie stimmt, wäre es prinzipiell unmöglich, jemals Gedanken zu lesen.